“Marienhof” im Radio
Eine Studie belegt: Der Hörfunk in Deutschland ist vielfach durch verdeckte Werbe- und PR-Angebote “infiltriert”
13. März 2007. Als der Medienjournalist Volker Lilienthal im Juni 2005 bei epd-Medien den so genannten Marienhof-Skandal veröffentlichte, war „Schleichwerbung“ plötzlich Thema, auch in der breiten Öffentlichkeit. In den folgenden Monaten wurden weitere Mauscheleien zwischen Programmmachern und Werbetreibenden im öffentlich-rechtlichen und privaten Fernsehen aufgedeckt. Interne Untersuchungskommissionen wurden eingesetzt, Köpfe rollten und die beteiligten Programmverantwortlichen sagten den Schleichwerbereien auf der Mattscheibe öffentlichkeitswirksam den Kampf an. Schön, dachten sich offenbar die Kollegen beim Radio, wenn sich alle ums Fernsehen rangeln, dann können wir ja weitgehend ungestört weiterhin Schleichwerbung betreiben.
Und sie taten es denn auch. Nahezu unbehelligt von Landesmedienanstalten, den Aufsicht führenden Institutionen für Privatsender, und den Rundfunkräten der öffentlich-rechtlichen Wellen, vermischen Hörfunkprogramme zwischen Kiel und München regelmäßig Programminhalte mit Werbebotschaften. Zu diesem Ergebnis kommt die Studie „Public Relations und werbliche Erscheinungsformen im Radio“ des Kommunikationsforschers Helmut Volpers, die jetzt von der nordrhein-westfälischen Landesanstalt für Medien (LfM) veröffentlicht wurde.
Besonders problematisch sieht Volpers die zunehmende Beeinflussung der Programminhalte durch fertig produzierte Audiobeiträge, die den Sendern zumeist von PR-Agenturen kostenfrei zur Verfügung gestellt werden. Der Kommunikationsforscher sieht darin einen “Infiltrationsprozess der Public Relations in den Kernbestand journalistischer Kommunikationsinhalte.“ Mit anderen Worten: Unternehmen, Institutionen und Verbände bestimmen immer mehr, was im Radio läuft. Ähnlich wie seinerzeit beim „Marienhof“, nur eben im Hörfunk.
Public Relations und werbliche Erscheinungsformen im Radio. Eine Typologisierung persuasiver Kommunikationsangebote des Hörfunks. Berlin 2007; Medienforschung der Landesanstalt für Medien, Bd. 55. 256 Seiten. ISBN 978-3-89158-449-1; 18,- €
Autor Horst Müller, wenn im Titel nicht anders angegeben. Archiviert unter RADIO.



