Niedergeknüppelt und verunglimpft
Offener Schriftwechsel zwischen dem Moskauer ARD-Korrespondenten Stephan Stuchlik und blogmedien
19. April 2007. Der Moskauer ARD-Korrespondent Stephan Stuchlik (im Bild rechts) wurde am Wochenende von russischen Sicherheitskräften niedergeknüppelt und vorläufig festgenommen, weil er über eine friedliche Demonstration gegen Präsident Putin in St. Petersburg berichtete. Heraus kam dennoch die bewegende Fernsehdokumentation “Knüppel frei”, die allerdings nur in einigen dritten Programmen gezeigt wurde. Stuchlik bewies mit seinem persönlich hohen Einsatz, dass längst nicht alle ARD-Korrespondenten eine “ruhige Kugel schieben”. blogmedien hat daher allen Grund, den Beitrag “Netz mit Löchern” (3. April 2007) zu relativieren. Lesen Sie dazu den offenen Schriftwechsel zwischen Stephan Stuchlik und Horst Müller.
Auszug aus dem blogmedien-Beitrag “Netz mit Löchern” vom 3. April 2007:
Da könnte man zumindest davon ausgehen, dass Korrespondenten auch vor Ort sind, wenn sich Krisen abzeichnen wie jetzt in der Ukraine. Am Dienstag meldete sich im ARD-Morgenmagazin Stephan Stuchlik allerdings nicht aus Kiew sondern aus dem Moskauer Studio zum so genannten Kollegengespräch mit Moderator Sven Lorig. Auf die Frage, warum es ausgerechnet jetzt zum offenen Konflikt zwischen dem westlich orientierten ukrainischem Präsidenten Juschtschenko und seinem moskautreuen Premier Janukowitsch gekommen sei, antwortete der Fernsehmann tatsächlich: „Für die Beantwortung dieser Frage würde man wohl den Nobelpreis für Politik bekommen.“ Nun ja, der Niederbayer Stuchlik ist im dreiköpfigen Moskauer TV-Korrespondententeam sonst wohl eher für die unpolitischen Themen zuständig. Am Sonntag berichtete er für den Weltspiegel über „Zickenschulen“ in Moskau.
Dazu erreichte uns am 18. April die E-mail von Stephan Stuchlik, ARD-Korrespondent in Moskau:
Liebe blogmedien-Macher, lieber Autor,
ich finde es gut und richtig, dass sie die Verwendung der Rundfunkgebühren hinterfragen und selbstverständlich sind auch wir Auslandskorrespondenten weder vor fehlern noch vor Nachlässigkeit gefeit. Die frage, ob ich und meine Kollegen hier und im ZDF ihr Geld zurecht bekommen, dürfen sie daher gern stellen.
Bei aller liebe zur Meinungsfreiheit würde ich nur um etwas Mäßigung im Tonfall bitten, nicht nur, weil ich in genanntem Artikel selbst aufs Korn genommen werde.
Eine Morgenmagazin-Schalte zur Krise aus der Ukraine sollte aus der Ukraine kommen, so schreiben sie, wer wollte ihnen da widersprechen. Und: glauben sie mir, für niemanden ist es unglücklicher aus Moskau zum Thema zu sprechen, als für den Korrespondenten, in diesem fall für mich.
Dass ich an einem tag wie dem, als die neue Krise in der Ukraine ausbrach, im schlimmsten fall acht Regelsendungen zu bedienen habe, erwähnen sie nicht. Wäre ich sofort losgeflogen, hätte es für ihre Gebühren an diesem Tag weder Tagesschau, Tagessthemen noch Nachtmagazin gegeben. Ich bin mit der ersten Maschine am folgenden Tag nach Kiew geflogen, direkt nach dem Schaltgespräch am Morgen, das sie zitieren, und habe ab dem Nachmittag dieses Tages fünf Tage aus der Ukraine berichtet. Die Vielzahl der Nachrichtensendungen in der ARD ist für den Zuschauer ein Gewinn, es stellt uns aber als Korrespondenten leider vor solche Entscheidungen.
