Medien

Recherche tut not

6. Juni 2017 | Ein popu­lä­rer Musik­mix, anspre­chende Mode­ra­tio­nen und ins­ge­samt eine gute „Durch­hör­bar­keit“ des Pro­gramms – das sind heut­zu­tage ver­meint­li­che Erfolgs­fak­to­ren für viele Radio­sen­der. Inves­ti­ga­tive Recher­che fin­det dage­gen – wenn über­haupt – nur in weni­gen öffentlich-rechtlichen Vor­zei­ge­pro­gram­men statt. Dar­über muss gespro­chen wer­den – zum Bei­spiel bei der Jah­res­kon­fe­renz 2017 des Netz­werks Recherche.

Redak­tion des von Stu­den­ten gestal­te­ten Lokal­sen­ders 99drei Radio Mittweida

Wie ein­fach – und zugleich auch wich­tig – Recher­che für ver­ant­wor­tungs­volle Radio­ma­cher ist, zeig­ten zwei Nach­wuchs­re­dak­teure des von Stu­den­ten gestal­te­ten Lokal­sen­ders 99drei im säch­si­schen Mitt­weida. Ende Sep­tem­ber 2015 hat­ten füh­rende deut­sche News­por­tale wie Spie­gel Online, Stern.de oder Handelsblatt.com über angeb­lich offi­zi­elle War­nun­gen Kana­das vor Rei­sen nach Ost­deutsch­land berich­tet. Morgen-Moderator André Glat­zel und Nach­rich­ten­re­dak­teur Marc Herr­mann, beide sei­ner­zeit im „Haupt­be­ruf“ Medi­en­stu­den­ten an der Hoch­schule Mitt­weida, taten das, was eigent­lich von Jour­na­lis­ten zu erwar­ten ist, wenn sie den Ursprung von Infor­ma­tio­nen nicht selbst ken­nen und ein­schät­zen kön­nen: sie recher­chier­ten. In die­sem Fall war es ziem­lich ein­fach, die „Rei­se­war­nun­gen“ als Blöd­sinn zu ent­tar­nen. Auf tele­fo­ni­sche Nach­frage bei der kana­di­schen Bot­schaft in Ber­lin erhiel­ten die bei­den Nach­wuchs­ra­dio­ma­cher ohne Umschweife die Aus­kunft, dass Kanada defi­ni­tiv keine War­nung vor Rei­sen nach Ost­deutsch­land aus­ge­spro­chen habe.

Fal­sche Rei­se­war­nung ist bei Spie­gel Online und ande­ren immer noch im Netz – Screen­shot, 5. Juni 2017, 10.35 Uhr

Die­ses ein­fa­che Bei­spiel zeigt, dass zuver­läs­si­ger Jour­na­lis­mus unter Ein­satz von Recher­che in Zei­ten von „Fake News“-Unterstellungen und „Lügenpresse“-Vorwürfen wich­ti­ger denn je ist. Das gilt ins­be­son­dere auch für das Radio. Dem in Sachen Infor­ma­ti­ons­ver­mitt­lung auch schon mal tot­ge­sag­ten Medium kommt gerade in extre­men Situa­tio­nen eine beson­dere Bedeu­tung zu. Nach dem furcht­ba­ren Ter­ror­an­schlag von Man­ches­ter am 22. Mai mahnte der bri­ti­sche “Radio-Futurologe” James Crid­land in einem bei Radio­szene ver­öf­fent­lich­ten Bei­trag die Chefs von Hör­funk­pro­gram­men eindringlich:

„Belegte, wahr­heits­ge­mäße, nicht sen­sa­ti­ons­hei­schende und prä­zise Bericht­er­stat­tung ist das, was Ihr Publi­kum sucht. Die Ver­ant­wor­tung für die Zuhö­re­rIn­nen ist es, ihnen genau das zu prä­sen­tie­ren – und, ja, das sogar um 22.30 Uhr an einem Montagabend.“

Nur – wird das bei vie­len Radio­sta­tio­nen gar nicht mög­lich sein, längst nicht nur im Ver­ei­nig­ten König­reich. Auch hier­zu­lande set­zen selbst große Pri­vat­sen­der ab 20.00 oder 22.00 Uhr auto­ma­ti­sierte Pro­gramm­ab­läufe ein und öffentlich-rechtliche Nach­rich­ten­wel­len – so wie NDR-Info – spie­len lie­ber „Musik, die über die Charts hin­aus­geht“, statt ihre Hörer auch in der Nacht mit fun­dier­ten Infor­ma­tio­nen zu versorgen.

Hör­funk­jour­na­lis­tin und DJV-Landesvorsitzende in Sach­sen Ine Dipp­mann und Mode­ra­tor Marios Kara­pa­nos vom Insti­tut für Kom­pe­tenz, Kom­mu­ni­ka­tion und Sport wäh­rend einer Podi­ums­dis­kus­sion im Mai 2017 (rechts) | Bild: Hel­mut Ham­mer, Hoch­schule Mittweida

Wei­tere Pro­bleme in Sachen Jour­na­lis­mus sieht Ine Dipp­mann, selbst Repor­te­rin für MDR Aktu­ell und DJV-Landesvorsitzende in Sach­sen, in der unzu­rei­chen­den per­so­nel­len Aus­stat­tung, ins­be­son­dere bei pri­va­ten Sen­dern. Dazu kom­men aus ihrer Sicht so geringe Hono­rare für jour­na­lis­ti­sche Wort­bei­träge, dass sich freie Mit­ar­bei­ter aus­gie­bige Recher­chen „ein­fach nicht mehr leis­ten“ könn­ten. Bei den öffentlich-rechtlichen Anstal­ten man­gelt es dage­gen häu­fig an der not­wen­di­gen Vor­be­rei­tung von Hör­funk­re­dak­teu­ren auf die zuver­läs­sige Bericht­er­stat­tung in extre­men Situa­tio­nen – so wie nach den Ter­ror­an­schlä­gen von Ber­lin, Man­ches­ter oder London.

Der zwei­fel­los unzu­rei­chende Ein­satz von Recher­che in deut­schen Radio­pro­gram­men ist auch Thema bei der Jah­res­kon­fe­renz 2017 des Netz­werks Recher­che an die­sem Frei­tag in Ham­burg. Unter der Gesprächs­lei­tung von Medi­en­jour­na­lis­tin Vera Linß wol­len Johan­nes Nichel­mann, Redak­teur und Mode­ra­tor beim WDR, Autor Tom Schim­meck, Inge Sei­bel, Jour­na­lis­tin und Mode­ra­to­rin sowie Bene­dikt Strunz als Mit­ar­bei­ter des NDR Info-Reporterpools, der Frage nach­ge­hen, ob Inves­ti­ga­tive Recher­che im Radio – ein Neben­pro­dukt oder ein eigen­stän­di­ges Genre ist.

Hin­weis: Die­ser Bei­trag erschien heute zuerst bei Inge_Seibel.de.

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