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Die Antenne verlässt das Dorf

12. Februar 2016 | Am 15. Februar sen­det Antenne MV zum letz­ten Mal aus dem — schon fast legen­dä­ren — Funk­haus Plate bei Schwe­rin. Künf­tig wird das Pro­gramm des ers­ten Pri­vat­sen­ders in Mecklenburg-Vorpommern aus dem Bahn­hofs­vier­tel in Ros­tock aus­ge­strahlt. Längst nicht alle sind glück­lich über die Ent­schei­dung des Mehr­heits­ge­sell­schaf­ters Regio­cast — ich auch nicht. [Titel­bild: Von Nites­hift (talk) — Selbst foto­gra­fiert, CC BY-SA 3.0, http://bit.ly/1O6jkko]

Noch im Funkhaus Plate: Die Antenne Morgen-Moderatoren Jörg und Trina | Bild: Antenne MV
Noch im Funk­haus Plate: Die Antenne Morgen-Moderatoren Jörg und Trina | Bild: Antenne MV

Robert Weber klingt hör­bar ver­schnupft als er mich am Frei­tag­vor­mit­tag anruft. Mein Nach-Nachfolger als Chef von Antenne MV ist stark erkäl­tet und muss trotz­dem den anste­hen­den Umzug sei­nes gan­zen Sen­ders nach Ros­tock orga­ni­sie­ren. Nach 8.295 Sen­de­ta­gen wird das Pro­gramm des ers­ten Pri­vat­sen­ders in Mecklenburg-Vorpommern nur noch bis zum 15. Februar um 15.00 Uhr aus dem Funk­haus Plate aus­ge­strahlt.  Nach einem tech­nisch beding­ten Über­gang von zwei Wochen, in denen die Antenne “Unter­mie­ter” bei den Kol­le­gen von Radio PSR und R.SA im Radio­zen­trum Leip­zig sein wird, soll das Pro­gramm dann am 1. März aus dem Bahn­hofs­vier­tel in Ros­tock ver­brei­tet werden.

Funkhaus-aktuell
Funk­haus Plate im Februar 2016, kurz vor dem Umzug des Sen­ders | Bild: Stef­fen Holz

Ich habe nicht wirk­lich ver­stan­den, warum Antenne MV nach fast 23 Jah­ren das — eigene — Funk­haus in Plate ver­lässt und nach der Ost­see­welle als zwei­ter Pri­vat­sen­der nun eben­falls sei­nen Sitz in Ros­tock nimmt. Mein Nach-Nachfolger versucht’s mir zu erklä­ren: “Wir müs­sen dahin, wo das Leben ist”. Und das so — der Ros­to­cker — Robert Weber, kon­zen­triere sich in Mecklenburg-Vorpommern immer mehr auf die Ost­see­me­tro­pole. Zudem werde es zuneh­mend schwie­ri­ger, gute Mit­ar­bei­ter für den Stand­ort Plate anzu­heu­ern: “Wir zah­len jetzt schon Auf­schläge für den Stand­ort­nach­teil”. Ohne­hin würde sich durch den Umzug nach Ros­tock nicht allzu viel ändern. Dass im Gegen­satz zum Chef längst nicht alle Mit­ar­bei­ter die­sen Stand­ort­wech­sel begrü­ßen, ver­steht sich von selbst. Rück­gän­gig zu machen ist die Ent­schei­dung ohne­hin nicht mehr — also schwel­gen wir noch ein­mal in Erin­ne­run­gen an die Anfangs­zei­ten von Antenne MV im Funk­haus Plate.