Übrigens: am Sonntag drauf gab es von mir sogar einen Weltspiegel zum Thema “Krise in der Ukraine” (gedreht, geschnitten und getextet in Kiew), der vielleicht gar nicht so viel schlechter war als der von ihnen zitierte Weltspiegel über die “Zickenschule” die Woche zuvor.
Kritisieren sie uns, bitte, aber bemühen sie sich, nicht im versuch der Zuspitzung ungerecht zu werden. Dass sie den China-Korrespondenten Jochen Graebert angreifen, ist besonders ärgerlich, gehört er doch nicht nur zu den fähigsten, sondern auch zu den rührigsten meiner Kollegen. Ihm Untätigkeit zu unterstellen, wie sie es tun, ist unverschämt, ihn an der “Tagesschau-um-acht-uhr-quote” zu messen, ein Affront. Journalist ist nicht nur, wen man mit blauem Mikrophon täglich in den Hauptnachrichten stehen sieht. Dass der Kollege in Haft musste, weil er längere kritische Filme über die Umweltverschmutzung in China, die Bauernrevolten und ähnliches gemacht hat, müssen sie nicht erwähnen. meiner Meinung nach sollten sie es aber.
Ihnen und ihrem blog wünsche ich weiterhin viel Erfolg und immer einen kritischen Blick auf uns
mit freundlichen grüßen
Stephan Stuchlik
P.S. mit einer Veröffentlichung bin ich selbstverständlich einverstanden!
Antwort von Horst Müller, per E-mail am 19. April 2007:
Sehr geehrter Herr Stuchlik,
vielen Dank für Ihre ausführliche Nachricht. Ich habe Ihre Mail erst heute lesen können, weil ich am Mittwoch den ganzen Tag unterwegs war Selbstverständlich werde ich Ihre Nachricht vollständig veröffentlichen und darüber hinaus eine Ergänzung machen. Lassen Sie mich das bitte kurz erklären:
Selten zuvor habe ich im Nachhinein eine eigene Veröffentlichung so bedauert, wie insbesondere die letzte Passage meines Beitrags “Netz mit Löchern” vom 3. April, in der ich Sie persönlich ungerechtfertigt herabgewürdigt habe. Aktueller Anlass für diese Erkenntnis ist nicht zuletzt Ihre Reportage “Knüppel frei” über die von der Polizei niedergeknüppelten Demonstrationen in Moskau und St. Petersburg am vergangenen Wochenende. Obwohl Sie selbst von Polizisten bzw. anderen Sicherheitsbeamten brutal geschlagen und vorübergehend festgehalten wurden, haben Sie – und Ihre Kollegin Ina Ruck – sachlich über die Vorfälle berichtet und die geschundenen Demonstranten in den Mittelpunkt gerückt. Ich habe lange nicht mehr eine dermaßen ergreifende Reportage im Fernsehen gesehen.
Gerade deswegen verbleibt Kritik – nicht an Ihrer journalistischen Leistung, sondern an der Programmplanung der verantwortlichen Chefredaktionen. Es ist unverständlich, dass ein solches Zeitdokument in einigen dritten Programmen schon fast versteckt – und nicht im “Ersten” in der Primetime gesendet wurde. Das NDR-Fernsehen zeigte Ihre Reportage beispielweise Mittwochnacht um 23.30 Uhr. Und genau das war der eigentliche Kritikpunkt meines Beitrags: Die zunehmende Herabstufung journalistischer Inhalte in der ARD, insbesondere im “Ersten”, bei gleichzeitiger “Pilawarisierung” der gebührenfinanzierten Programme. Ich wünsche mir, dass journalistischen Leistungen wieder verstärkt in den Mittelpunkt der Programme rücken – und ich bin sicher, dass es viele weitere Gebührenzahler gibt, die diesen Anspruch haben.
Ihnen wünsche ich, dass Sie sich bald von den Übergriffen erholen. Für Ihre weitere Arbeit wünsche ich Ihnen und Ihren Kollegen viel Erfolg. Lassen Sie sich nicht unterkriegen, weder von Schlägern, noch von uneinsichtigen Programmplanern und schon gar nicht von unzutreffenden Blogbeiträgen.
Mit freundlichen Grüßen
Horst Müller
Autor Horst Müller, wenn im Titel nicht anders angegeben. Archiviert unter TV.



