Brotlose Künstler
Geringe Einkommen, zunehmende Ausbeutung und schlechtes Image – ein Traumberuf sieht anders aus. Wer heute noch Journalist werden will, braucht vor allem viel Idealismus und große Bescheidenheit, wenn es um eigene Ansprüche geht.
19. November 2008. Nein, als Journalist wolle er später nicht arbeiten, sagte fest entschlossen ein Medienstudent, mit dem ich vor einigen Tagen das Thema für seine nun bald anstehende Bachelorarbeit besprach. Für den Mitzwanziger ist klar, dass er nur im Management ein “einigermaßen ordentliches Einkommen” erzielen kann. Journalismus, so seine Einschätzung, sei doch heutzutage fast zur “brotlosen Kunst” geworden. Schade, der junge Mann hat wirklich großes Talent. Die üblichen Stationen über Praktikum, Volontariat und freie Mitarbeit mag er indes nicht nehmen. Eine Festanstellung direkt nach dem Studium scheint ohnehin aussichtslos: “Da mache ich mir gar keine Illusionen”. Womit er wohl Recht hat. Viele Medienunternehmen nutzen das Überangebot an freien Journalisten aus, bauen ihre Belegschaften ab, schließen Lokalredaktionen oder ersetzen aufwendige journalistische Inhalte durch massentaugliche Unterhaltung – längst auch im öffentlich-rechtlichen Rundfunk.
In seinem “Report über die Journalisten in Deutschland” hat der Medienwissenschaftler Siegfried Weischenberg vor gut zwei Jahren noch knapp 50.000 Arbeitsplätze für die Berufsgattung in deutschen Medien ausgewiesen. Schon damals war ein deutlicher Rückgang erkennbar, nicht nur bei der Anzahl der Redakteure, sondern auch bei deren Einkommen. Während Weischenberg bei einer vergleichbaren Erhebung im Jahr 1993 noch davon ausging, dass Journalisten mehrheitlich dem “mittleren Bereich” der Einkommensgruppen zuzuordnen waren, gehörten sie im Jahr 2006 mit durchschnittlichen Monatseinkommen zwischen 1.000 und 2.500 Euro bereits zu den “unteren Gruppen im Gehaltsgefüge”. Und es geht weiter bergab, wie die angekündigten Sparmaßnahmen selbst bei großen Verlagsunternehmen wie dem WAZ-Konzern, der Süddeutschen Zeitung und bei Gruner + Jahr allein in den vergangenen Tagen zeigen.
Keine goldenen Zeiten für Journalisten
Auch international sind das gerade keine goldenen Zeiten für Journalisten. Der größte US-Zeitungskonzern Gannett, Herausgeber von “US-Today” und zahlreichen Regionalblättern, hatte erst im Sommer 1.100 Redakteurstellen gestrichen und kündigte jetzt an, weitere Journalisten freizusetzen. In Großbritannien trifft es gerade die vielfach preisgekrönte Qualitätszeitung “The Independent”, bei der 12 Millionen Euro im Jahr eingespart werden sollen und deswegen wohl 90 Redakteure gehen müssen. Ob in Essen, München oder sonst wo auf der Welt, wo Printmedien in der Krise stecken, sind die Gründe durchaus vergleichbar: Zurückgehende Erlöse aus sinkenden Auflagen und abnehmenden Anzeigenverkäufen können durch andere Geschäftsbereiche nicht kompensiert werden. Auch nicht durch das Engagement im Internet. Spiegel Online scheint in Deutschland das einzige große Nachrichtenportal zu sein, das Überschüsse erzielt, zumindest nach Verlagsangaben. Weil sich zudem Eigentümer und Teilhaber an Medienkonzernen an respektable Renditen gewöhnt haben, müssen Kosten rapide gesenkt werden – was zumeist den Abbau von Personal vor allem in den Redaktionen bedeutet.
Wer trotz Krise noch einen Job in einer Redaktion mit tariflich zugesichertem Gehalt hat, muss damit rechnen, dass sich demnächst die Rahmenbedingungen zum Negativen ändern könnten, so wie für Tausende Berufskollegen zuvor. Eine vom Deutschen Journalisten-Verband (DJV) im Internet veröffentlichte Liste zeigt, dass Verlage durchaus Kreativität zeigen, wenn es um Kosteneinsparungen geht:
- Redaktionen werden in eigenständige GmbHs ausgelagert, die nicht an tarifliche Vereinbarungen gebunden sind.
- Einzelne Stellen, Ressorts oder ganze Redaktionen werden einfach “outgesourct”, zum Teil in branchenfremde Unternehmen.
- Zuvor festangestellte Redakteure werden als “selbstständige Medienunternehmer” weiterbeschäftigt und müssen für Sozialabgaben und Versicherungen selbst aufkommen.
- Verlage beschäftigen “Leiharbeiter” in Redaktionen, die je nach Bedarf angefordert – und wieder weggeschickt werden.
