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Das kam nun wirklich ungelegen

Was ist schon ein Busunglück mit 20 Toten irgendwo in der Nähe von Hannover gegen den „historischen Wahlsieg“ von Barack Obama? Nicht viel – zumindest nicht für deutsche Leitmedien.

Kein Platz für 20 Tote auf der A2 bei Tagesschau und Co. - Screenshot Tagesschau.de, 05.11.08, 16.15 Uhr6. November 2008. ‚Das kommt nun wirklich ungelegen’, mag am Dienstagabend so mancher Nachrichtenredakteur gedacht haben, als gegen 21.38 Uhr dpa die erste Meldung über das Busunglück auf der Autobahn A 2 in der Nähe von Hannover verbreitete. Erst einmal abwarten, war wohl die Devise in den meisten Redaktionsstuben, schließlich war ja der sicher zu erwartende „historische Wahlsieg“ von Barack Obama bei den US-Präsidentschaftswahlen  fest einprogrammiert – in den Sendeablaufplänen genauso wie in den Köpfen der Redakteure.

Korrespondenten warteten in Washington, Chicago, Phoenix/Arizona und sonst wo auf der Welt auf ihre Einsätze in den stundenlangen nächtlichen und morgendlichen Sondersendungen. „Einspieler“, die uns das „komplizierte amerikanische Wahlsystem“ zum x-ten Male näher bringen sollten, waren aufwendig vorproduziert. Die Online-Kollegen von Spiegel und Co. hatten interaktive Animationen vorbereitet. Durch einfachem Mausklick konnte der interessierte Mediennutzer im Laufe der Nacht erfahren, dass die Stimmen der drei Wahlleute in South Dakota – ganz gegen den nationalen Trend – an John McCain gingen. Und natürlich gab es im Fernsehen auch Live-Einblendungen von ausgelassenen Wahlpartys mit Hamburgern, Hot Dogs und jubelnden Obama-Fans. Der Busunfall auf der A2 hätte da wohl nur gestört.

Die Haltung der Nachrichtenmacher änderte sich auch kaum, als dpa um 22.21 Uhr per Eilmeldung darüber informierte, dass „20 Tote bei Busunglück auf Autobahn bei Hannover“ zu beklagen seien. Eine kurze „Schalte“ in den Tagesthemen zur stotternden – weil völlig überforderten – Berichterstatterin nach Hannover und schon ging die mediale Wahlparty in Deutschlands Leitmedien nahezu ungestört weiter, auch am Mittwoch.

Die wenigen Tageszeitungen, die über „eines der schlimmsten Busunglücke in der Geschichte Deutschlands“ am Morgen danach berichteten, taten das mit Randnotizen auf der Titelseite. Für die „Freie Presse“ aus Chemnitz war sogar die Deutschland-Premiere des neuen James Bond-Films wichtiger, als 20 tote Rentner und mehrere lebensgefährlich Verletzte irgendwo in der Nähe von Hannover. In der Tagesschau um 14.00 Uhr landete der Bericht über die beginnenden Ermittlungen nach dem Unglück auf dem letzten Nachrichtenplatz, nach Obamas Wahlsieg einschließlich Reaktionen und Analysen sowie dem vom Bundeskabinett verabschiedeten Konjunkturpaket. Nutzer der begleitenden Homepage tagesschau.de mussten am Mittwochmittag schon eine Weile  über „Kenianische Reaktionen auf Obamas Wahlsieg“ und sechs weitere Meldungen „scrollen“, bevor sie erfuhren, dass „nach Busunglück auf der A2“ jetzt die Staatsanwaltschaft wegen „fahrlässiger Tötung ermittelt“. Es ist wohl davon auszugehen, dass die 20 toten Rentner die medialen Wahlpartys für Barack Obama bald gar nicht mehr stören werden.