9. Februar 2015 | Nach dem schlim­men Zug­un­glück in Ober­bay­ern zeigt sich ein­mal mehr, dass öffentlich-rechtliche Redak­tio­nen in extre­men Situa­tio­nen immer wie­der über­for­dert sind. Dies­mal patzte der Baye­ri­sche Rund­funk: Wäh­rend Ret­ter in der Nähe von Bad Aib­ling Tote und Schwer­ver­letzte aus den Trüm­mern zweier Per­so­nen­züge bar­gen, wurde im BR-Fernsehen die “När­ri­sche Wein­probe” gefei­ert. | Titel­bild: Screen­shot Baye­ri­sches Fernsehen

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Pie­tät­lo­sig­keit auch auf der Web­site des Baye­ri­schen Fern­se­hens: Der Screen­shot ent­stand am 9. Februar, 09.58 Uhr, mehr als drei Stun­den nach dem schwe­ren Zug­un­glück von Bad Aib­ling | Bild: Screen­shot Web­site Baye­ri­scher Rundfunk/Fernsehen

Zuge­ge­ben — das Titel­bild zu die­sem Blog­ein­trag ist etwas maka­ber: Da zeige ich einen Screen­shot von einer feucht­fröh­li­chen Faschings­ver­an­stal­tung, wo es doch im Kern um die Bericht­er­stat­tung über ein schwe­res Zug­un­glück gehen wird. Die Stil­lo­sig­keit die­ser Dar­stel­lung ist aller­dings ver­gleichs­weise harm­los zu der Pie­tät­lo­sig­keit, die sich der Baye­ri­sche Rund­funk am Diens­tag­mor­gen in sei­nem Fern­seh­pro­gramm leis­tete: Nach­dem gegen 06.40 Uhr zwei Per­so­nen­züge einer Pri­vat­bahn in der Nähe von Bad Aib­ling in Ober­bay­ern fron­tal auf­ein­an­der­ge­prallt waren und es schon bald dar­auf erste Mel­dun­gen von Toten und Schwer­ver­letz­ten gab, lie­ßen die Ver­ant­wort­li­chen das TV-Programm ein­fach plan­mä­ßig wei­ter­lau­fen; nicht etwa für Minu­ten, son­dern fast vier Stun­den lang.

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Knapp vier Stun­den nach dem schwe­ren Zug­un­glück — erste Bil­der im Baye­ri­schen Fern­se­hen | Screen­shot Baye­ri­sches Fern­se­hen, 9. Februar 2016, 10.35 Uhr

Beson­ders maka­ber dabei: Ab 09.15 Uhr sen­dete das öffentlich-rechtliche TV-Programm, in des­sen Kern­sen­de­ge­biet sich zwei­ein­halb Stun­den zuvor ein schwe­res Zug­un­glück ereig­net hatte, die “När­ri­sche Wein­probe”. Die gute Laune wurde nur von Text­ein­blen­dun­gen am unte­ren Bild­schirm­rand beein­träch­tigt, auf denen hin und wie­der die jeweils aktu­elle Zahl der Todes­op­fer beim Zug­un­glück mit­ge­teilt wurde. Gegen 10.35 Uhr kam dann das plötz­li­che Aus für die fröh­li­che Schun­ke­lei am Faschings­diens­tag. Ohne  Ankün­di­gung über­nah­men die Bay­ern die Tages­schau aus dem “Ers­ten”  in ihr Regio­nal­pro­gramm. Damit wur­den die Zuschauer des Baye­ri­schen Fern­se­hens knapp vier Stun­den nach dem schlim­men Bahn­un­glück erst­mals umfas­sen­der über die­ses wich­tige Ereig­nis in ihrem Frei­staat informiert.

Nach­trag 9. Februar 2016, 17.00 Uhr: Die Inten­danz des Baye­ri­schen Rund­funks geht jedoch davon aus, dass die Pro­gramm­ver­ant­wort­li­chen recht­zei­tig und ange­mes­sen rea­giert haben. Auf meine heu­tige Anfrage, 10:34 Uhr, erhielt ich um 16:21 Uhr von der BR-Pressestelle fol­gende Antwort:

Erin­ne­run­gen an Paris und Köln

Sofort rea­giert”, knapp vier Stun­den nach dem tra­gi­schen Ereig­nis? Viel­mehr ent­steht zuneh­mend der Ein­druck, dass öffentlich-rechtliche Anstal­ten offen­bar Pro­bleme haben, auf unvor­her­seh­bare Ereig­nisse mit grö­ße­rem Aus­maß schnell und ange­mes­sen zu rea­gie­ren. Inner­halb weni­ger Monate war das zumin­dest der dritte große Pat­zer in der aktu­el­len Bericht­er­stat­tung: Nach den Ter­ror­an­schlä­gen in Paris am 13. Novem­ber des ver­gan­ge­nen Jah­res rea­gierte die ARD am sel­ben Abend vor allem mit zusam­men­ge­stam­mel­ten Ver­mu­tun­gen der eige­nen Pari­ser Kor­re­spon­den­tin, wäh­rend bei­spiels­weise die bri­ti­sche BBC zur sel­ben Zeit mit Hilfe von Social Media bereits ein umfas­sen­des Bild von der Lage in Paris gezeich­net hatte. Nach den Über­grif­fen in der Sil­ves­ter­nacht am Köl­ner Haupt­bahn­hof ver­zich­tete die ZDF heute-Redaktion noch zwei Tage spä­ter auf eine Bericht­er­stat­tung. Zumin­dest ent­schul­digte sich der stell­ver­tre­tende ZDF-Chefredakteur Elmar The­veßen per Face­book für die­sen jour­na­lis­ti­schen Faux­pas: “Dies war jedoch eine klare Fehleinschätzung.”  

Mehr zum Thema bei Inge Sei­bel im Blog

IMG_0040“Ehr­lich gesagt, ich bin jetzt noch ent­setzt, wie unpro­fes­sio­nell mei­nes Erach­tens das Baye­ri­sche Fern­se­hen das Zug­un­glück bei Bad Aib­ling gehand­habt hat”. Inge Sei­bel (Jour­na­lis­tin, Radio­be­ra­te­rin und pri­vat meine bes­sere Hälfte) hat sich eben­falls mit der (Nicht-) Bericht­er­stat­tung des Baye­ri­schen Fern­se­hens am Diens­tag­mor­gen und Vor­mit­tag beschäf­tigt. Unter dem Titel “Lie­ber BR, darf man heute noch so arbei­ten?” ver­sucht sie den öffentlich-rechtlichen Pro­gramm­ver­ant­wort­li­chen ins Gewis­sen zu reden.

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