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Armer Zonen Hotte

8. Novem­ber 2015 | Dem 9. Novem­ber 1989 habe ich viel mehr zu ver­dan­ken, als nur einen alber­nen Spitz­na­men. Ein paar per­sön­li­che Anmer­kun­gen zu dem Tag, der lang­sam in Ver­ges­sen­heit gerät.

Als die “Mauer fiel”, habe ich tief und fest geschla­fen. So tief, dass mich nicht ein­mal der Anruf mei­nes dama­li­gen Kol­le­gen Alex­an­der von Hum­boldt aus dem Ham­bur­ger Stu­dio von Radio Schleswig-Holstein erreichte. In der Nacht zuvor war ich nach Bre­mer­ha­ven gefah­ren, weil dort an der Colum­bus­kaje das Fähr­schiff “Ham­burg” erwar­tet wurde, das in der deut­schen Bucht mit einem Con­tai­ner­schiff kol­li­diert war. Drei Men­schen waren bei dem Unglück ums Leben gekom­men. Den gan­zen Tag über hatte ich aus Bre­mer­ha­ven für R.SH und etwa ein Dut­zend wei­te­rer Radio­sta­tio­nen so genannte “Auf­sa­ger” gemacht, Bei­träge abge­setzt und Kol­le­gen­ge­sprä­che geführt. Für einen Tag stand zumin­dest im Nor­den der dama­li­gen Bun­des­re­pu­blik nicht die “fried­li­che Revo­lu­tion” in der DDR im Mit­tel­punkt der Bericht­er­stat­tung, son­dern das Schiffs­un­glück. Abends bin ich dann zurück nach Ham­burg gefah­ren, habe noch einige Berichte für den fol­gen­den Mor­gen pro­du­ziert und bin zuhause tod­müde ins Bett gefallen.

Was da am Abend des 9. Novem­ber pas­siert ist, erfuhr ich erst, als ich am nächs­ten Mor­gen gegen 5 Uhr in unse­rem Stu­dio an der Ham­bur­ger Deich­straße ankam, die voll von Tra­bis und Wart­burgs war. Vier junge Män­ner aus der Nähe von Schwe­rin, die wie viele andere auch, noch in der Nacht nach Ham­burg gekom­men waren, klär­ten mich begeis­tert auf: “Die Mauer ist weg!” Ich nahm sie mit ins Stu­dio, inter­viewte sie für die Früh­sen­dung und ver­ab­re­dete mich für den über­nächs­ten Abend mit ihnen zur Dorf­disco im meck­len­bur­gi­schen Dorf War­sow. Diese Ver­ab­re­dung konnte ich nur des­we­gen ein­hal­ten, weil ich — damals glaubte — “schwarz” in die noch exis­tie­rende DDR ein­zu­rei­sen und — wie ich spä­ter erfuhr — mit dem “Segen” der Stasi auch wie­der aus­zu­rei­sen. Was ich damals noch nicht ahnen konnte — mein ers­ter Besuch in der “unter­ge­hen­den” DDR sollte mein damals immer­hin schon 37 Jahre altes Leben noch ein­mal völ­lig auf den Kopf stel­len: zunächst beruf­lich, spä­ter auch privat.

