Blamage für Koll & Co.
Die Macher des ZDF-Magazins “Frontal 21″ hatten sich mit ihrem Beitrag über PR im Radio ohnehin schon blamiert – die anschließenden Rechtfertigungsversuche sind geradezu lächerlich

20. Juli 2007. Warum können Informationsbeauftragte der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten hierzulande nicht einfach mal “Entschuldigung” sagen, wenn sie Mist gebaut haben? Die Kollegen bei der britischen BBC tun das laufend: Bei der Queen, weil sie Ihre Majestät wütend und damit unvorteilhaft ins Bild gerückt hatten; bei Hardrock-Fans, weil sie während des Live-Earth-Auftritts von “Metallica” in London zu “Crowded House” nach Sydney umschalteten. Wenn im gebührenfinanzierten deutschen Fernsehen Pleiten, Pech und Pannen passieren, werden diese von den Verantwortlichen in der Regel ignoriert – und wenn das nicht möglich ist – gerechtfertigt und schöngeredet. Zum Glück klappt das nicht immer – wie das aktuelle Beispiel “Frontal 21″ zeigt. Der am 17. Juli ausgestrahlte Beitrag über bezahlte PR im Radio – und vor allem die anschließenden Rechtfertigungsversuche sind eine Blamage für die Macher Koll & Co.
Aus Sicht von Theo Koll gibt es durchaus unterschiedliche Formen von bezahlter PR im Radio. Wenn das ZDF über eine PR-Agentur mit Originaltönen und vorgefertigtem Moderationsmanuskript für “Frontal 21″ werben lässt, ist das “die erweiterte Wiedergabe von Programminhalten, wie sie sich auch auf unserer Internet-Seite finden und auch als Schlagzeilen in vielen deutschen Tageszeitungen erscheinen.” Der Leiter und Moderator des Magazins hat bei seiner eigenwilligen Interpretation allerdings übersehen, dass die PR-Agentur all4radio für diese Dienste aus Gebührengeldern honoriert wird. Statt Werbespots für “Frontal 21″ produzieren und ausstrahlen zu lassen, was für die Hörer transparenter – und für den öffentlich-rechtlichen Auftraggeber allemal ehrlicher gewesen wäre, wird hier sehr wohl “Schleichwerbung” betrieben, zumindest wenn man für diese Interpretation den am 17. Juli ausgestrahlten Bericht “Gekaufte Beiträge” zu Grunde legt.
Schleichwerbung oder “erweiterte Wiedergabe von Programminhalten”?
Die Agentur all4radio stellte den Sendern vorbereitete Programmelemente bestehend aus Originaltönen und Moderationstexten zur Verfügung – in der Regel zum Nulltarif. Ob im Fall “Frontal 21″ zusätzlich auch Geld an einzelne Sender geflossen ist, wollte ein Mitarbeiter von all4radio am Donnerstag auf Anfrage von blogmedien nicht sagen. Zumindest macht die in Esslingen ansässige Agentur überhaupt keine Unterschiede bei Darstellung ihrer Kundschaft. “all4radio bringt ‘Frontal 21′ in die Radiosender”, brüstete sich die PR-Agentur bis Donnerstagmittag im aktuellen Teil auf der eigenen Website. Die Referenzliste umfasst neben dem ZDF, Neckermann, Quelle, Mercedes, Deutsche Bahn und weitere Unternehmen, denen es wohl kaum um die “erweiterte Wiedergabe von Programminhalten”, sondern um die Platzierung ihrer Produkte und Dienstleistungen im redaktionellen Teil von Radioprogrammen geht. Sind Hinweise auf die Bregenzer Festspiele schon “Schleichwerbung” oder erst der Tipp, dass man sich mit einer Sitzheizung von Eberspächer im Winter keinen kalten Hintern holt?

Screenshot all4radio, Referenzen, Stand 20. Juli 2007
Zudem darf man sich getrost fragen, ob Theo Koll “vor einigen Wochen” die PR-Aufträge an all4Radio aus freien Stücken kündigen ließ, “um jeglichen Zweifel an diesen völlig offenen Programmhinweisen auszuräumen”, wie er am Donnerstag telefonisch gegenüber blogmedien sagte und anschließend als Kommentareintrag unter anderem in den Medienblogs von
Thomas Knüwer und Christian Jakubetz verbreiten ließ. Auslöser könnte auch die Begegnung seiner Mitarbeiter mit Julian Regenthal-Patzak (Bild: Screenshot Frontal 21, ZDF, 17.07.07) gewesen sein. Der Chef der Berliner Agentur audioetage hatte die ZDF-Leute am Rande des Interviews für den Frontal-Beitrag darauf hingewiesen, “dass das Unternehmen das über Agenturen zur Zeit die meisten O-Töne und Beiträge produzieren lässt, das ZDF sei.” In einem bei Radioszene veröffentlichten Foren-Eintrag hat Regenthal-Patzak zudem das vollständige Interview mit den Frontal-Leuten dokumentiert. Nachzulesen ist dort ein exemplarisches Beispiel dafür, dass sich manche Journalisten durch Recherchen und Interviews überhaupt nicht von der eigenen vorgefertigten Meinung abbringen lassen wollen, offenbar schon gar nicht, wenn sie im Auftrag von Frontal 21 im Einsatz sind.
Zweite Chance für Theo Koll
Es ist daher vermutlich kein Zufall, dass Theo Koll in der – keinesfalls repräsentativen – blogmedien-Umfrage nach dem “Deppen der Woche” auf Platz 1 landete. Der Kollege Medienblogger aus Dessau, der am Mittwoch durch seinen Hinweis auf den von ZDF-Leuten übertölpelten Programmkoordinator des Berliner Mini-Senders Jam FM den Anstoß für diese – nicht ganz ernst gemeinte – Umfrage gab, muss wohl sein Urteil noch einmal revidieren. Theo Koll wird von blogmedien allerdings die Chance eingeräumt, nach der Sommerpause zum “Helden der Woche” aufzusteigen. Seine Redaktion sollte sich dann mit den wirklich üblen Dingen in großen deutschen Radiosendern beschäftigen: Schleichwerbung, Tricksereien bei Gewinnspielen und Abzocken der Hörer. Erste Rechercheansätze wurden dem ZDF-Mann von blogmedien bereits übermittelt.
Autor Horst Müller, wenn im Titel nicht anders angegeben. Archiviert unter TV.