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Wenige Tage vor dem Sen­de­start von Antenne MV am 31. Mai 1993 wurde in ganz Mecklenburg-Vorpommern die erste Aus­gabe von unse­rer Zei­tung ver­brei­tet. | Die kom­plette Aus­gabe kann hier als PDF-Datei her­un­ter­ge­la­den wer­den

Blick zurück — aber nicht im Zorn

Die Antenne auf dem Dorf” lau­tete die Über­schrift zu einem Arti­kel, den Ralph Schipke am 27. Februar 1993 im Nord­ku­rier, der Regio­nal­zei­tung für den ehe­ma­li­gen Bezirk Neu­bran­den­burg, ver­öf­fent­lichte. Es war sei­ner­zeit das erste Mal, dass die Öffent­lich­keit von dem bevor­ste­hen­den Sen­de­start des ers­ten Pri­vat­sen­ders in Mecklenburg-Vorpommern erfuhr. Gut drei Monate spä­ter, am 31. Mai, dem Pfingst­mon­tag im Jahr 1993 gin­gen wir dann mit­tags um 12.00 Uhr auf Sen­dung. Der damals 22 Jahre junge Peter Kranz, zunächst Wort­chef und spä­ter Chef­re­dak­teur, machte die erste Ansage aus dem ver­mut­lich idyl­lischst gele­ge­nen Funk­haus der Republik:

“Hier ist Antenne MV – der erste lan­des­weite Pri­vat­sen­der in Mecklenburg-Vorpommern. Ab jetzt sen­den wir täg­lich 24 Stun­den lang. Mein Name ist Peter Kranz. Ich wün­sche Ihnen einen schö­nen Pfingst­mon­tag – und vor allem guten Empfang.”

Die Idylle in der gut 3.000 Ein­woh­ner zäh­len­den Gemeinde Plate, 15 Kilo­me­ter ent­fernt vom Stadt­zen­trum in Schwe­rin am Rande des Natur­schutz­ge­bie­tes Lewitz gele­gen, war selbst­re­dend nicht der allei­nige Grund dafür, warum wir uns sei­ner­zeit ent­schlos­sen, mit dem Sen­der aufs Dorf zu zie­hen. Nach­dem die von der Holtzbrinck-Tochter AVE und von Gesell­schaf­tern des damals längst erfolg­rei­chen Pri­vat­sen­ders Radio Schleswig-Holstein geführte Anbie­ter­gruppe Anfang Februar 1993 die Lizenz zum Sen­den in Mecklenburg-Vorpommern erhal­ten hatte, bega­ben wir uns sofort auf die Suche nach einem geeig­ne­ten Stand­ort — zunächst in Schwe­rin. In der Lan­des­haupt­stadt herrschte damals aller­dings noch Gold­grä­ber­stim­mung, zumin­dest auf dem gewerb­li­chen Immo­bi­li­en­markt: Für völ­lig abge­wrackte Büro­räume wur­den Miet­preise gefor­dert, die sei­ner­zeit kaum in der Ham­bur­ger Innen­stadt zu erzie­len waren. Eine Alter­na­tive fand unser Mar­ke­ting­chef Uli Gienke dank sei­ner exzel­len­ten Kon­takte in einem damals teil­weise leer­ste­hen­den Büro­ge­bäude direkt am male­ri­schen Stör­ka­nal gele­gen in der Gemeinde Plate.

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Traum­hafte Aus­sicht vom Funk­haus Plate in das Natur­schutz­ge­biet Lewitz | Bild: Stef­fen Holz

Der Miet­zins war hier erträg­lich — und Plate hatte für das gerade ent­ste­hende Pri­vat­ra­dio noch einen wei­te­ren Vor­teil: Wir waren für die Ros­to­cker kein “Schwe­ri­ner Sen­der” und für die Schwe­ri­ner keine “Fisch­köpfe” aus Ros­tock. So konn­ten wir uns in der Folge auch dank unse­rer Außen­stu­dios in Ros­tock, Neu­bran­den­burg und Stral­sund als Sen­der für das ganze Land pro­fi­lie­ren und eta­blie­ren. Hilf­reich dafür war auch der Slo­gan “End­lich was eige­nes!”, der auch ein deut­li­cher Sei­ten­hieb auf den NDR war und womög­lich dazu beige­tra­gen hat, dass wir schon ein Jahr nach unse­rem Sen­de­start mit einem Markt­an­teil von 32 Pro­zent in Mecklenburg-Vorpommern zu den erfolg­reichs­ten deut­schen Pri­vat­ra­dios gehörten.

