Medien

Hi Joe, hier ist die Tagesschau

10. Februar 2016 | Nach dem furcht­ba­ren Zug­un­glück bei Bad Aib­ling in Ober­bay­ern ließ ARD-aktuell Chef­re­dak­teur Kai Gniffke Ama­teur­auf­nah­men aus dem Inne­ren eines der bei­den betei­lig­ten Züge aus­strah­len und begrün­dete das mit einem “authen­ti­schem Blick auf das Unglücksgeschehen”.  

Screen­shot aus der YouTube-Kommentarspalte am 9. Februar 2016. Die Telefon-Nr. wurde von mir teil­weise unkennt­lich gemacht.

In die­sem Fall kann man sich nun wirk­lich nicht dar­über bekla­gen, dass die Tagesschau-Leute zu spät rea­giert hät­ten. Michael Wege­ner, Lei­ter Con­tent Cen­ter bei ARD-aktuell, war einer der ers­ten, der sich am Diens­tag bei Joe Ade­diran mel­dete, nach­dem die­ser Auf­nah­men aus einem der ver­un­glück­ten Züge bei YouTube bereit­ge­stellt hatte: “Hi Joe, hier ist die Tages­schau”. Vor­her hatte schon Elea­nor Whal­ley von der Nach­rich­ten­agen­tur Reu­ters ihr Inter­esse an den Bewegt­bil­dern bekun­det, spä­ter folg­ten wei­tere Anfra­gen von RTL über den bri­ti­schen Daily Mir­ror bis zum fran­zö­si­schen Fern­seh­ka­nal TF1.

Live-Footage

In dem etwas mehr als sechs Minu­ten lan­gen Video, das ver­mut­lich unmit­tel­bar nach dem Zusam­men­prall in einem der bei­den Züge auf­ge­nom­men wurde, sind stöh­nende, manch­mal schrei­ende Men­schen zu hören und Ver­letzte vage zu erken­nen. Trotz der über­wie­gend undeut­li­chen Auf­nah­men, wird das grau­same Sze­na­rio erkenn­bar. Für ARD-aktuell Chef­re­dak­teur Kai Gniffke ist das Video aller­dings ein authen­ti­scher Blick auf das Unglücks­ge­sche­hen”, wes­halb er einige Sekun­den davon in der Haupt­aus­gabe der Tages­schau aus­strah­len ließ. Ein Zusam­men­schnitt von 30 Sekun­den wurde zudem auf der Web­site der Nach­rich­ten­sen­dung unter der Über­schrift “Auf­nah­men aus dem Zugin­ne­ren” ins Netz gestellt.

Umständ­lich und beleh­rend  - so, wie gewohnt — hatte Kai Gniffke noch am Diens­tag­abend in einem Bei­trag für den Tagesschau-Blog ver­sucht, die Aus­strah­lung der Video-Aufnahmen ethisch-moralisch zu recht­fer­ti­gen: Sein ers­ter “Impuls” war dem­nach “Geht gar nicht, das soll­ten wir den Leu­ten nicht zumu­ten.” Warum er einige Bil­der den­noch sen­den und im Netz zum Abruf bereit­stel­len ließ, kann er offen­bar nicht so recht erklä­ren: “Wir zei­gen schließ­lich ja auch die Ret­tungs­ar­bei­ten, die Ber­gung der Ver­letz­ten und den Zug von außen. Des­halb komme ich zu dem Ergeb­nis, dass die­ses Bild­ma­te­rial unsere Bericht­er­stat­tung ergänzt und dass wir dar­auf zurück­grei­fen sollten.” 

Zumin­dest die meis­ten Leser sei­nes Blog­ein­trags konnte der Tagesschau-Chef mit sol­chen Argu­men­ten nicht über­zeu­gen, wie aus den bis­lang ein­ge­gan­ge­nen Kom­men­ta­ren erkenn­bar wird: “Auf dem Video konnte ich rein gar nichts erken­nen. Der Infor­ma­ti­ons­ge­halt geht gegen Null”, schreibt Dr. Mabuse. Dr. Rein­hard Schmidt meint zu Recht: “Indem Sie die­ses Video zei­gen, bestä­ti­gen Sie lei­der die­je­ni­gen, die über­haupt keine Skru­pel mehr kenn­nen” und Ulrich Maiß for­dert: “In mei­nen Augen haben Sie als wich­ti­ger Bestand­teil einer öffentlich-rechtlichen Anstalt auch die Auf­gabe, sich der zuneh­men­den Sen­sa­ti­ons­lust und Ver­ro­hung in den Medien ent­ge­gen zu stel­len.” Dabei ist zu ergän­zen, dass die übli­chen Ver­däch­ti­gen in Sachen Sen­sa­ti­ons­lust — also Bild & Co. - nicht auf der “YouTube-Liste” von Joe Ade­diran zu fin­den waren.

Des­sen Video ““Sho­cking Live Foo­tage of Ger­man Train Col­li­sion” ist nach knapp 400 Auf­ru­fen seit Diens­tag­abend unter der bis­he­ri­gen Adresse nicht mehr zu fin­den, tauchte aber ande­ren Stel­len bei YouTube inzwi­schen wie­der auf. Mag sein, dass sich Joe Ade­diran inzwi­schen mit der BBC “han­dels­ei­nig” gewor­den ist. Zumin­dest ist auf der inter­na­tio­na­len Web­site der öffentlich-rechtlichen Anstalt aus dem Ver­ei­nig­ten König­reich ein Inter­view mit ihm zu sehen. Darin sagt er in sehr schwer ver­ständ­li­chem eng­lisch, dass er mit dem Zug auf dem Weg zur Arbeit gewe­sen sei, als das Unglück pas­sierte. Er selbst wurde nicht verletzt.

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