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Zapp ist zahm geworden

Das ehemals bissige NDR-Medienmagazin sendet immer häufiger “Gute-Nacht-Geschichten”

13. Oktober 2006. Manchmal ende eine Sendung mit einem traurigen Thema, das müsse auch mal sein, erklärte Moderatorin Inka Schneider den Zuschauern sichtlich verlegen, bevor der Abspann ins Bild rückte. 06-10-13-Zapp-zahm.jpgZapp hatte am Mittwochabend (11. Oktober) über Wilhelm Brasse berichtet, der als KZ-Häftling in Auschwitz Todgeweihte für die Kartei des Lagers fotografieren musste. In einem Film wurden jetzt die schlimmsten Jahre seines Lebens dokumentiert. Der gefühlvoll gestaltete Beitrag wäre wohl im Rahmen einer Kultursendung besser platziert gewesen, als in einem Medienmagazin, das zurzeit offenbar die Orientierung verloren hat.

Auch die anderen Beiträge, die an diesem Abend liefen, hatten mit der ehemals bissigen Medienkritik des Magazins kaum noch etwas gemein. Zur Übernahme der Videoplattform YouTube durch den Suchmaschinengiganten Google wurde festgehalten, dass damit die “publizistische Vielfalt im Netz in Gefahr” gerate. Wie es den YouTube-Machern allerdings gelingen konnte, innerhalb eines Jahres zur unangefochtenen Nummer eins ihres Genres aufzusteigen und den Wert der Plattform im selben Zeitraum von Null auf umgerechnet rund 1,3 Milliarden Euro zu steigern, blieb in dem Zapp-Bericht dagegen unbeantwortet.

“Des hat mich sehr geärgert”

Auch die Berichterstattung über das vermeintliche “Pressedebakel der Siemens AG” gelang nur lückenhaft. Zwar wurden die peinlichen Patzer von Vorstandschef Klaus Kleinfeld und seiner Pressecrew im Zusammenhang mit der ehedem geplanten Erhöhung der eigenen Bezüge akribisch aufgezeigt. Nicht erwähnt wurde allerdings, dass es Siemens bislang immerhin gelungen ist, Pläne über die Auslagerung von 53.000 Mitarbeitern aus der breiten Medienberichterstattung herauszuhalten. Stattdessen durfte sich Christoph Arnowski, Redakteur des Bayerischen Rundfunks, in Zapp darüber beklagen, dass nicht er und andere Journalisten, sondern die BILD-Zeitung von Siemens exklusiv über den “Verzicht auf Gehaltserhöhung” informiert wurde: “Des hat mich, muss ich sagen, sehr geärgert.”

Zurzeit kann Zapp wahrlich nicht eine besondere Stellung in der kritischen Medienberichterstattung für sich reklamieren, zumal heftig umstrittene Themen wie die Rundfunkgebühr für Internetnutzer bislang einfach außen vor blieben. Mag sein, dass Redaktionsleiter Kuno Haberbusch und sein Team in diesem Fall zwischen die Interessen ihrer Anstaltsleitung und der Zuschauer geraten wären. Während NDR-Intendant Jobt Plog ein vehementer Befürworter der so genannten “Internetgebühr” ist, wird diese von der breiten Öffentlichkeit strikt abgelehnt, wie mehrere Umfragen belegen.

Berichte über “lukrative Nebenjobs” der ARD-Stars

Dabei gehörte es zu den herausragenden Stärken von Zapp, nicht nur BILD oder “Private” kritisch zu begleiten, sondern vor allem auch Ungereimtheiten, Missstände und Korruption bei den öffentlich-rechtlichen Kollegen unnachgiebig zu dokumentieren. So beschäftigte sich das Medienmagazin im vergangenen Jahr intensiv mit dem “Marienhof-Skandal” und befragte zur Schleichwerbung in mehreren TV-Serien hartnäckig ARD-Obere wie den Programmdirektor Günter Struve. Im Mai berichtete das Medienmagazin über “Lukrative Nebenjobs – wie Fernsehmoderatoren Werbung machen.” Im Mittelpunkt des kritischen Zapp-Berichts standen Johannes B. Kerner und Reinhold Beckmann. Die beiden bekanntesten Gesichter des öffentlich-rechtlichen Fernsehens sind wegen ihrer unglaubwürdigen Doppelrolle als vermeintliche Journalisten und begehrte Werbeikonen ins Gerede gekommen, wozu das Medienmagazin seinerzeit kräftig beitrug.

Doch seitdem sich Zapp zeitgleich zur Fußball-WM eine Auszeit gönnte, um “ins Trainingslager zu gehen”, wie Inka Schneider in der Sendung am 31. Mai ankündigte, sind kritische Beiträge über öffentlich-rechtliche Missstände zur Rarität geworden. Im Umfeld der Redaktion wird bereits offen darüber gesprochen, dass NDR-Intendant Jobst Plog entgegen früherer Versicherungen seinen kritischen Medienjournalisten jetzt mehr Zurückhaltung in eigener Sache auferlegt habe. Tatsächlich ist Zapp seit Rückkehr aus dem “Trainingslager” Mitte Juli vergleichsweise zahm geworden. Immer häufiger sind Beiträge zu sehen, die eher an “Gute-Nacht-Geschichten”, als an kritischen Medienjournalismus erinnern. Als am 4. Oktober das Spezial “Versendete Werte” über deutsche Privatsender lief, fragte die Frankfurter Rundschau besorgt, ob sich das einzige hauseigene Medien-Magazin der ARD “in Zeiten von Radler-Sponsoring und peinlicher Wut-Verschiebung in Form dieses Schattenboxens mal eben eine generöse Auszeit nimmt, weil es sich über den eigenen Laden derzeit schlecht reden lässt.”

Hoffnung macht allerdings eine Ankündigung von Moderatorin Inka Schneider aus der Sendung vom 11. Oktober, dass man sich demnächst erneut mit dem Fall Hagen Boßdorf beschäftigen wolle. Stunden zuvor war bekannt geworden, dass der Vertrag des umstrittenen ARD-Sportkoordinators wegen indirekter Beteiligung an einem erneuten Schleichwerbeskandal nicht verlängert wird. Diesmal geht’s um Sponsortrailer der Margarine “Becel”, die mit Boßdorfs Hilfe ins ARD-Programm gelangten. Mit fundierten Berichten – auch über solch schmierige Themen aus dem eigenen Haus – hatte sich Zapp immerhin einen Namen gemacht.

ZAPP – das NDR-Medienmagazin läuft jeweils mittwochs, 23.00 bis 23.30 Uhr bei N3. Wiederholung auf 3sat, jeweils am Freitag, 15.30 – 16.00 Uhr. – Link