Sex sells
Die dennoch jugendfreie blogmedien Nachlese Nr. 3 für die Woche vom 11. bis 17. Dezember 2006 mit “Pornorama” bei Spiegel-Online +++ züchtigen Onlinestudien +++ gefährlichen Katern +++ Oldies but Goldies +++ vertauschten Coverboys
17. Dezember 2006. Julia Bönisch ist 25 Jahre jung, hat Journalistik und Betriebswirtschaftslehre studiert und einige Erfahrungen bei Spiegel Online gesammelt. Was sie dort als Praktikantin und Vertreterin von Redakteuren in mehreren Ressorts erlebte, hat sie in dem vom Netzwerk Recherche herausgegebenen Buch “Meinungsführer oder Populärmedium? Das journalistische Profil von Spiegel Online” aufgeschrieben. Unter anderem, dass es in der Redaktion der erfolgreichsten deutschsprachigen Website mit publizistischer Ausrichtung durchaus auch um Sex geht, wie Spiegelkritik aus dem Buch zitiert: “Artikel von diesem Kaliber erscheinen meist im Ressort Panorama, intern gern als Pornorama verspottet. Denn auch Bildergalerien von halbnackten Sambatänzerinnen in Rio de Janeiro oder von jungen Models, die neueste Bademode präsentieren, sind Klickgranaten, die die PageImpressions in die Höhe treiben und bei anderen Redakteuren schon mal für Unmut sorgen.”
Vielleicht sollten die Spiegel-Online-Macher das Erotikangebot sogar noch ausbauen – das könnte durchaus zu einer höheren Verweildauer auf der Website führen, wie die Kollegen von Coupé bestätigen werden. Jeder Besucher ruft dort ausweislich der IVW-Onlinestatistik durchschnittlich 52 Seiten auf. Bei Spiegel Online sind es vergleichsweise magere fünf “Page Impressions” pro “Visit”.
Allerdings spielt “Sex” in Online-Studien bislang kaum eine Rolle. Wer einen Computer mit Internetanschluss besitzt, empfängt und verschickt Emails, sucht Informationen und Unterhaltung, erledigt seine Bankgeschäfte, beteiligt sich an Foren, Chats oder Auktionen und kauft gelegentlich in virtuellen Warenhäusern ein. Aufgelistet werden die vermeintlich häufigsten Onlineanwendungen von 37,4 Millionen Deutschen, die regelmäßig das Internet nutzen, in der ARD/ZDF-Onlinestudie. Die Begriffe “Sex”, “Erotik” oder gar “Porno” sind in der Untersuchung überhaupt nicht zu finden. Auch die Arbeitsgemeinschaft Onlineforschung (AGOF), die vorgibt in ihren Studien “Kerndaten zur Internetnutzung und zum E-Commerce” zu liefern, vermeidet “Erotik” bei ihrer Online-Analyse. So lange Sex in Internetstudien nicht zählt, sind diese kaum den Speicherplatz wert, auf dem sie aufbewahrt werden.
Dass “Sex sells”, auch im Radio, hat schon vor vielen Jahren der amerikanische Kultmoderator Howard Stern erkannt.
Seine Ein- und Ausfälle haben ihm zeitweise Sendeverbote, vor allem aber hohe Bekanntheit in den Vereinigten Staaten eingebracht. Jetzt gibt es bei Radio Energy so etwas wie einen deutschen Ableger. “911″ heißt die Talkshow, die abends zwischen 21 und 23 Uhr auf den deutschen Stationen der Senderkette läuft. Wohl nach dem Motto “Howard Stern für Arme” gehen die Moderatoren Daniel Melcer, Johannes Sassenroth und Philipp Kleininger samt ihren Anrufern ganz schön heftig zur Sache. Am Mittwochabend berichtete eine Hamburgerin, sie befürchte, dass ihr “geiler Kater” irgendwann auf ihren Freund losgehen könnte, wenn sie nicht zu Hause sei. Auf Nachfrage bestätigte sie ausdrücklich, dass es sich tatsächlich um eine “männliche Katze” handele.
Auf “Oldies but Goldies” hat es dagegen Eins Live, die Jugendwelle des Westdeutschen Rundfunks, künftig abgesehen. Nach einem Bericht des Mediendienstes Kressreport will das Programm ab 5. Januar ernsthafter werden und sich auch an ältere Hörer richten. Wie alt darf’s denn sein? Schon jetzt sind die Hörer des vermeintlichen Jugendprogramms im Durchschnitt weit über 30.
Die meisten Einslive-Hörer können sich deswegen wohl noch gut an die Vorweihnachtszeit vor 22 Jahren erinnern. Damals veröffentlichten Wham! ihren Titel “Last Christmas”, der seitdem jedes Jahr wieder Auferstehung feiert, vor allem in deutschen Radioprogrammen. Überall zu sehen ist dann auch die Plattenhülle mit den vertauschten Namen der beiden Coverboys. George Michael steht unter dem Bild von Andrew Ridgely – und umgekehrt. Das hat bislang offenbar niemanden gestört. Ob die vielen Weihnachtsschlager und Popballaden im Radio nerven, wollen wir in unserer Dezember-Umfrage wissen. Sie können noch bis Donnerstag mitmachen.
Wegen Weihnachten und “Schifoan” gibt’s die nächste blogmedien-Nachlese erst wieder am 7. Januar 2007. Schöne Tage bis dahin wünscht
Horst Müller
Autor Horst Müller, wenn im Titel nicht anders angegeben. Archiviert unter ALLGEMEIN.



