Medien

Digital, banal — egal

22. Sep­tem­ber 2015 |Beim Zei­tungs­kon­gress in Regens­burg zeigt sich ein­mal mehr, dass Deutsch­lands Ver­le­ger hilf­los in der digi­ta­len Welt her­um­ir­ren. Statt belast­ba­rer Kon­zepte für die Zukunft gibt’s Bana­li­tä­ten, zum Bei­spiel vom BDZV-Präsidenten Hel­mut Heinen.

Das ist schon erstaun­lich: Erst vor einer Woche stellte der nie­der­län­di­sche Artikel-Kiosk Blendle sein deutsch­spra­chi­ges Ange­bot mit Bei­trä­gen aus über 100 Print­ti­teln ins Netz. Gleich­zei­tig gelangt Face­book mit sei­nen Instant Arti­cles an immer mehr jour­na­lis­ti­sche Inhalte und Apple sucht Redak­teure für seine News-App. Den Prä­si­den­ten des Bun­des­ver­bands Deut­scher Zei­tungs­ver­le­ger (BDZV), Hel­mut Hei­nen, beein­druckt das offen­bar genauso wenig, wie die Wer­be­bot­schaf­ten, die heut­zu­tage von Coca Cola und ande­ren über YouTube und/oder Face­book ver­brei­tet wer­den — und nicht etwa als bezahlte Wer­be­spots über die Online­por­tale deut­scher Print­ti­tel. Zumin­dest ging Hei­nen in sei­ner Rede zum Auf­takt des Zei­tungs­kon­gres­ses am Mon­tag in Regens­burg auf diese bedeut­sa­men Ent­wick­lun­gen mit gewal­ti­gen Aus­wir­kun­gen für die Print­bran­che mit kei­nem Wort ein.

Helmut Heinen während seiner Rede zur Eröffnung des Zeitungskongresses in Regensburg | Bild: BDZV
Hel­mut Hei­nen wäh­rend sei­ner Rede zur Eröff­nung des Zei­tungs­kon­gres­ses in Regens­burg | Bild: BDZV

Statt­des­sen gab der BDZV-Chef die Parole aus: “Unsere Zukunft ist digi­tal”. Wie Deutsch­lands Zei­tungs­ver­le­ger nach nun­mehr 20 Jah­ren mit zumeist — aus betriebs­wirt­schaft­li­cher Sicht — kaum taug­li­chen Ver­su­chen die digi­tale Welt erobern sol­len, wollte Hei­nen nicht so genau ver­ra­ten — nur soviel: “Die große Her­aus­for­de­rung für die Ver­lags­bran­che besteht darin, den wach­sen­den publi­zis­ti­schen Ein­fluss in der digi­ta­len Welt zu einem öko­no­mi­schen Erfolg zu machen.”  Aller­dings bremste der Zeitungsverleger-Präsident Erwar­tun­gen an ein bal­dig erfolg­rei­ches Gelin­gen: “Das braucht Zeit für Ent­wick­lun­gen und für Erfah­run­gen und das braucht Geld für Inves­ti­tio­nen.” Also wei­tere 20 Jahre?

Immer­hin, bis Ende die­ses Jah­res sol­len ins­ge­samt 120 deut­sche Zei­tun­gen mit Bezahl­an­ge­bo­ten im Netz sein. Wie­viel der — nach Hei­nes Anga­ben — zur­zeit “18,5 Mil­lio­nen regel­mä­ßi­gen Nut­zer (so genannte Uni­que User)” dann noch übrig blei­ben, ist unge­wiss. Den­noch schei­nen Bezahl­schran­ken noch der erfolg­ver­spre­chendste Weg für die Ver­lage zu sein, um an Erlöse für ihre publi­zis­ti­schen Onlineak­ti­vi­tä­ten zu gelan­gen. Bei der Ver­mark­tung von Onli­ne­wer­bung sind die Umsatz­er­war­tun­gen wegen der “nied­ri­gen Preise ange­sichts der unzäh­li­gen Ange­bote” eher beschei­den, wie auch BDZV-Präsident Hei­nen am Mon­tag in sei­ner Rede ein­räumte. Außer­dem wer­den die “dicken” Erlöse im Netz von den Big Play­ern erzielt: Allein Google und Face­book gene­rie­ren inzwi­schen 50 Pro­zent des gesam­ten welt­wei­ten Umsat­zes mit Onli­ne­wer­bung, bei mobi­len End­ge­rä­ten sind es gar 70 Pro­zent — Ten­denz steigend.

Auf ein funk­tio­nie­ren­des Ver­triebs­sys­tem für ein­zelne Arti­kel, so wie es Blendle nun vor­macht, konn­ten sich Deutsch­lands Ver­le­ger in der Ver­gan­gen­heit nicht ver­stän­di­gen. Die Chance auf mög­li­che Erlöse wurde schon vor Jah­ren ver­tan, weil die Ver­lage ihre Inhalte selbst ver­mark­ten woll­ten, viel­fach zu umständ­lich und/oder zu teuer und damit in den meis­ten Fäl­len erfolglos.

Seit nun­mehr 20 Jah­ren tin­geln deut­sche Ver­lags­ma­na­ger durch die digi­tale Welt: mal forsch, mal zögernd, meis­tens ver­un­si­chert. An die nun­mehr erneut von BDZV-Chef Hel­mut Hei­nen ver­kün­dete “digi­tale Zukunft” für Deutsch­lands Zei­tun­gen mag ich des­we­gen nicht so recht glauben.

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