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Keine “Dauerschleifen” mit Ed Sheeran im Radio

16. März 2017 | Das hat es in der Geschichte inter­na­tio­na­ler Hit­pa­ra­den noch nie zuvor gege­ben: Neun der Top 10-Titel in der bri­ti­schen “Offi­cial Chart” stamm­ten am 10. März von Ed Shee­ran. Aus sei­nem neuen Album “÷ (Divide)” konnte der Singer-Songwriter sogar alle 16 Stü­cke in den Top 20 plat­zie­ren. Die­ser Rekord kenn­zeich­net eine neue Form des Musik­kon­sums, die auch Ein­fluss auf die Pla­nung bei Radio­sta­tio­nen haben könnte. | Titel­bild: Ed Shee­ran in der BBC Radio 1 Live Lounge im Februar 2015, via YouTube.

Der bis­he­rige Hitparaden-Rekord hat immer­hin fast 53 Jahre gehal­ten: In den US-Hot 100 des Fach­ma­ga­zins “Bill­board” nah­men am 4. April 1964 die Beat­les die ers­ten fünf Plätze ein. Damals wur­den die Hit­pa­ra­den in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten sowie in ande­ren Län­dern noch anhand von Ver­käu­fen der so genann­ten Single-Platten ermit­telt. Dass Plat­ten­fir­men meh­rere Titel eines Inter­pre­ten zugleich als Sin­gle ver­öf­fent­lich­ten, war sei­ner­zeit eher eine Aus­nahme als die Regel.

  1. Can’t Buy Me Love — The Beatles
  2. Twist And Shout — The Beatles
  3. She Loves You — The Beatles
  4. I Want To Hold Your Hand — The Beatles
  5. Please Please Please Me — The Beatles
  6. Sus­pi­cion — Terry Stafford
  7. Hello Dolly — Louis Armstrong

Für die geballte Beatles-Präsenz in den US-Charts gab’s damals aber gute Gründe: Die welt­weite Eupho­rie für die “Fab Four” hatte im Früh­jahr 1964 mit eini­ger Ver­spä­tung auch die Ver­ei­nig­ten Staa­ten erreicht. Sei­ner­zeit mach­ten die Beat­les ihre erste US-Tournee und hat­ten zudem Auf­tritte in popu­lä­ren TV-Shows wie bei Ed Sul­li­van. Um auch bei den Plat­ten­ver­käu­fen von der so genann­ten “Beat­le­ma­nia” in den USA pro­fi­tie­ren zu kön­nen, wurde im Früh­jahr 1964 nicht nur die damals aktu­elle Sin­gle “Can’t Buy Me Love” ver­öf­fent­licht, son­dern auch wei­tere Titel, die in Groß­bri­tan­nien und anderswo schon im Jahr zuvor das “Beatles-Fieber” aus­ge­löst hatten.

Dann kamen iTu­nes und Spotify

“Frü­her konn­ten Plat­ten­fir­men prak­tisch vor­ge­ben, wel­che Titel zu wel­chem Zeit­punkt auf den Markt kamen und damit auch im Radio ein­ge­setzt wur­den”, weiß Nor­bert Grundei, der Pro­gramm­chef von N-JOY, dem Jugend­ra­dio des Nord­deut­schen Rund­funks. Tat­säch­lich wur­den frü­her Sin­gles nach­ein­an­der ver­öf­fent­licht, spä­ter schub­weise ein­zelne Titel aus den jeweils aktu­el­len Lang­spiel­plat­ten oder CD-Alben “ausgekoppelt”.

Norbert Grundei ist Programmchef von N-JOY, dem Jugendradio des Norddeutschen Rundfunks | Bild: NDR

Nor­bert Grundei ist Pro­gramm­chef von N-JOY, dem Jugend­ra­dio des Nord­deut­schen Rund­funks | Bild: NDR

Das bis dahin ange­stammte Ver­triebs­sys­tem der Musik­in­dus­trie wurde ab 2001 von Apple-Chef Steve Jobs kräf­tig durch­ein­an­der gewir­belt. Aus­ge­rech­net ein Bran­chen­frem­der ent­deckte sei­ner­zeit das von den eta­blier­ten Plat­ten­fir­men ver­nach­läs­sigte Geschäft mit Musik-Downloads aus dem Inter­net. Mit der Musikverwaltungs-Software “iTu­nes” und einer umfang­rei­chen Titel­aus­wahl in sei­nem vir­tu­el­len Online­shop, wollte Jobs vor allem Ange­bote für den damals eben­falls neuen MP3-Player “iPod” bereit­stel­len — und an den kos­ten­pflich­ti­gen Musik-Downloads mit­ver­die­nen. Neu war damals, dass von Apple neben gan­zen Alben auch alle Titel ein­zeln zum Fest­preis von zunächst 99 Cent ange­bo­ten wurden.

