“Die umstrittenen, aber maßgeblichen Zahlen”
Bei den am Dienstag veröffentlichten Hörerzahlen für deutsche Radiosender gibt’s mal wieder einige Ungereimtheiten. Die MA-Radio wird immer mehr zur Wackel-Währung für den Hörfunk.
14. Juli 2009. Zweimal im Jahr, immer dann, wenn von der Arbeitsgemeinschaft Media-Analyse (AG.MA) die Hörerzahlen veröffentlicht werden, widmet selbst der sonst eher radioscheue Mediendienst DWDL dem Hörfunk einen Beitrag. Und jedes mal hat die Berichterstattung eine nahezu gleichlautende Einleitung, so auch an diesem Dienstag: “Die umstrittenen, aber maßgeblichen Zahlen der Radio-MA liegen vor.” Damit haben Chefredakteur Thomas Lückerath und seine Leute den Nagel genau auf den Kopf getroffen. “Maßgeblich” ist die Radio-MA, weil sie immer noch als “Währung” für die Bemessung von Erfolg bzw. Misserfolg von Hörfunksendern in Deutschland gilt. Das ist durchaus wichtig für die Werbewirtschaft und wohl auch für die Befindlichkeit von Radiomanagern. Umstritten ist die Hörerbefragung deswegen, weil die Ergebnisse bei ihrer Veröffentlichung völlig veraltet – und zudem längst nicht immer nachvollziehbar sind.
So wie diesmal für den sächsischen Privatsender “Hitradio RTL Sachsen“. Folgt man den Ergebnissen der “MA 2009 Radio II”, hatte am 4. Januar dieses Jahres ein beträchtlicher Teil der Bevölkerung des Freistaats nichts wichtigeres zu tun, als die Radiogeräte umzuschalten. An diesem Tag begann nämlich die zweite Welle der Umfrage, deren Daten zur Hälfte in die an diesem Mittwoch veröffentlichten Ergebnisse eingingen. Für “Hitradio RTL Sachsen” war es ein Dilemma: Die Zahl der ausgewiesenen Hörer pro Durchschnittsstunde, der maßgeblichen Einheit für die Werbewirtschaft, stürzte von 140.000 auf 90.000 ab, das macht einen Rückgang von 35,7 Prozent.
Die vermeintliche “Pleite” kam für die sächsischen Radiomacher ziemlich überraschend, hatten sie aus eigenen Umfragen doch die Erkenntnis gewonnen, dass die Hörerzahlen im Vergleich zu der im März veröffentlichten “MA 2009 Radio I” in etwa auf dem gleichen Niveau liegen müssten. Zudem wurden die guten Werte, die für den Sender im vergangenen Herbst ermittelt wurden, zu 50% in die jetzt veröffentlichte Media-Analyse übernommen. Seinerzeit hatte der Sender insgesamt 27.000 Hörer dazu gewonnen. Vor vier Monaten zählte “Hitradio RTL Sachsen” deshalb zu den “Gewinnern” der Hörerumfrage, sogar im deutschlandweiten Vergleich. Der vermeintliche Absturz ist kaum erklärbar, selbst für einen renommierten Medienforscher nicht, der gegenüber blogmedien allerdings nicht von Fehlern in der Media-Analyse ausgehen mochte. Immerhin – es wäre nicht die erste Panne bei der Hörerumfrage im Freistaat. Vor Jahren musste das MA-Ergebnis für “Energy Sachsen” nachträglich korrigiert werden, weil dem Privatsender zunächst die Hälfte seiner Hörer auf mysteriöse Weise abhanden gekommen war.
Arme Sachsen, glückliche Bayern. Im Süden gab’s diesmal fast nur strahlende Gewinner. Innerhalb einer MA-Periode wurde “Antenne Bayern” trotz mancher Unkenrufe vom “Verlierer” zum “gesamtdeutschen Sieger”, zumindest unter den Privatsendern. Zur Landesmeisterschaft im Freistaat reichten 1,06 Millionen Hörer dennoch nicht aus, weil auch die Seniorenwelle des Bayerischen Rundfunks “Bayern 1″ noch einmal kräftig zulegte. Insgesamt hatten die Sender in Bayern diesmal knapp 200.000 Hörer (5%) mehr pro Durchschnittsstunde als noch in der zuletzt veröffentlichten Media-Analyse. Wo die plötzlich herkommen, ist wohl ziemlich egal. Fünf Prozent “Schwankungsbreite” wird von Markt- und Medienforschern ohnehin in Kauf genommen werden, zumindest in der Media-Analyse, die deswegen von Werbetreibenden und Media-Agenturen auch schon mal als “Wackel-Währung” verspottet wird.
Für kleine Stationen könnten solche Ungenauigkeiten durchaus fatale Folgen haben, weil sie bei zu wenigen Nennungen überhaupt nicht in der Media-Analyse ausgewiesen würden. Kein Problem diesmal für “Motor FM”. Nach Veröffentlichung der Ergebnisse setzten die beiden Geschäftsführer Mona Rübsamen und Markus Kühn per Pressemitteilung sogar gleich zum Höhenflug an und verkündeten: “Höchste Zuwachsraten unter den Berliner Sendern” und “Spitzenposition bei Meinungsführern und Multiplikatoren ausgebaut.” Immerhin – das alternative Musikradio steigerte seine Hörerzahlen in der Durchschnittsstunde um 3.000 auf jetzt 12.000 – und erreicht damit einen Marktanteil von 1,2 Prozent in Berlin/Brandenburg. Das stand allerdings nicht in der Pressemitteilung.
Hinweis: Weitere Pressemitteilungen zur MA 2009 Radio II mit zum Teil “hohem Unterhaltungswert” gibt’s im Pressespiegel bei Radioszene.de
Autor Horst Müller, wenn im Titel nicht anders angegeben. Archiviert unter RADIO.