Anfang 1990 im R.SH-Studio in Schwerin
Anfang 1990 im R.SH-Studio in Schwerin

Weil ich mich in den Wochen nach dem “Mau­er­fall” mit Unter­stüt­zung von Akti­vis­ten der Bür­ger­be­we­gung Neues Forum in Schwe­rin regel­recht ein­nis­tete und lau­fend Sen­de­plätze für meine Berichte ver­langte, erhielt ich von den sicht­lich generv­ten Kol­le­gen in der Kie­ler R.SH-Zentrale bald den Spitz­na­men “Zonen Hotte”. Das hat mich eigent­lich weni­ger gestört. Dass einige mei­ner Kol­le­gen mit­ten in der Wende “Busi­ness as usual” betrie­ben, dage­gen schon mehr. Immer­hin, ich hatte sei­ner­zeit span­nende Monate im Osten. Vor allem in Meck­len­burg hatte ich in mei­nem R.SH-Espace so etwas wie Nar­ren­frei­heit: Im Früh­jahr 1990 wurde ich in Bad Doberan von den “Vopos” mit völ­lig über­höh­ter Geschwin­dig­keit geblitzt und gestoppt. Statt einer saf­ti­gen Geld­strafe erhielt ich vom Genos­sen Volks­po­li­zis­ten das Ange­bot, mich nach Ros­tock zu einer Wahl­ver­an­stal­tung der SPD zu eskor­tie­ren, weil “sie es doch sicher­lich eilig haben”. Kurz bevor die DDR-Volksmarine im Som­mer 1990 auf­ge­löst wurde, bekam ich in Ros­tock sogar noch einen Orden ver­lie­hen — weil ich mich nach Auf­fas­sung des Admi­rals und sei­nes Presse-Adjutanten so für die Ver­stän­di­gung der bei­den deut­schen Völ­ker ein­ge­setzt hatte (den Beweis für die Aus­zeich­nung kann ich lei­der nicht mehr antre­ten, weil ich Orden und Urkunde bei unse­rem Umzug von Ober­bay­ern nach Ham­burg vor gut zwei Jah­ren irgend­wie ver­bum­melt habe).

Zwi­schen Mau­er­fall und Wie­der­ver­ei­ni­gung war ich viele Male im dama­li­gen Ost-Berlin und berich­tete über die Sit­zun­gen des ers­ten frei gewähl­ten DDR-Parlaments. Ich inter­viewte Angela Mer­kel und Joa­chim Gauck, als sie fast noch nie­mand kannte und ich rief regel­mä­ßig den dama­li­gen DDR-Innenminister Peter-Michael Die­s­tel mor­gens zu Hause an, um beson­ders ener­gie­ge­la­dene O-Töne für R.SH und wei­tere Radio­sta­tio­nen ein­zu­fan­gen. Ein exklu­si­ver O-Ton, den ich im Früh­jahr 1990 in Ros­tock auf­ge­nom­men hatte, wurde aller­dings nie gesen­det. Es war die Bestä­ti­gung, dass Wolf­gang Schnur, der dama­lige Spit­zen­kan­di­dat der CDU-nahen Alli­anz kurz vor der ers­ten freien Volks­kam­mer­wahl als Sta­si­spit­zel ent­tarnt wor­den war. Wie sich spä­tere her­aus­stellte, hatte eine Prak­ti­kan­tin mei­nen aus dem dama­li­gen Warnow-Hotel tele­fo­nisch abge­setz­ten Bei­trag ver­se­hent­lich gelöscht. “Armer Zonen Hotte”, ver­äp­pelte mich am nächs­ten Tag ein Kol­lege in der Kie­ler Nach­rich­ten­re­dak­tion — mit sehr viel Iro­nie in der Stimme. Zu unser bei­der Glück war er schnel­ler als ich, so dass ich ihn auf der Jagd durch das Funk­haus Witt­land nicht zu fas­sen bekam…

Ernennung zum Professor mit Sabine Kilger und dem damaligen Dekan Prof. Dr. Ludwig Hilmer
Ernen­nung zum Pro­fes­sor mit Sabine Kil­ger und dem dama­li­gen Dekan — und heu­ti­gen Rek­tor der Hoch­schule — Prof. Dr. Lud­wig Hilmer

Den­noch — die Zeit von Novem­ber 1989 bis Okto­ber 1990 war die span­nendste und wohl auch erfolg­reichste beruf­li­che Periode in mei­nem Leben. Und der Mau­er­fall war letzt­lich auch Grund­lage für wei­tere Sta­tio­nen: Ver­mut­lich wäre ich wohl nie Chef eines Radio­sen­ders “im Osten” gewor­den und hätte ganz bestimmt keine Pro­fes­sur an einer Hoch­schule erhal­ten. Vor allem hätte ich wohl  nicht Inge Sei­bel  getrof­fen, die Mitte der 1990er Jahre Pro­gramm­che­fin von Antenne Thü­rin­gen war und heute Mut­ter unse­rer wun­der­vol­len 17jährigen Toch­ter Julia ist. Was ist dage­gen schon so ein alber­ner Spitzname…?

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