iPod Shuffle von Apple - Musik zum Download und Mitnehmen | Bild: Sabrit Tuzcu via unsplash.com/@sabrit

iPod Shuf­fle von Apple — Musik zum Down­load und Mit­neh­men | Bild: Sabrit Tuzcu via unsplash.com/@sabrit

Wäh­rend Apple mit iPod und iTu­nes schnell Erfolg hatte, dau­erte es einige Zeit, bis sich das 2006 in Stock­holm gegrün­dete Spo­tify inter­na­tio­nal durch­set­zen konnte, zumin­dest kom­mer­zi­ell. Inzwi­schen sind die Schwe­den jedoch längst Welt­markt­füh­rer unter den Musik-Streamingdiensten, bei denen die Nut­zung des umfang­rei­chen Tite­l­an­ge­bots nur für den Zeit­raum der kos­ten­pflich­ti­gen Abon­ne­ments mög­lich ist. Anfang März die­ses Jah­res knackte Spo­tify nach eige­nen Anga­ben die 50-Millionengrenze und liegt damit deut­lich vor “Music” von Apple mit rund 20 Mil­lio­nen Abonnenten.

Spotify-Gründer Daniel Ek | Bild: Spotify

Spotify-Gründer Daniel Ek | Bild: Spotify

Dank Spo­tify & Co. domi­niert Ed Shee­ran die bri­ti­schen Charts

Official British Chart am 10. März 2017 | Screenshot BBC

Offi­cial Bri­tish Chart am 10. März 2017 | Screen­shot BBC

Wegen end­lo­ser Musik-Streamings auf Spo­tify und ande­ren Diens­ten würde ein Künst­ler die bri­ti­sche Hit­pa­rade domi­nie­ren, beklagte am ver­gan­ge­nen Frei­tag The Guar­dian, nach­dem bekannt gewor­den war, dass Ed Shee­ran alle 16 Titel sei­nes zu Beginn des Monats neu erschie­ne­nen Albums “÷ (Divide)” unter den Top 20 der offi­zi­el­len BBC-Charts plat­zie­ren konnte. Neun Songs des Singer-Songwriters sind sogar unter den ers­ten 10 zu fin­den. Nur die Chains­mo­kers sor­gen gemein­sam mit Cold­play auf Rang 7 für ein wenig Abwechs­lung in der “Hitparaden-Eintönigkeit” (The Guar­dian) auf der Insel.

Auch in zahl­rei­chen ande­ren Län­dern wer­den inzwi­schen Rekord­ver­käufe des neuen Sheeran-Albums ver­mel­det. In den USA schnellte “÷ (Divide)” sofort auf Platz 1 der “Bill­board 200″ und wurde nur wenige Tage nach der Ver­öf­fent­li­chung zum bis­lang meist­ver­kauf­ten Album des Jah­res 2017.  Die Spit­zen­po­si­tion erreichte Ed Shee­ran auf Anhieb auch in den von Media Con­trol ver­öf­fent­lich­ten Deut­schen Album Charts. Bei der Aus­wer­tung nach Ein­zel­ti­teln ist der Erfolg des Pop­bar­den hier­zu­lande zwar nicht ganz so groß wie in Groß­bri­tan­nien; immer­hin aber belegt er in den “Song-Charts” mit den Stü­cken “Shape Of You” und “Castle On The Hill” beide Spit­zen­plätze. Zudem plat­zier­ten sich auch in Deutsch­land alle 16 Titel des Albums zumin­dest unter den Top 100.