Nicht ganz vollständig - die Mannschaft von Antenne MV im Juni 1998
Grup­pen­foto mit 38 Mit­ar­bei­tern von Antenne MV zum fünf­ten Geburts­tag Ende Mai 1998

Zum fünf­ten Geburts­tag — Ende Mai 1998 — hat­ten wir  38 der damals ins­ge­samt 49 Mode­ra­to­ren, Redak­teure, Kor­re­spon­den­ten, Tech­ni­ker und Wer­be­zei­ten­ver­käu­fer zu einem Grup­pen­foto vor unse­rem “Show­truck” vor dem Funk­haus Plate ver­sam­melt. Auf die­sem Bild fehlt schon Peter Kranz,  der zunächst als Wort­chef, dann als Chef­re­dak­teur einen ganz ent­schei­den­den Anteil am Erfolg des Sen­ders hatte. Antenne MV — und dar­auf waren wir beson­ders stolz — war kein Dudel­funk, son­dern auch jour­na­lis­ti­sches Schwer­ge­wicht in Mecklenburg-Vorpommern.

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Sen­de­start am 31. Mai 1993

Unsere Bericht­er­stat­tung war von Anfang an so ambi­tio­niert und enga­giert, dass schon nach dem zwei­ten Sen­de­tag die erste Klage bei uns ein­ging. Einer unse­rer Redak­teure hatte die Machen­schaf­ten eines betrü­ge­ri­schen Bus­un­ter­neh­mers (klar, das war ein “Wessi”) auf­ge­deckt, der bei angeb­li­chen Kaf­fee­fahr­ten brave Meck­len­bur­ger übers Ohr gehauen hatte. Die Klage lief ins Leere, der dubiose Bus­rei­se­ver­an­stal­ter ver­schwand aus Schwe­rin und wir mach­ten unbe­ein­druckt in Plate wei­ter. In der Folge deck­ten unsere Redak­teure unter ande­rem Machen­schaf­ten des Ver­fas­sungs­schut­zes auf („Die Buntgescheckten-Affäre“), brach­ten Minis­ter in Erklä­rungs­not und for­cier­ten gar deren Rück­tritte, wie den des dama­li­gen Innen­mi­nis­ters Rudi Geil im Som­mer 1996. Fünf Jahre nach dem Mau­er­fall rekon­stru­ier­ten wir noch ein­mal nahezu minu­ten­ge­nau den Abend des 9. Novem­ber 1989. Dafür gab’s sogar einen Radio­preis – es war längst nicht die ein­zige Aus­zeich­nung in den Anfangs­jah­ren von Antenne MV.

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Der Herr der Tech­nik: Diego Lud­wig kurz vor dem Sen­de­start im Mai 1993

Die male­ri­sche Lage unse­res Funk­hau­ses war nicht der allei­nige Grund dafür, warum wir schon bald nach dem Sen­de­start immer wie­der Besuch von Kol­le­gen ande­rer Radio­sta­tio­nen aus ganz Deutsch­land beka­men. Es hatte sich sei­ner­zeit in der Bran­che her­um­ge­spro­chen, dass unsere Tech­nik nicht nur bes­tens funk­tio­nierte, son­dern auch noch unglaub­lich preis­wert war. Unser Tech­nik­chef Diego Lud­wig hatte es ver­stan­den, die dama­li­gen Mög­lich­kei­ten der Digi­ta­li­sie­rung mit vor­han­de­ner ana­lo­ger Tech­nik so sinn­voll zu kom­bi­nie­ren, dass es nie zu Aus­fäl­len kam. Ich hatte Diego bei sei­ner Ver­pflich­tung die (gar nicht mal so ernst gemeinte) Vor­gabe gemacht, die gesamte Tech­nik des Sen­ders von den Sen­de­stu­dios bis zum Reportage-Rekorder für weni­ger als 1 Mil­lion D-Mark zu beschaf­fen. Er brauchte nur 950.000, weil Diego viele Dinge selbst machte, für die andere Sen­der teure externe Fach­leute anheu­ern mussten.

