Nicht ganz “Allein, allein”
Die meisten Radiosender haben ihre Musikkompetenz längst verloren. Gedudelt wird nur das, was ohnehin schon Hit-Status hat. Für deutschen Nachwuchs wie “Polarkreis 18″ ist MDR-Sputnik eines der wenigen Refugien im Radio.
17. Oktober 2008. In dieser Woche gab “Radio PSR” eine “Hitgarantie” für die aktuelle Single der inzwischen in die Jahre gekommenen Boygroup “Boyzone” ab. Der Titel “Love You Anyway” wurde regelmäßig im Programm des führenden sächsischen Privatsenders eingesetzt, dazu “alle Hits aus Sachsen” – nur eben nicht von sächsischen Bands. Für Nachwuchs aus dem eigenen Freistaat stand keine Sendezeit zur Verfügung. Obwohl die Dresdner Indie-Band “Polarkreis 18″ mit ihrem Soundtrack zum Fantasie-Film “Krabat” in dieser Woche auf Platz 8 der deutschen Single-Charts eingestiegen ist, war “Allein, allein” bei “PSR” nicht zu hören. Auch die Musikredaktion des direkten öffentlich-rechtlichen Konkurrenten “MDR-Jump” setzt die Talente aus der sächsischen Landeshauptstadt bislang nicht ein.
Genau wie die beiden mitteldeutschen Popwellen scheuen sich die meisten Radiomacher zwischen Kiel und München seit Jahren, Titel von unbekannten Interpreten in ihre Programme zu nehmen. Gespielt wird nur das, was bereits ein Hit ist – oder in den vergangenen Jahrzehnten war. Schon Mitte der 1980er Jahre, zu Beginn des deutschen Privatradios, hatte der holländische Programmberater Ad Roland seine Klientel vor “Irritationsfaktoren” gewarnt, die Hörer vergraulen könnten. Seitdem werden neue Titel von bis dato unbekannten Bands zumeist von vornherein ausgemustert. Inzwischen erfolgreiche deutsche Gruppen wie “Rosenstolz”, “Wir sind Helden” oder auch “Tokio Hotel” wurden in den meisten Radioprogrammen erst gespielt, als sie schon längst an der Spitze der Charts standen.
Irgendwie scheint alles gleich zu klingen
Das war nicht immer so. In den 1960er bis 1980er Jahren wurden neue Titel und Interpreten zuerst über das Radio verbreitet. Sender wie “Radio Luxemburg”, “Europawelle Saar” und “SWR 3″ hatten seinerzeit auch deswegen so großen Erfolg, weil sie immer wieder neue Stücke in ihre Programme nahmen und damit Musikkompetenz erlangten. Heute bestehen die Playlists der meisten poporientierten Wellen dagegen aus 200 bis 800 Titeln, die immer wieder durch die Marktforschung getestet werden. Das Ergebnis ist auf den meisten Sendern täglich nachzuhören – irgendwie scheint alles gleich zu klingen.
Ihre ehemals erworbene Musikkompetenz haben die meisten Radiomacher längst an andere Medien verloren. Die Programmverantwortlichen von TV-Musikkanälen wie “Viva” und “MTV” sind wesentlich mutiger als ihre Radiokollegen, wenn es um neue Musiktitel geht. Und immer mehr neue Stücke werden über die Video-Plattform “YouTube” bekannt und populär – so wie “Polarkreis 18″ mit ihrer Single “Allein, allein”.
Allerdings gibt noch wenige Refugien im deutschen Radio, wo neue Musik und deutscher Nachwuchs eine Rolle spielen. Bei “MDR-Sputnik” zum Beispiel. Die Jugendwelle des Mitteldeutschen Rundfunks hatte nach Angaben ihres Programmchefs Eric Markuse “Polarkreis 18 schon auf der Uhr, als sie noch keinen Soundtrack gespielt hatten und außerhalb von Dresden niemand kannte.” Mit Live-Konzerten, Nachwuchs-Awards und Einsätzen im eigenen Programm fördert Markuse ebenso wie seine Kollegen bei den Jugendwellen “Fritz” (Berlin, Brandenburg) und “YouFM” (Hessen) deutsche Nachwuchsmusiker. “Polarkreis 18″ und Co. sind also nicht ganz “Allein, allein”.
Autor Horst Müller, wenn im Titel nicht anders angegeben. Archiviert unter RADIO.