Der den­noch beste­hende Unter­schied zu sei­ner Domi­nanz in der eng­li­schen Hit­pa­rade wird von Media Con­trol unter ande­rem damit erklärt, dass bei Ermitt­lung der deut­schen Charts den Streaming-Abrufen “ver­mut­lich eine andere Gewich­tung zugrunde liegt”, als in Groß­bri­tan­nien bei der Zusam­men­stel­lung der “Offi­cial Chart”. Ins­ge­samt setzt sich die Song-Chart von Media Con­trol aus “phy­si­schen und digi­ta­len Ver­käu­fen, Audio und Video-Streams sowie Radio Ein­sät­zen” zusam­men. Dabei wer­den nach Anga­ben des Unter­neh­mens die Ver­käufe höher gewich­tet als die übri­gen Verbreitungswege.

Mehr Mut bei der Musik­pla­nung im Radio

Ver­triebs­wege hin — unter­schied­li­che Gewich­tun­gen bei Ermitt­lung von Charts her. Der rasante “Hitparaden-Sturm” des Ed Shee­ran zeigt, dass sich die Art des Musik­kon­sums vor allem bei jun­gen Hörern dank Spo­tify und Co. deut­lich geän­dert hat. Ein­zelne Inter­pre­ten oder Grup­pen wer­den für gewisse Zeit­räume in Dau­er­schleife kon­su­miert: ges­tern Mack­lemore, heute Ed Shee­ran und mor­gen viel­leicht mal wie­der Rihanna oder die Chainsmokers.

Die­ses ver­än­derte Ver­hal­ten sei­ner Kli­en­tel beob­ach­tet auch N-JOY-Chef Nor­bert Grundei nach eige­nen Anga­ben schon seit gerau­mer Zeit. Beim Jugend­ra­dio des NDR ist man des­we­gen dazu über­ge­gan­gen bei der Musik­pla­nung die so genannte “Interpreten-Sperre” zu lockern. Inzwi­schen könne es durch­aus mög­lich sein, dass unter­schied­li­che Titel eines gerade beson­ders ange­sag­ten Künst­lers inner­halb von weni­ger als 90 Minu­ten ein­ge­setzt wer­den, sagt Grundei und führt dabei Rihanna als Bei­spiel aus den letz­ten Mona­ten an. Dau­er­ein­sätze ein­zel­ner Inter­pre­ten über ganze Musik­stre­cken im Tages­pro­gramm von N-JOY kann er sich dage­gen nicht vor­stel­len. Aller­dings sei heut­zu­tage mehr Mut und auch mehr Sorg­falt bei der Musik­pla­nung nötig, um die Hörer bei der Stange zu halten.

Ina Tenz ist seit Beginn des Jahres Programmdirektorin von Antenne Bayern | Bild: Antenne Bayern

Ina Tenz ist seit Beginn des Jah­res Pro­gramm­di­rek­to­rin von Antenne Bay­ern | Bild: Antenne Bayern

Mehr Mut und auch noch grö­ßere Sorg­falt bei der Musik­pla­nung sind zwei Stich­worte, die Ina Tenz unab­hän­gig von ihrem öffentlich-rechtlichen Kol­le­gen spon­tan nennt, als ich die neue Pro­gramm­di­rek­to­rin von Antenne Bay­ern am Tele­fon auf mög­li­che Kon­se­quen­zen für Radio­ma­cher auf­grund der zuneh­men­den Bedeu­tung des Musik-Streamings anspre­che. Bei der Musik­pla­nung für das Pro­gramm von Deutsch­lands größ­tem Pri­vat­sen­der ver­lässt sich die erfah­rene Radio­frau kei­nes­wegs allein auf com­pu­ter­ge­stützte Pla­nungs­sys­teme, bei denen Ein­satz­zei­ten von Inter­pre­ten und deren Titel auf Grund­lage von Vor­ga­ben mathe­ma­tisch berech­net wer­den: “Für einen guten Lie­bes­brief ist schließ­lich auch mehr erfor­der­lich, als nur die Instal­la­tion von ‘Word’ auf einem Computer.”

Damit die “musi­ka­li­schen Lie­bes­bot­schaf­ten” bei den Hörern auch ankom­men, küm­mern sich nach Angabe der Antenne-Chefin vier Musik­re­dak­teure im Funk­haus in Isma­ning bei Mün­chen um die rich­tige Mischung, pas­send zu den sons­ti­gen Inhal­ten des Pro­gramms und zum Image des Sen­ders. Mit dem Slo­gan “Wir lie­ben Bay­ern. Wir lie­ben Hits”, setzt man bei der Antenne sowohl auf regio­nale Infor­ma­ti­ons– als auch auf Musikkompetenz.

