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Radio Dingsbums

Während die Branche die Renaissance des Wortes diskutiert, setzen einige Privatsender weiter auf Gewinnspiele. Journalismus spielt in den Programmkonzepten kaum noch eine Rolle.

26. April 2006/Horst Müller für Cut – das Medienmagazin, Mai 2006. Satire im Radio hat’s schwer – zumal, wenn es ums eigene Medium geht. 06-04-26-Shit-fm-logo.jpgAm 1. April lief auf dem Münchner Ausbildungskanal „94.5“ mit „shit.fm“ eine Persiflage auf massenpopuläres Privatradio unter dem Slogan „Wir spielen den größten Scheiß der 80er, 90er und die dümmsten Sprüche von heute“. Aufs Korn genommen wurde so ziemlich alles, was für einen großen Teil der deutschen Radiohörer inzwischen längst zur Realität geworden ist: „durchhörbarer Musikbrei“, „kumpelhafte Moderatoren“, „phatte News“ und beliebig austauschbare „geheime Geräusche“, die von zahlenden Anrufern nicht erraten werden können. Blitzer-Meldungen präsentierte das Eintagsradio nach dem Motto „sollten keine vorliegen, werden einfach welche gemacht“.

„Shit.fm“ machte in Bayern kaum Furore. Wie denn auch? Die tägliche Funkrealität hat die Kreativität der Radiosatiriker längst übertroffen. Zwei Tage später, am 3. April, meldete Antenne Bayern, dass Ministerpräsident Stoiber stinksauer auf bayerische Schüler sei, weil diese ihre ausländischen Klassenkameraden bei Prügeleien außen vor ließen. Das war keine Satire, sondern „Aufmacher“ in den Frühnachrichten, die an diesem Morgen gleich mehrfach mit folgendem Satz begannen: „In der Debatte um Gewalt an Schulen kritisiert Bayerns Ministerpräsident Stoiber die mangelnde Integration von Ausländerkindern.“ Auch über die merkwürdige Interpretation dieser seinerzeit knapp fünf Wochen alten Aussage des CSU-Chefs vom „politischen Aschermittwoch“ regte sich – soweit bekannt – in Bayern niemand auf.

Erinnerungsleistung

Radiomacher – so scheint es – haben inzwischen weitgehende Narrenfreiheit erlangt. In den Konzepten vieler massenpopulär ausgerichteter Programme hat zuverlässiger Journalismus kaum noch Platz. Angesagt sind dagegen gut dotierte Gewinnspiele, die pro Sendestunde bis zu 20 mal angekündigt und mindestens einmal durchgeführt werden. Immer mehr Sender setzen auf solche marktschreierischen Gewinnaktionen um Aufmerksamkeit zu erzielen und vor allem in der Media-Analyse möglichst viele Hörer nachgewiesen zu bekommen. Die „MA-Radio“ ist nach wie vor die wichtigste Währung für den Nachweis des Programmerfolgs und damit für die Vermarktung von Werbezeiten. Die Formel lautet vereinfacht: Wer viele Hörer hat, kann auch höhere Einnahmen aus dem Verkauf von Hörfunkspots erzielen. Unter Radiomanagern kursiert eine Faustregel für Umsatzsteigerungen: Pro 10.000 dazu gewonnener Hörer in der Media-Analyse, erhöhen sich die Werbeumsätze bei landesweit verbreiteten Privatsendern im Folgejahr um 1 Million Euro.

Allerdings ist man bei Erhebung der Daten in Deutschland bisher allein auf das Erinnerungsvermögen der Probanden angewiesen. Die Einschaltquoten werden nicht technisch gemessen, sondern basieren auf der Gedächtnisleistung der Befragten. Für die im März veröffentlichte MA-Radio 2006/1 wurden bundesweit knapp 60.000 Telefonbefragungen ausgewertet. Dabei müssen die Probanden in 15 Minutenschritten in einer Art fiktivem Tagebuch angeben, welchen Sender sie jeweils am Vortag gehört haben. Gewiefte Radiomacher wie Hermann Stümpert, der im vergangenen Jahr verstorbene frühere Programmdirektor von Radio Schleswig-Holstein (R.SH) und einer der Pioniere des Privatradios in Deutschland, gaben bereits Ende der 80er Jahre folgerichtig die Devise aus: „Es ist nicht wichtig, wie viele Leute uns wirklich hören. Wichtig ist, dass sich möglichst viele an unseren Sender erinnern können, wenn sie von Marktforschern danach gefragt werden.“

Stümpert ließ schon damals während der Erhebungszeiträume der Media-Analyse im Frühjahr und im Herbst besonders intensiv für seinen Sender vorzugsweise auf Plakaten werben und hievte Gewinnspiele mit attraktiven Preisen ins Programm. Heutzutage überbieten sich die Programme landauf landab vor allem während der MA-Erhebungszeiträume mit Gewinn versprechenden „Zockerduellen“ oder „geheimen Geräuschen“.

