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Beinfreiheit für Professoren

2. Juni 2017 | Wis­sen­schaft­li­che Frei­heit endet für Dozen­ten längst nicht bei der inhalt­li­chen Ver­mitt­lung ihres “Lehr­stoffs”. Wie sich Pro­fes­so­ren und Wis­sen­schaft­li­che Mit­ar­bei­ter den Stu­die­ren­den in Vor­le­sun­gen und Semi­na­ren optisch prä­sen­tie­ren, bleibt ihnen weit­ge­hend selbst über­las­sen. Und ihre “Schütz­linge” haben offen­bar keine Pro­bleme damit, wenn der Pro­fes­sor in kur­zen Hosen mit Krampf­adern auf blas­ser Haut im Hör­saal erscheint.

Den Diens­tag die­ser Woche werde ich so schnell nicht ver­ges­sen wegen zehn Stun­den Spieß­ru­ten­lauf in mei­ner schlecht sit­zen­den Shorts vor­bei an Stu­die­ren­den, Kol­le­gen und Mit­ar­bei­tern in der Fakul­tät Medien an der Hoch­schule Mitt­weida. Gleich mor­gens hatte mich unsere Dekanats-Sekretärin Katja Fischer bei Betrach­tung mei­ner “Bein­pracht” noch freund­lich dar­auf hin­ge­wie­sen, dass es inzwi­schen “Busi­ness Shorts” gebe, die auch Hoch­schul­pro­fes­so­ren durch­aus tra­gen könnten.

Foto­shoo­ting im Zen­trum für Medien und Soziale Arbeit mit den Master-Studentinnen Lea Fürst, Verena Bock, Michaela Mit­tel­ham­mer und Tanja Rieg­ger (von links) | Foto: Ben­ja­min Berger

Der Kol­lege Andreas Wrobel-Leipold wurde da schon deut­li­cher und fragte mich, warum ich denn unbe­dingt meine Krampf­adern zur Schau stel­len wolle. Die hatte spä­ter im Fahr­stuhl eine Pro­fes­so­rin von der Fakul­tät Soziale Arbeit wohl auch im Blick, als sie mich in mei­nen Shorts mit dem “beque­men Gum­mi­bünd­chen” so hoch­nä­sig mus­terte, dass sie mit ihrem Nasen­rümp­fen durch­aus in Hamburg-Eppendorf auf­tre­ten könnte. Mit mei­nem Selbst­be­wusst­sein wäre ich glatt am Ende gewe­sen, wenn sich nicht wenigs­tens vier rei­zende Mas­ter­stu­den­tin­nen gemein­sam mit mir in mei­nen kur­zen Hosen im Foyer des “Schwar­zen Blocks” hät­ten ablich­ten lassen.

Schuld an dem opti­schen Deba­kel hat­ten eigent­lich nur meine Wetter-App auf dem Smart­phone und der stets grin­sende Meteo­ro­loge im ARD Mor­gen­ma­ga­zin. Beide hat­ten pro­gnos­ti­ziert, dass die Tem­pe­ra­tu­ren in Sach­sen gegen­über dem Mon­tag noch ein­mal stei­gen wür­den und es dabei auch noch schwü­ler wer­den solle. Ein Alb­traum schien sich anzu­bah­nen. Am Tag zuvor hatte ich in sechs Lehr­ver­an­stal­tungs­stun­den bei mehr als 30 Grad in mei­nen lan­gen Hosen so geschwitzt, wie — gefühlt — nie­mals zuvor. Die Wet­ter­frö­sche soll­ten mit ihren Vor­her­sa­gen nicht recht behal­ten. Statt “deut­lich über 30 Grad”, erreichte das Ther­mo­me­ter am Diens­tag kaum 20, was gegen Abend bei mir gleich zu einer hef­ti­gen Erkäl­tung führte, die mir jetzt — drei Tage spä­ter beim Ver­fas­sen die­ses Blog­ein­trags — immer noch zu schaf­fen macht. Selbst schuld.

Waf­fen und Hunde sind ver­bo­ten, Shorts für Pro­fes­so­ren dage­gen nicht

Aller­dings frage ich mich — spä­tes­tens seit Diens­tag, ob es für Dozen­ten über­haupt vor­ge­ge­bene Gren­zen für opti­sche Geschmack­lo­sig­kei­ten in Vor­le­sun­gen gibt. Unser Pres­se­spre­cher Hel­mut Ham­mer konnte mir zwar ver­ra­ten, dass an der Hoch­schule Mitt­weida “Waf­fen und Hunde in Lehr­ver­an­stal­tun­gen ver­bo­ten” seien. Im Hin­blick auf das Auf­tre­ten der Pro­fes­so­ren­schaft in Lehr­ver­an­stal­tun­gen gebe es aller­dings keine Vor­ga­ben oder auch nur Emp­feh­lun­gen. Das ent­spricht in etwa der Aus­kunft, die ich von Andreas Fried­rich, dem Spre­cher des Säch­si­schen Staats­mi­nis­te­rium für Wis­sen­schaft und Kunst erhielt. In Dres­den geht man davon aus, “dass die Lehr­kräfte mit ihrem Anstand, ihrem Selbst­wert­ge­fühl und ihrem Ver­ant­wor­tungs­be­wusst­sein selbst beur­tei­len kön­nen, wie sie vor die Stu­die­ren­den tre­ten können.”

