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Endzeitstimmung im Radio – Teil 2

In den Chefetagen deutscher Radiosender herrscht Torschlusspanik – niemand weiß, wie es mit dem Hörfunk weitergeht

Beitrag von Horst Müller aus CUT-das Broadcastmagatin, Ausgabe Sommer 2007 – (Teil 1 wurde am 24.07.07 veröffentlicht)

25. Juli 2007. Die Forderungen von Eigentümern und Gesellschaftern nach immer schnelleren und höheren Gewinnen bei den Radiosendern sind durchaus nachvollziehbar, denn die Zukunft der Gattung Hörfunk ist alles andere als sicher. Kein Radiomanager kann zurzeit die Frage schlüssig beantworten, auf welchem Weg sein Programm in einigen Jahren die Hörer erreichen wird – auch Hans-Dieter Hillmoth nicht. Der Geschäftsführer des hessischen Privatsenders Hit Radio FFH und Vorsitzender des Fachbereichs Hörfunk im Rundfunkverband VPRT ist sich jedoch sicher, dass “alle Übertragungswege, die jetzt neu hinzu kommen, immer teurer werden, die Zahl der Hörer insgesamt aber nicht steigen, sondern höchstens gleich bleiben wird.”

Sicher ist auch, dass sich die angestammten öffentlich-rechtlichen und privaten Hörfunkprogramme künftig mit vielen neuen Konkurrenten herumplagen müssen. Spätestens wenn über das Internet auch der mobile Empfang nahezu flächendeckend möglich sein wird, können Hörer an praktisch jedem Ort aus Tausenden von Angeboten wählen. Schon jetzt sind im Internet unzählige Spezialformate abrufbar. Ganz so, als würde die weitere Entwicklung nicht erkennbar sein, setzen Chefs von Lokal- und Regionalsendern aber weiterhin auf die vermeintliche Musikkompetenz ihrer Programme, die auf einer Auswahl von 150 bis 400 immer gleichen Titeln beruht. Es gibt kaum einen Privatsender, der nicht mit einem einfältigen Slogan wie “die größten Hits der 80er, 90er und das Beste von heute” für sein Programm wirbt.

In den Bereichen, in denen traditionelle Sender gegenüber neuen virtuellen Konkurrenten deutliche Vorteile hätten, wird dagegen drastisch gespart. Zum Beispiel bei der lokalen und regionalen Berichterstattung. Als Radio Schleswig-Holstein 1986 als erster landesweiter Privatsender in Deutschland startete, überraschten die damaligen Radioneulinge den öffentlich-rechtlichen NDR nicht nur mit einem flotten Musikprogramm, sondern auch durch ihre Nähe zu den Hörern. Hermann Stümpert, der inzwischen verstorbene erste Programmdirektor, hatte dafür sechs Regionalstudios einrichten lassen, aus denen insgesamt zehn Reporter regelmäßig Beiträge für das Programm zulieferten. Vor zwei Jahren schloss R.SH die Außenstudios, andere Privatsender wie Antenne Mecklenburg-Vorpommern folgten diesem Beispiel oder reduzierten zumindest die Zahl ihrer Regionalkorrespondenten, so wie Antenne Thüringen.

Für Wortanteile in den Programmen sorgen immer häufiger PR-Agenturen, die den Sendern fertig produzierte Beiträge einschließlich Moderationstexten kostenfrei zur Verfügung stellen. Mit unabhängigem Journalismus habe das wenig zu tun, sagt der Kommunikationswissenschaftler Helmut Volpers, der im Auftrag der Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen (LfM) die Einflüsse von PR auf Radioprogramme untersucht hat. In seinem Buch “Public Relations und werbliche Erscheinungsformen im Radio” zeigt Volpers eine Reihe von Beispielen auf, in denen vermeintlich journalistische Hörfunkbeiträge mit Werbebotschaften vermischt wurden.

Vorproduziert und inhaltsfrei

Auch wenn es darum geht, aktuelle Informationen schnell an die Hörer weiterzuleiten, müssen einige Sender inzwischen passen, weil manche Programme längst auch tagsüber automatisiert ablaufen. Beim sogenannten Voicetracking werden Moderationen vorproduziert und computergesteuert in den Sendeablauf eingebaut. Spontane Reaktionen auf aktuelle Ereignisse, die eigentlich eine Stärke des Radios sein sollten, sind kaum möglich, weil häufig auch die Nachrichten für mehrere Programme zentral vorproduziert werden. Längst hat das Radio seinen Nimbus als schnellstes Medium an das Internet abgegeben. Da wundert es kaum, dass vor allem jüngere Hörer lieber gleich ins “Netz” gehen, sich dort Informationen beschaffen und ihre Lieblingstitel “saugen”.

Im Internet sind deutsche Privatsender bislang allerdings alles andere als gut aufgestellt. Viele Stationen sehen ihre Websites immer noch als reine PR-Plattformen, auf denen Moderatoren freundlich lächeln und Webcams schon mal verraten, dass Sendestudios leer sind, während “on air” angeblich gerade ein “Live-Interview” mit einem bekannten Popstar läuft. Was soll man auf den Internetseiten auch anbieten, wenn man schon im Radio keine Inhalte hat?