Hütchenspieler

Antenne Bayern zockt die Hörer gleich mit ab – in diesem Frühjahr mit dem „Dingsbums-Spiel“. Wer einen von der Comedy-Figur „Der kleine Nils“ umschriebenen Begriff errät, könne mindestens 50.000 Euro gewinnen, versprachen die Antenne-Moderatoren ihren Hörern. Voraussetzung war allerdings, dass die Mitspieler auf der kostenpflichtigen Hotline des Senders anriefen. Wer schließlich 49 Cent investierte, konnte dennoch selten einen Tipp abgeben. Zumeist beschied ein Anrufbeantworter, dass es diesmal leider nicht geklappt habe – das Geld wurde dennoch abgebucht. Man stelle sich vor, auf einem Jahrmarkt werden lautstark Lose angepriesen. Nach Bezahlung des Lospreises verwehrt der Verkäufer jedoch den Mitspielern den Griff in den Lostopf. Die Verärgerung bei den geprellten Loskäufern wäre wohl groß und vermutlich würde das zuständige Ordnungsamt rasch einschreiten und dem Losbudenbesitzer mit Entzug der Konzession drohen.

Deutsche Landesmedienanstalten, die unter anderem für die Aufsicht über die Programme der Privatsender zuständig sind, ignorieren dagegen beharrlich die „Hütchenspiele“ der Radiomacher. Im Gegenteil – die Bayerische Landeszentrale für neue Medien (BLM) veröffentlichte sogar in ihrer offiziellen Schriftreihe eine Studie über so genannte Mehrwertdienste in TV und Hörfunk „bei denen die Erlösgenerierung auf das Publikum ausgedehnt wird“ – so steht es tatsächlich im Begleittext, der auf der Website der BLM nachzulesen ist. Geschäftstüchtige Radiomacher sind indes kaum auf die Tipps der Medienwächter angewiesen. Längst haben sie eigene Geschäftsmodelle entwickelt, um Geld von ihren Hörern „zu generieren“. Die in Hamburg ansässige „Radio Business to Consumer GmbH“, eine Gründung der privaten Hörfunkholding “Radiocast”, sieht „Hörer, Zuschauer und Leser“ als „eine ergiebige Quelle zusätzlicher Erlöse“. Geschäftsführer Klaus Gräff rechnet für das Jahr 2006 „mit einem überproportionalen Wachstum“, vor allem bei den Mehrwertdiensten. Die Erlöse fließen für Radiosender vor allem aus den kostenpflichtigen Anrufen ihrer Hörer bei Gewinnaktionen.

Da verwundert es kaum, dass solche Gewinnspiele inzwischen allerhöchste Priorität in vielen Programmen haben. Ausnahmen werden selbst bei herausragenden Ereignissen im eigenen Verbreitungsgebiet nur selten gemacht. So geschehen am 2. Januar dieses Jahres in Bayern. Ganze Teile des Freistaats waren an diesem Tag von enormen Schneefällen praktisch lahm gelegt. Menschen saßen noch am späten Abend auf Bahnhöfen fest, weil der Zugverkehr streckenweise eingestellt werden musste. Landstraßen waren teilweise unpassierbar, auf Autobahnen spielten sich chaotische Szenen durch querstehende LKWs ab. Zu einer Katastrophe kam es am Nachmittag in Bad Reichenhall im Südosten Bayerns, als dort das Dach einer Eishalle einstürzte, wobei 15 Menschen – zumeist Jugendliche – den Tod fanden. Und Antenne Bayern spielte weiterhin unbeirrt „Dingsbums“. Erst am nächsten Morgen entschloss sich die Sendeleitung, das erlösträchtige Gewinnspiel zu unterbrechen. Was für die Radiomacher offensichtlich wirklich wichtig war, wurde indes auf der Website des Senders dokumentiert. Noch am Tag nach der Katastrophe war „Dingsbums“ die Topmeldung auf der Antenne-Homepage, gefolgt vom „Jahres-Horoskop für 2006“. Erst danach war eine Meldung über den „Eishallen-Einsturz“ in Bad Reichenhall zu lesen.