Damit ver­tritt das zustän­dige Minis­te­rium eine Auf­fas­sung, die nach mei­nen Erkennt­nis­sen  durch­aus auch von Stu­den­tin­nen an unse­rer Fakul­tät geteilt wird:

  • Lisa Tal­via, Medi­en­ma­nage­ment (Bache­lor): Solange den Pro­fes­so­ren egal ist, was ich trage, ist mir auch egal, was die tra­gen. Gene­rell denke ich nicht, dass kür­zere Klei­dung nega­tive Aus­wir­kun­gen auf den Leh­rer­folg hat, eher im Gegen­teil — je ent­spann­ter der Pro­fes­sor, desto glück­li­cher die Stu­den­ten.

  • Tanja Rieg­ger, Media and Com­mu­ni­ca­tion Stu­dies (Mas­ter): JA zu Tem­pe­ra­tur ent­spre­chen­der Klei­dung! Defi­ni­tiv ist hier­bei keine frei­zü­gige Klei­dung zu ver­ste­hen. Bei Stu­den­tin­nen und Stu­den­ten sind zu kurze Shorts auch nicht ange­bracht. Hier­bei sollte eine deut­li­che Gleich­be­rech­ti­gung herr­schen, jedoch sollte man die Auf­merk­sam­keit nicht auf bestimmte Kör­per­stel­len locken.

  • Alex­an­dra Schal­ler, Medi­en­ma­nage­ment (Bache­lor): Ich finde es über­haupt nicht schlimm, wenn Pro­fes­so­ren kurze Hosen bei war­men Tem­pe­ra­tu­ren tra­gen, denn Pro­fes­so­ren sind auch nur Men­schen, die schwit­zen wie jeder andere. Jedoch sollte die Hose nicht ganz zu „locker und läs­sig“ wir­ken.
Fein geklei­de­tes Lehr­per­so­nal ist an der Bucerius Law School nicht nur bei der offi­zi­el­len Imma­tri­ku­la­ti­ons­feier zu sehen | Bild: Bucerius Law School

Pro­fes­so­ren in kur­zen Hosen sind in Sach­sen wohl kein Pro­blem — und offen­bar auch nicht an Vorzeige-Hochschulen außer­halb des Frei­staats. An der renom­mier­ten Bucerius Law School in Ham­burg, immer­hin Deutsch­lands füh­rende Jura-Fakultät, gibt es “keine Klei­der­ord­nung” für Pro­fes­so­ren und Wis­sen­schaft­li­che Mit­ar­bei­ter, ver­riet mir Pres­se­spre­cher Klaus Weber am Tele­fon. Weil auf­grund der begrenz­ten Zahl an Stu­die­ren­den die Atmo­sphäre hier ohne­hin fami­liä­rer sei, würde man es einem Pro­fes­sor nicht ver­übeln, wenn er bei hei­ßen Tem­pe­ra­tu­ren seine Vor­le­sung in kur­zen Hosen abhält. Den­noch — in der Pro­fes­so­ren­schaft gibt es im Hin­blick auf die Klei­dung auch an hei­ßen Tagen offen­bar kühle han­sea­ti­sche Zurück­hal­tung. Ihm sei in drei Jah­ren an der Hoch­schule noch nie ein Pro­fes­sor in Shorts begeg­net, ver­riet mir ein Student.

Lange Hosen bei 40 Grad an der Duke University

Tha­mina Stoll stu­dierte bis Mai an der Duke Uni­ver­sity in North Carolina

Beson­ders heiß kann es auch in North Caro­lina im Som­mer wer­den. Dort hat Tha­mina Stoll an der berühm­ten Duke Uni­ver­sity erst im Mai die­ses Jah­res ihren Abschluss als Bache­lor of Arts mit gro­ßem Erfolg gemacht. Wäh­rend ihres Stu­di­ums hat sie “eigent­lich ziem­lich anstän­dig ange­zo­gene Pro­fes­so­ren” erlebt. Die wür­den zwar nicht alle in Anzü­gen oder Kos­tü­men rum­lau­fen — aber “Hemd und lange Hose sind eigent­lich Stan­dard”, selbst bei Tem­pe­ra­tu­ren bis zu 40 Grad. Dabei würde es Tha­mina den Pro­fes­so­ren “nicht übel neh­men”, wenn sie sich dem Wet­ter ent­spre­chend klei­den: “Ich laufe bei sol­chen Tem­pe­ra­tu­ren ja auch in kur­zen Hosen und Som­mer­klei­dern rum.”

Offi­zi­elle Vor­ga­ben, Klei­der­ord­nun­gen oder auch nur Emp­feh­lun­gen für das Lehr­per­so­nal gibt es indes auch an der Duke — ähn­lich wie an deut­schen Uni­ver­si­tä­ten und Hoch­schu­len — offen­bar nicht. Das braucht es auch gar nicht, meint der geschätzte Kol­lege Andreas Wrobel-Leipold und been­det eine etwaig auf­kom­mende Dis­kus­sion über Pro­fes­so­ren in kur­zen Hosen auf seine unnach­ahm­li­che Weise: “Im Anzug und mit Kra­watte am Strand? Ich nicht. Umge­kehrt würde ich in Strand-Outfit und Flip­flops auch nicht zur Arbeit gehen — es sei denn als Bade­meis­ter.” Dem kann ich nach mei­nen Erfah­run­gen am Diens­tag nur zustimmen.

Hin­weis: Die­ser Bei­trag erschien zuerst am 2. Juni 2017 bei Medien!Student unter dem Titel “Profs in kur­zen Hosen

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