Das es anders ginge zeigt das multimediale Angebot des – allerdings öffentlich-rechtlichen – Sputnik. Da die Jugendwelle des Mitteldeutschen Rundfunks nur über begrenzte UKW-Kapazitäten verfügt, machte Programmchef Eric Markuse aus der Not eine Tugend. Im Internet bietet Sputnik inzwischen mehrere Programme als Livestream an, darunter auch Spezialformate wie Black-, Rock- und Clubmusic. Zudem gibt’s Audio- und Video-Downloads von Beiträgen der Sputnik-Redakteure sowie eine Community-Plattform. Der frühere Zeitungsmacher Markuse setzt vor allem auf fundierte journalistische Inhalte. Offenbar mit Erfolg. Die Zugriffszahlen auf die Livestreams haben sich seit der Programmreform im Januar mehr als verdoppelt. “Wir haben dem allgemeinen Trend, dass das Radio junge Hörer verliert, etwas entgegengesetzt – und sind damit offenbar auf dem richtigen Weg”, sagte Eric Markuse im Mai bei einer Pressekonferenz.

Jump ins Nichts

Zwischen dem innovativen Sputnik und der Dudelwelle Jump liegen im Radio ganze Welten, im mdr-Funkhaus Halle jedoch nur ein schmaler Gang. Das Popprogramm des Mitteldeutschen Rundfunks bemüht sich mit zweifelhaftem Erfolg, die privaten Konkurrenten in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen hinsichtlich Qualität und Inhalten noch zu unterbieten. Zumindest fand die Thüringische Landesmedienanstalt TLM in ihrer jüngsten Programmanalyse heraus, dass Jump im Tagesverlauf lediglich auf einen Informationsanteil von 13 Prozent kommt: “Dies ist nicht nur erneut der mit Abstand geringste Wert aller vier Sender, sondern auch der niedrigste seit Bestehen des Programms”, bescheinigten die Medienwächter dem gebührenfinanzierten Angebot.

Zudem hat Jump wiederholt bewiesen, dass peinliche Radioaktionen keinesfalls Privileg der Privaten sind. Angesichts von mehreren Entführungen im mdr-Sendegebiet wie dem “Fall Stephanie”, wirkten die Modalitäten der Aktion “Wo ist Jeanny?” im Februar dieses Jahres schon makaber. In Anlehnung an den Falco-Hit hatte Morgenmoderator Rockenberg seine Hörer aufgefordert, Geschichten über den Verbleib des verschollenen Mädchens zu erfinden. Jeanny sei in Wirklichkeit Angela Merkel und ist jetzt Bundeskanzlerin, erzählte ein Helmut in der Jump-Morningshow. Das sei nun wirklich eine originelle Geschichte, meinte daraufhin der Radiomann und belohnte den Anrufer mit einer Falco-DVD.

Das liegt schon fast auf dem selben Niveau wie das vermeintliche Ehedrama, dass Hit Radio Antenne 1 im März seinen Zuhörern vorgaukelte. Wie andere Stationen auch, hatte der Stuttgarter Privatsender in diesem Frühjahr seine Hörer nach 10-Euro-Scheinen suchen lassen und 100.000 Euro als Gewinn bei Vorlage der “richtigen” Seriennummer in Aussicht gestellt. Nebenbei ertappten die Morgenmoderatoren “Ostermann und Schatzi” angeblich einen Ehemann beim Fremdgehen. Das ganze Spektakel wurde als Dreier-Telefonkonferenz samt wütender Ehefrau und naiv fragender Geliebten in der Frühsendung ausgestrahlt – wohl in der Absicht, dem Gewinnspiel mehr Aufmerksamkeit zu verschaffen.

Die Verantwortung der Radiomacher

Glück für den Sender und die Moderatoren – wegen des Blödsinns, der als wahre Begebenheit im Programm dargestellt wurde, erstattete niemand Anzeige. Neben Geschäftsführung oder Programmleitung kann für solche Schwindeleien durchaus “auch der Moderator persönlich in Anspruch genommen werden”, warnt der Münchner Medienanwalt Ulrich Grund aus der Kanzlei Romatka & Collegen: “Der kann zum Beispiel der Beihilfe zum Betrug beschuldigt werden, wenn er wissentlich an einer solchen Aktion teilnimmt, die nur dazu dient, den Hörern das Geld abzugraben oder den Sender besser dastehen zu lassen, ohne dass die tatsächlich versprochenen Gewinne auch fair ausgespielt werden.”

Mitarbeiter von privaten Sendern berichten immer wieder hinter vorgehaltener Hand von Tricksereien bei Gewinnaktionen – insbesondere wenn über kostenpflichtige Anrufe auf Hotlines damit Geld zu verdienen ist. Besonders gut scheint das beim so genannten “Geräuscheraten” zu funktionieren. Für die winzigen Tonschnipsel werden zahlreiche Auflösungsmöglichkeiten vorbereitet. Die Hörer selbst haben praktisch keine Chance durch geschicktes Raten oder Kombinieren die richtige Lösung zu finden. Sie können ohnehin froh sein, wenn sie für 50 Cent überhaupt einen Tipp abgeben können. Zumeist landen sie bei einem Anrufbeantworter und erhalten bedauernde Antworten wie “… diesmal hat’s leider nicht geklappt …” Das Geld wird dennoch abgebucht. Wer seine Kunden so schröpft, dem werden sie bald weglaufen, genau wie dem Radio die Hörer.