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Netz mit Löchern

Wofür wir unsere Rundfunkgebühren bezahlen (Teil 1): zum Beispiel für das „weltweit größte Korrespondenten-Netz“

07-04-03-ard-mittagsmagzin.jpg3. April 2007. „In Zeiten eines zunehmenden ‚Häppchen-Journalismus’ setzt die ARD auf Seriosität. Ihr Korrespondenten-Netz ist das größte weltweit. Nicht mal große amerikanische Networks können hier mithalten. Weiße Flecken auf der Landkarte gibt es nicht.“ Nachzulesen ist dieser beeindruckend klingende Text auf der Website des ARD-Mittagsmagazins (Bild: Website ARD-Mittagsmagazin). Nur mit der Realität hat er nicht allzu viel gemein. Wo früher im “Ersten” Dokumentationen und 45minütige Auslandsreportagen liefen, sorgen heute Pilawa und Beckmann für kurzweilige Zerstreuung. In der ersten Folge der Reihe „Wofür wir unsere Rundfunkgebühren bezahlen“ beschäftigt sich blogmedien mit dem „weltweit größten Korrespondentennetz“, das allerdings einige Löcher hat.

Kennen Sie Jochen Gräbert? Als Mitglied der Informationsgesellschaft sollten sie wissen, dass er seit annähernd drei Jahren das ARD-Studio in Peking leitet. Gräbert ist damit Chef eines der wichtigeren ausländischen „Berichtsgebiete“. Seinen letzten Auftritt in einer Hauptnachrichtensendung hatte der Pekinger Studioleiter laut ARD-Aktuell-Archiv am 19. Oktober 2006. Für die Tagesthemen berichtete Jochen Gräbert über die Rolle Chinas im Streit mit Nordkorea. Damit gehört er zu den vielbeschäftigten Kollegen im – laut ARD-Eigenwerbung – „weltweit größten Korrespondentennetz“.

Auf Streife mit der Büffelpolizei

Da kann man schon mal die Übersicht verlieren. Auf der ARD-Website werden zunächst 25 Berichtsgebiete erwähnt, beim Nachzählen kommt man allerdings auf 26 Studios – von Beijing bis Washington. Mag sein, dass schlicht ein Kollege im Ausland übersehen wurde. Wie Klaus-Rüdiger Metze in Prag, dessen letzter großer Einsatz nun fast schon ein Jahr zurück liegt. Am 3. Juni 2006 berichtete er für die Tagesthemen über die Wahlen in Tschechien. Fast ebenso lang war Thomas Aders in keiner der Hauptnachrichtensendungen im Ersten zu sehen. Der soll uns eigentlich von Rio de Janeiro aus über alle wichtigen Dinge in ganz Südamerika auf dem laufenden halten. Immerhin – am 4. Februar war er für den Weltspiegel am Amazonas „Auf Streife mit der Büffelpolizei“. Damit der ganze Aufwand sich auch lohnte, wurde das zeitlose Filmchen am 27. März in den „Weltbildern“ auf N3 noch einmal gezeigt.

Die Korrespondenten sind für die Versorgung der ARD-Nachrichtensendungen, einschließlich der dritten Programme zuständig. Hinzu kommen Beiträge für Morgen- und Mittagsmagazin, Weltspiegel und gelegentliche Einsätze für Kultur-, Wirtschafts- oder Boulevardsendungen. Ganz emsige Berichterstatter schreiben hin und wieder für die Website tagesschau.de oder stellen der Onlineredaktion zumindest ihre Manuskripte zur Verfügung. Vorbei sind allerdings die Zeiten, als Auslandskorrespondenten noch eigene 45 Minuten lange Dokumentationen und Reportagen versenden durften oder sogar regelmäßige Magazine im Programm hatten wie das legendäre „New York, New York“ des 1993 verstorbenen deutschen TV-Pioniers Werner Baecker.

Pilawarisierung des Ersten

Solche Programmplätze gibt’s angesichts der „Pilawarisierung“ des Ersten kaum noch. Wo früher Dokumentationen und Reportagen liefen, beispielsweise am Donnerstagabend, darf heute Jörg Pilawa mit mehr oder weniger prominenten TV-Kollegen irgendwelche Spiele treiben. Die verbleibenden journalistischen Sendeplätze werden von Beckmann & Co. belegt, oder von den Veteranen aus den Chefetagen der Sendeanstalten, wenn sie von Kamerateams auf ihren Rentnerreisen begleitet werden. Zum Jahreswechsel gab’s den Dreiteiler „Die Rockies“ mit netten Reisereportagen von Ex-Korrespondent Gerd Ruge, dem früheren Monitor-Chef Klaus Bednarz und Fritz Pleitgen. Für den war der Einsatz in den Rocky Mountains offenbar so etwas wie eine Vorruhestandsregelung. Erst Ende März wurde er turnusmäßig als WDR-Intendant abgelöst. Man darf also auf weitere Reiseerlebnisse Pleitgens gespannt sein.

Auch bei aktiven Mitgliedern der ARD-Führungscrew sind Korrespondentenplätze im Ausland durchaus begehrt. Im Januar 2006 wechselte der damalige Chefredakteur von ARD-aktuell Bernd Wabnitz als Studioleiter und Fernsehkorrespondent nach Rom.

Schlecht ist das für das Sendungsbewusstsein ambitionierter Nachwuchskorrespondenten. Wenn deutsche Spitzenpolitiker ins Ausland reisen, werden die von den ihnen vertrauten Gesichtern aus dem „ARD-Hauptstadtstudio“ begleitet und mit dem Radio haben die TV-Berichterstatter ohnehin nichts zu schaffen. Dafür sind die ARD-Hörfunkkorrespondenten zuständig, die zumeist bei anderen Rundfunkanstalten organisatorisch angebunden sind als die Kollegen vom Fernsehen. In Peking ist das beispielsweise seit Juli 2005 Petra Aldenrath, die zuständigkeitshalber vom Rundfunk Berlin Brandenburg (RBB) in den Fernen Osten entsandt wurde, während die Heimatredaktion von TV-Mann Jochen Gräbert beim NDR in Hamburg sitzt.

Da könnte man zumindest davon ausgehen, dass Korrespondenten auch vor Ort sind, wenn sich Krisen abzeichnen wie jetzt in der Ukraine. Am Dienstag meldete sich im ARD-Morgenmagazin Stephan Stuchlik allerdings nicht aus Kiew sondern aus dem Moskauer Studio zum so genannten Kollegengespräch mit Moderator Sven Lorig. Auf die Frage, warum es ausgerechnet jetzt zum offenen Konflikt zwischen dem westlich orientierten ukrainischem Präsidenten Juschtschenko und seinem moskautreuen Premier Janukowitsch gekommen sei, antwortete der Fernsehmann tatsächlich: „Für die Beantwortung dieser Frage würde man wohl den Nobelpreis für Politik bekommen.“ Nun ja, der Niederbayer Stuchlik ist im dreiköpfigen Moskauer TV-Korrespondententeam sonst wohl eher für die unpolitischen Themen zuständig. Am Sonntag berichtete er für den Weltspiegel über „Zickenschulen“ in Moskau.