Anruffakes

Wenn es um Gewinnspiele geht, ignoriert Deutschlands erfolgreichster Radiosender, wie sich Antenne Bayern seit Veröffentlichung der letzten Media-Analyse selbst nennt, auch schon mal gesetzliche Grundlagen. Im Bayerischen Mediengesetz werden die Sender nämlich ausdrücklich zur Wahrheitspflicht angehalten. Dazu heißt es in Artikel 5 unter anderem „Entstellungen durch Verzerrung der Sachverhalte sind zu unterlassen.“ Doch für den Primus im bayerischen Radiomarkt scheinen solche Vorgaben nichts als Makulatur zu sein, wie unter anderem bei der Gewinnaktion „Hallo Antenne Bayern“ im Herbst des vergangenen Jahres herauskam. Wochenlang hatten die Moderatoren des Senders ihren Hörern vorgegaukelt, dass diese 10.000 Euro gewinnen könnten, wenn sie sich „jetzt“ am Telefon mit dem gewünschten Slogan melden würden. Man konnte tatsächlich den Eindruck erhalten, dass in Bayern nur noch Antenne gehört wird. Angerufene, die die Gewinn versprechenden Worte nicht parat hatten, versicherten stets ausdrücklich, dass ihnen das Spiel wohl bekannt sei und sie ausgerechnet in diesem Augenblick nicht daran gedacht hätten.

Als vermeintlicher Spielverderber entpuppte sich allerdings Bjoern Clauss aus Soyen bei Wasserburg. Am 27. September 2005 um die Mittagszeit ging bei ihm der Antenne-Anruf auf seinem Firmenanschluss ein. Dem selbständigen Internetdesigner fiel gleich auf, dass die Telefonnummer auf der Gegenseite unterdrückt war. Auf die Frage, wen der zunächst anonyme Anrufer denn sprechen wolle, kam die Antwort, dass dieses der 10.000 Euro-Anruf von Antenne Bayern sei. „Ich habe ihm dann gesagt, dass er andere Leute belästigen soll“, fasst Clauss das recht abrupte Ende des Gesprächs zusammen. Auf dem Sender war der Dialog nie zu hören. Unliebsame Mitspieler wurden vorher ausgesondert. Auf Nachfrage musste der Sender schließlich kleinlaut einräumen, dass die Telefonanrufe vorher aufgezeichnet wurden.

Während bayerische Zeitungen – wohl nicht zuletzt auch aus Rücksicht auf ihre Beteiligungen an Antenne Bayern – die PR- und Gewinnaktionen des Senders mit wohlwollenden Beiträgen regelmäßig unterstützen, gab’s diesmal auch kritische Artikel. Die Passauer Neue Presse enthüllte beispielsweise, dass erst Tage nach dem Anruf das Telefonat mit einem Schornsteinfeger gesendet wurde, der den 10.000-Euro-Anruf überhaupt nicht selbst angenommen hatte, sondern erst später für seine wohl nicht „sendefähige“ Frau eingesprungen war.

Es ist schon erstaunlich, dass Antenne Bayern – ähnlich wie andere Sender auch – den Hörern solche Mauscheleien überhaupt zumutet. Bedenklich ist allerdings, dass die Radiomacher aus Ismaning bei München damit auch noch Erfolg haben – zumindest gemessen an der Entwicklung ihrer in der Media-Analyse ausgewiesenen Hörerzahlen. In den vergangenen zwei Jahren stieg die Zahl der Hörer pro Durchschnittsstunde um annähernd 50% auf zuletzt 995.000.

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Öffentliches Lob erhielt dafür vor allem Programmchefin Valerie Weber, auch vom eigenen Geschäftsführer Karlheinz Hörhammer: „Dieses Ergebnis zeigt, dass Valerie Weber sehr verdient den Titel als ‚Deutschlands beste Programmdirektorin’ verliehen bekommen hat.“ Insider wissen allerdings, dass hinter dem vermeintlichen Erfolg vielmehr Rik de Lisle steht, der europäische Statthalter des US-Radio-Consultants Alan Burns. Seit 1997 erklärt der frühere AFN-Discjockey und ehemalige Programmchef des Berliner Senders „R.S.2“ deutschen Hörfunkern gegen üppige Honorare, dass man auch ohne nennenswerte journalistische Inhalte erfolgreich Radio machen kann – zumindest gemessen an den Ergebnissen der Media-Analyse. Zur Kundschaft gehören inzwischen allein in Deutschland ein Dutzend private Sender.

Allerdings müssen de Lisle und seine Beraterkollegen inzwischen wohl einsehen, dass der Erfolg ihrer Programmrezepte, bestehend aus den „größten Hits der 80er, 90er und dem Besten von heute“, fröhlich plappernden Moderatoren sowie Gewinnspielen mit zumeist üppigen Geldpreisen nicht unendlich ist. So verlor das ebenfalls von den Burns-Leuten beratene Radio PSR in den vergangenen zwei Jahren rund ein Drittel seiner Hörerschaft. Noch im November des vergangenen Jahres hatten die sächsischen Privatfunker mit Ausschüttung eines Gewinns von 318.000 Euro versucht, ein erneutes Debakel in der Media-Analyse abzuwenden. Vergeblich, das Geld war offenbar schlecht investiert. Für 318.000 Euro könnte der Sender auch 10 zusätzliche Redakteure und Volontäre ein Jahr lang beschäftigen.