Roel Oosthout ist Programmdirektor von Hit Radio FFH in Hessen | Bild: Hit Radio FFH

Roel Oost­hout ist Pro­gramm­chef von Hit Radio FFH in Hes­sen | Bild: Hit Radio FFH

Ähn­lich wie Ina Tenz argu­men­tiert auch Roel Oost­hout, Pro­gramm­chef von Hit Radio FFH, dem lang­jäh­ri­gen Markt­füh­rer in Hes­sen. Auch für den gelern­ten Musik­re­dak­teur, der frü­her für die nie­der­län­di­sche Radio­le­gende Ad Roland arbei­tete, besteht gutes und erfolg­rei­ches Radio nicht nur aus dem Abspie­len von Hits, son­dern auch aus den ande­ren Pro­gram­m­ele­men­ten, wobei er “Infor­ma­tio­nen” an ers­ter Stelle nennt. Musik-Streaminganbieter sieht er auch nicht als direkte Kon­kur­ren­ten zu Radio­pro­gram­men wie FFH, son­dern mehr als “sehr kom­for­ta­ble Nach­fol­ger von Schall­plat­ten, Cas­set­ten und CDs”. Auch da hät­ten frü­her die Leute immer wie­der die­sel­ben Inter­pre­ten und Titel gehört, abseits von Radioprogrammen.

Den­noch will Roel Oost­hout Bedeu­tung und Ein­flüsse der Strea­ming­dienste nicht unter­schät­zen: “Natür­lich müs­sen wir dar­auf ach­ten, was sich bei Spo­tify tut und wel­che Titel dort beson­ders häu­fig nach­ge­fragt wer­den”, sagt Oost­hut und räumt ein, dass Radio­sen­der inzwi­schen muti­ger bei Aus­wahl und Ein­satz von Musik­ti­teln gewor­den sind: “Wir spie­len heute Titel, die wir vor fünf oder gar zehn Jah­ren noch nicht ein­ge­setzt hät­ten.” Als kon­kre­tes Bei­spiel nennt er spon­tan die ame­ri­ka­ni­schen Heavy Metal-Rocker “Dis­tur­bed” mit ihrer Ver­sion des Simon & Gar­fun­kel Klas­si­kers “The Sound of Silence”.

Eine grund­sätz­li­che Ände­rung des Pla­nungs­sche­mas bei popu­lär aus­ge­rich­te­ten Radio­pro­gram­men kann sich der Hit Radio FFH-Programmchef, ähn­lich wie Ina Tenz von Antenne Bay­ern und Nor­bert Grundei von N-JOY, vor­erst jedoch nicht vor­stel­len. Trotz des geball­ten Ansturms von Ed Shee­ran auf die inter­na­tio­na­len Hit­pa­ra­den wird es in den Tages­pro­gram­men deut­scher Radio­sen­der in abseh­ba­rer Zeit also keine “Dau­er­schlei­fen” für den bri­ti­schen Singer-Songwriter oder andere jeweils beson­ders “ange­sagte” Inter­pre­ten geben. Damit fol­gen die Radio­ma­cher hier­zu­lande dem Bei­spiel ihrer Kol­le­gen im Hei­mat­land des “Chart-Stürmers”. So hat BBC Radio 1 zur­zeit auch nur zwei Stü­cke aus dem Sheeran-Album in der eige­nen — 46 Titel umfas­sen­den — aktu­el­len Playlist.

Doch nichts hat für immer Bestand — auch nicht die Musik­pla­nung von Radio­pro­gram­men. Daher abschlie­ßend noch ein­mal ein Blick zurück in die Musik-Historie: Als Mitte der 1950er Jahre in den USA die ers­ten For­ma­tra­dios ent­stan­den, ori­en­tier­ten sich deren Pro­gramm­ma­cher an dem Nut­zungs­ver­hal­ten von Musik­bo­xen. In Bars und Clubs wur­den sei­ner­zeit für einige Cent immer wie­der die­sel­ben gerade popu­lä­ren Titel auf­ge­ru­fen. Diese Ver­hal­tens­mus­ter waren Vor­bild für die ers­ten Top 25-Stationen, die als Vor­rei­ter der heu­ti­gen popu­lä­ren Radio­pro­gramme gel­ten. Wer weiß — viel­leicht wird Spo­tify doch noch zum Vor­bild für Hör­fun­ker, so wie vor gut 60 Jah­ren die Musikbox