Spar­sam­keit und über­ra­schend hohe Ein­nah­men aus dem Ver­kauf unse­rer Wer­be­zei­ten führ­ten dazu, dass die Gesell­schaf­ter von Antenne MV — dar­un­ter auch die mehr­fa­che Olym­pia­sie­ge­rin Kat­rin Krabbe — bereits ein­ein­halb Jahre nach dem Sen­de­start  ordent­li­che Ren­di­ten aus­ge­schüt­tet beka­men. Im Jahr 1996 kauf­ten wir das Büro­ge­bäude an der Stör — damit wurde auch das Funk­haus Plate ‘was eigenes.

Das Grün­dungs­team von Antenne MV — ges­tern und heute

Nordkurier
Das Grün­dungs­team von Antenne MV im Februar 1993: Hans-Ulrich Gienke, Horst Mül­ler, Peter Kranz und Diego Lud­wig | Bild: Benno Bar­to­cha, Aus­schnitt aus dem Nord­ku­rier, 27.02.1993.
  • Hans-Ulrich Gienke: Mar­ke­ting­chef, spä­ter Geschäfts­füh­rer von Antenne MV. Heute: Geschäfts­füh­rer von Scan Haus in Marlow.
  • Horst Mül­ler: Geschäfts­füh­rer und Pro­gramm­di­rek­tor, anschlie­ßend Ver­lags­lei­ter Play­boy Deutsch­land bei Bauer Media in Mün­chen. Heute: Pro­fes­sor für Redak­ti­ons­pra­xis an der Hoch­schule Mitt­weida in Sachsen.
  • Peter Kranz: Wort­chef und Chef­re­dak­teur, spä­ter Redak­teur und Lei­ter des Lan­des­stu­dios Bran­den­burg beim ZDF. Heute: Lei­ter des Lan­des­mar­ke­tings “MV tut gut” in der Staats­kanz­lei in Schwerin.
  • Diego Lud­wig: Tech­ni­scher Lei­ter bei Antenne MV. Heute: Video­pro­du­zent und Inha­ber der ONADI Stage Com­pany mit Schwer­punkt Ber­lin Fashion Week.

Die Erin­ne­rung ist häu­fig schö­ner, als die Rea­li­tät jemals war. Klar, es gab auch in den ers­ten Jah­ren bei Antenne MV Schwie­rig­kei­ten, Rei­be­reien, Eifer­süch­te­leien und auch so man­chen Bei­trag, der bes­ser nicht gesen­det wor­den wäre. Den­noch gehö­ren die Jahre von 1993 bis 1998 im Funk­haus Plate zu der beruf­lich schöns­ten Zeit in mei­nem Leben. Mit vor­wie­gend jun­gen und ambi­tio­nier­ten Mit­ar­bei­tern einen sol­chen Sen­der auf­bauen zu dür­fen, ist ein Glücks­fall für den ich heute noch dank­bar bin. Nach­dem ich im Sep­tem­ber 1998 den Sen­der ver­las­sen habe, bin ich nie wie­der nach Plate zurück­ge­kehrt, in “unser” Funk­haus an der Stör, von dem René Bau­mann, bes­ser bekannt als DJ BoBo, bei einem Besuch im Som­mer 1996 ein­mal sagte: “Wer hier arbei­ten darf, kann ein­fach nur glück­lich sein.” 

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