Medien

Geld wie Dreck (mit Update)

UPDATE 11. Sep­tem­ber 2015, 12.30 Uhr | Nach meh­re­ren Medi­en­be­rich­ten sol­len nun doch bald Flücht­linge in einem ehe­ma­li­gen Kreis­wehr­er­satz­amt im noblen Ham­bur­ger Stadt­teil Har­ve­ste­hude unter­ge­bracht wer­den. Wie unter ande­rem bei Spie­gel Online nach­zu­le­sen ist, wol­len sich Ver­tre­ter der Stadt und Anwoh­ner der Sophien­ter­ras­sen in den kom­men­den Tagen auf einen Kom­pro­miss eini­gen, der die Unter­brin­gung von 190 Asyl­su­chen­den vorsieht.

7. Sep­tem­ber 2015 | Nach der unsäg­li­chen Dis­kus­sion dar­über, ob Ossis Asyl­be­wer­ber schlech­ter behan­deln als Wes­sis, geht’s jetzt um die Rol­len von Arm und Reich in der aktu­el­len Flücht­lings­krise. Tagesspiegel-Autor Harald Mar­ten­stein behaup­tet in einem dif­fu­sen Bei­trag zumin­dest “Die Rei­chen, jeden­falls die ehr­li­chen, zah­len den Groß­teil der Steu­ern.” Das ist falsch.

Transparent im Hamburger Schanzenviertel
Trans­pa­rent im Ham­bur­ger Schanzenviertel

Das Trans­pa­rent mit der Auf­schrift “Refu­gees Wel­come” haben wir am Sonn­tag im Schan­zen­vier­tel foto­gra­fiert. Ganz in der Nähe wur­den zu die­ser Zeit Klei­dungs­ge­gen­stände und Dinge des täg­li­chen Bedarfs an Flücht­linge ver­teilt. Die “Schanze” zählt zwei­fels­ohne nicht zu den pri­vi­li­gier­ten Ham­bur­ger Stadt­tei­len. Wer hier gegen Bau­lö­wen pro­tes­tiert, weil durch deren Luxus­sa­nie­run­gen das ehe­mals güns­tige Miet­ni­veau aus den Fugen gerät, muss sich schon mal mit Poli­zei­hun­dert­schaf­ten samt Gum­mi­knüp­peln und Was­ser­wer­fern aus­ein­an­der­set­zen. Im Januar 2014 wurde die Gegend von der Ham­bur­ger Innen­be­hörde tage­lang gar zum Gefah­ren­ge­biet erklärt, was mit mas­si­ven Ein­schrän­kun­gen der Bür­ger­rechte ver­bun­den war. So konnte sei­ner­zeit jeder Pas­sant ohne triff­ti­gen Grund von der Poli­zei kon­trol­liert — und sogar von der Straße ver­wie­sen wer­den. Zumin­dest wurde die­sem Spuk im Mai 2015 durch das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt Ham­burg ein Ende berei­tet. Die Rich­ter sahen die mas­sive Ein­schrän­kung der Bür­ger­rechte als unver­hält­nis­mä­ßig an.

Zwei Kilo­me­ter Luft­li­nie wei­ter Rich­tung Außen­als­ter im klei­nen und fei­nen Ham­bur­ger Stadt­teil Har­ve­ste­hude wer­den weder Flücht­linge auf Trans­pa­ren­ten will­kom­men gehei­ßen, noch müs­sen sich die über­wie­gend gut situ­ier­ten Bür­ger mit Poli­zis­ten prü­geln, um ihre Inter­es­sen durch­zu­set­zen. Das über­neh­men in der Regel teure Anwälte, die gleich in der Nach­bar­schaft resi­die­ren. Als bei­spiels­weise die Ham­bur­ger Innen­be­hörde in die­sem Früh­jahr 220 Flücht­linge in einem frü­he­ren Kreis­wehr­er­satz­amt an den Sophien­ter­ras­sen unter­brin­gen wollte, wuss­ten das die Advo­ka­ten zu ver­hin­dern. Am 1. Juni urteilte das  Ober­ver­wal­tungs­ge­richt Ham­burg, dass der Umbau des Gebäu­des gegen gel­ten­des Bau­recht ver­stoße, schließ­lich könn­ten sich “die Antrag­stel­ler, deren Grund­stü­cke in dem glei­chen Bau­block wie die geplante Unter­kunft lie­gen, auf den soge­nann­ten Gebiets­er­hal­tungs­an­spruch beru­fen”. Das hatte bereits im Januar ein Spre­cher des Ver­wal­tungs­ge­richts nach dem Urteil in ers­ter Instanz gegen­über dem Ham­bur­ger Abend­blatt erklärt.

Natür­lich hatte das alles über­haupt nichts mit Frem­den­feind­lich­keit zu tun”, wie einer der anonym gehal­te­nen Klä­ger spä­ter bei Zeit Online betonte. Na, wenn das so ist… Dann musste SPD-Chef Sieg­mar Gabriel die­sen “Vor­fall” ja auch nicht “beschä­mend für Deutsch­land” nen­nen und die han­sea­ti­schen Prot­ago­nis­ten schon gar nicht als “Pack” bezeich­nen, so wie er das spä­ter im säch­si­schen Hei­denau über die tum­ben und teil­weise gewalt­be­rei­ten Asyl­geg­ner tat. In dem fei­nen Har­ve­ste­hude bedarf es eben kei­ner Gewalt, um unlieb­same Nach­barn zu verhindern.