Mit einem “Traumberuf” hat das alles schon nicht mehr viel gemein, zumal das Ansehen des Berufsstands in der Bevölkerung auch noch denkbar schlecht ist. In der “Allensbacher Berufsprestige-Skala 2008″ rangieren Journalisten auf dem 13. Platz von 17 erhobenen Berufen. Und dennoch können sich diejenigen Journalisten glücklich schätzen, die immerhin auf einigermaßen regelmäßige Einkünfte hoffen dürfen. Wer als “freier Freier” – oder besser “Vogelfreier” – auf Zeilen- bzw. Seitenhonorare oder Tagessätze angewiesen ist, braucht einen Nebenjob, um seine Existenz wirtschaftlich zu sichern. Selbst Spitzenhonorare, die vom DJV mit 1 Euro pro Zeile und 250 Euro pro Tag angegeben werden, sind im Vergleich zu Honorarsätzen in anderen Branchen geradezu lächerlich gering. Tatsächlich sind Zeilenhonorare von 20 Cent bei Regional- und Lokalzeitungen durchaus keine Seltenheit.
Hungerlöhne verhindern journalistische Qualität
Dass bei solchen “Hungerlöhnen” die von Berufsvereinigungen wie dem “Netzwerk Recherche” immer wieder geforderte journalistische Qualität vielfach untergeht, ist nicht verwunderlich. Wer für einen Hintergrundbericht nicht einmal 100 Euro erhält, ist kaum in der Lage, davon auch noch Kosten für ausgiebige Recherchen zu decken. Also wird häufig auf sekundäre Quellen zurückgegriffen, die im Internet schnell und günstig abrufbar sind. Neue Themen, Originalzitate, kontroverse Meinungen und zutreffende Schilderungen auf Grundlage von Vorort-Recherchen – alles das also, was Qualität im Journalismus ausmacht – bleibt vielfach auf der Strecke.
Wovon sollen nun aber freie Journalisten ihren Lebensunterhalt bestreiten? Mit dem Internet wohl kaum. Honorare, die von Online-Portalen gezahlt werden, liegen zumeist deutlich unter den ohnehin schon mageren Sätzen der Printmedien. Wer’s mit einem eigenen publizistischen Angebot im Netz versucht, kann froh sein, wenn die technischen Kosten durch die zumeist äußerst spärlich fließenden Werbeeinnahmen gedeckt werden. Selbst Christoph Schultheis, Gründer und einziger hauptberuflicher BILDblogger räumte erst kürzlich beim Mittweidaer Medienforum freimütig ein, dass er mit den Einnahmen, die Deutschlands erfolgreichstes Medien-Weblog erzielt, inzwischen “gerade mal so auskommt”.
Also bleibt für immer mehr Journalisten nur der Wechsel auf die “gegnerische Seite”. PR-Beiträge für Unternehmen, Verbände, Vereine oder gar politische Parteien werden in der Regel vergleichbar gut honoriert. Wer im Sinne des Auftragsgebers gut formuliert, zudem noch über Kontakte in Redaktionen zwecks Platzierung der Themen verfügt, kann als nebenberuflicher Öffentlichkeitsarbeiter durchaus seine Einkünfte erheblich verbessern. Kein Wunder, dass sich da der Vorstand des “Netzwerk Recherche” den Unmut vieler “Freier” auf sich zog, als im Entwurf für den “Medienkodex” die PR-Arbeit für Journalisten grundsätzlich geächtet werden sollte: “Journalisten machen keine PR”. Der Publizist Hajo Schumacher konterte am 1. März 2006 im NDR-Medienmagazin “Zapp”: “Das Problem, was ich damit habe, ist, dass wenn ältere Herrschaften, die alle aus einer quasi unkündbaren Stellung heraus jungen Kollegen, die tagtäglich ums Überleben kämpfen, wenn die denen erzählen wollen, was die zu tun oder zu lassen haben.” Seitdem ist es um den “Medienkodex” recht ruhig geworden.
Der in diesen Tagen neu gegründete Verband für freiberufliche Journalisten, “Freischreiber”, lehnt im Gegensatz zum “Netzwerk Recherche” PR-Arbeit von Journalisten nicht grundsätzlich ab: “Es geht allein darum, beide Bereiche strikt voneinander zu trennen und mit der PR-Arbeit gegenüber Redaktionen transparent umzugehen”, heißt es zur Erläuterung auf der Website der “Freischreiber”. Dort haben sich inzwischen 900 Journalisten registriert. Die Zahl dürfte bald steigen, denn ordentlich bezahlte feste Jobs in warmen Redaktionsstuben werden immer seltener. Der Mittweidaer Medienstudent wird wohl nicht zu den zahlreichen Anwärtern für die wenigen verfügbaren Plätze gehören. Schade um das journalistische Talent.
Autor Horst Müller, wenn im Titel nicht anders angegeben. Archiviert unter PRINT.