Viel­mehr gin­gen nach dem Ham­bur­ger Skan­dal­ur­teil die Poli­ti­ker bes­ser auf Tauch­sta­tion und die in den Medien ver­brei­tete Empö­rung legte sich auch bald wie­der. Die — soweit bekannt — wohl­ha­ben­den Klä­ger konn­ten sich also wie­der ihren Geschäf­ten wid­men und — folgt man den dif­fu­sen Aus­füh­run­gen des Tagesspiegel-Autoren Harald Mar­ten­stein in sei­nem am Sonn­tag “zur Flücht­lings­krise” ver­öf­fent­lich­ten Bei­trag unter der Über­schrift “Ohne Rei­che gäbe es kei­nen Sozi­al­staat” — die Haupt­last der Kos­ten für die Auf­nahme der Flücht­linge schul­tern: “Die Rei­chen, jeden­falls die ehr­li­chen, zah­len den Groß­teil der Steuern.”

Das hätte der mehr­fach aus­ge­zeich­nete Jour­na­list nun wirk­lich bes­ser wis­sen kön­nen — ein Blick in den öffent­lich zugäng­li­chen Monats­be­richt des Bun­des­fi­nanz­mi­nis­te­ri­ums an sich hätte schon gereicht. Dass die obe­ren Ein­kom­mens­schich­ten den Groß­teil der Steu­er­last tra­gen, gehört nach Erkennt­nis­sen einer Initia­tive um den SPD-Bundestagsabgeordneten Cars­ten Sieg­ling zu den Steu­er­my­then, die zwar häu­fig in den Medien ver­brei­tet wer­den — den­noch falsch sind.

Der frü­here CDU-Generalsekretär und Bun­des­mi­nis­ter Hei­ner Geiß­ler sieht im Gegen­satz zu Tagesspiegel-Autor Mar­ten­stein eine unglei­che Ver­tei­lung der Las­ten für die finan­zi­elle Bewäl­ti­gung der aktu­el­len Flücht­lings­krise. Bei der Ver­lei­hung des Deut­schen Radio­prei­ses, wo der Unions-Politiker am Don­ners­tag die Aus­zeich­nung für die beste Repor­tage über­ge­ben hatte — übri­gens zum Thema “Schlep­per­ban­den”, sprach der Quer­den­ker in sei­ner Lau­da­tio Klar­text zur unglei­chen Steuerbelastung:

Es wird immer gesagt, es sei kein Geld vor­han­den. Wir müs­sen von jeder Kaf­fee­ma­schine und von jeder Win­del Umsatz­steuer bezah­len. Aber an den Bör­sen die­ser Welt wer­den jeden Tag zwei Bil­lio­nen Dol­lar umge­setzt. Und die­je­ni­gen, die dort tätig sind — ich will sie nicht wei­ter benen­nen — müs­sen sich mit kei­nem Cent zum Bei­spiel an der Finan­zie­rung der Mil­lie­ni­ums­auf­ga­ben der UNO betei­li­gen: Brun­nen boh­ren in Afrika, die Armut hal­bie­ren, dass alle Kin­der in die Schule gehen kön­nen. Wenn wir auch die­je­ni­gen, die an den Bör­sen Geschäfte machen, mit einer Umsatz­steuer bele­gen wür­den, dann hät­ten wir auf der gan­zen Welt 300 Mil­li­ar­den mehr, in Europa 100 Mil­li­ar­den Euro. Die Behaup­tung, es gibt kein Geld um die­ses Elend zu besei­ti­gen, ist eine Lüge. Wir haben auf der Erde Geld wie Dreck. Es haben nur die fal­schen Leute.

Wer mag Hei­ner Geiß­ler da noch wider­spre­chen? Zumin­dest nicht die Exper­ten des Deut­schen Insti­tuts für Wirt­schafts­for­schung (DIW). Nach Erkennt­nis­sen der Wirt­schafts­for­scher aus einer neuen Stu­die über die am 3. Sep­tem­ber Spie­gel Online berich­tete, ist in kei­nem Land Euro­pas der Reich­tum so ungleich ver­teilt wie in Deutsch­land: Ein Pro­zent der Haus­halte besitzt etwa ein Drit­tel des Ver­mö­gens — die ärmere Hälfte dage­gen nur 2,5 Pro­zent. Den­noch ist wohl nicht damit zu rech­nen, dass in Grün­wald bei Mün­chen, König­stein im Tau­nus oder Rottach-Egern am Tegern­see dem­nächst Flücht­lings­un­ter­künfte ein­ge­rich­tet wer­den. Warum eigent­lich nicht?

Offen­le­gung: Ich wohne seit zwei Jah­ren mit mei­ner Fami­lie im Ham­bur­ger Stadt­teil Har­ve­ste­hude. Wegen einer län­ge­ren Krank­heit habe ich mich in der ent­schei­den­den Phase, als es in öffent­li­chen Dis­kus­sio­nen um die Ein­rich­tung der Flücht­lings­un­ter­kunft an den Sophien­ter­as­sen ging, nicht aktiv betei­ligt. Das bedauere ich.

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