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Das Hurrikan Radio

28. August 2015. | In die­sen Tagen ist New Orleans Thema in nahezu allen Infor­ma­ti­ons­me­dien: Zehn Jahre nach­dem Hur­ri­kan Kat­rina am 29. August 2005 die Metro­pole im Mississippi-Delta erreicht und weit­ge­hend zer­stört hat, sind wie­der die schlim­men Bil­der von den Men­schen zu sehen, die auf Dächern kau­ernd auf Hilfe hof­fen — ver­geb­lich, häu­fig nicht nur für Stun­den, son­dern für ganze Tage.

Das große Football-Stadion “Super­dome” im Zen­trum der Stadt wird wie­der gezeigt, das damals Zufluchts­ort für Zehn­tau­sende wurde, die ihre Häu­ser und Woh­nun­gen ver­las­sen muss­ten, die ihr Hab und Gut ver­lo­ren hat­ten und sich nicht sel­ten um ver­misste Ange­hö­rige oder Freunde sorg­ten. Nach heu­ti­gem Kennt­nis­stand star­ben damals ins­ge­samt 1.800 Men­schen im Kata­stro­phen­ge­biet am Golf von Mexiko.

Die bri­ti­sche BBC hat die Tage bevor, wäh­rend und nach­dem Hur­ri­kan Kat­rina New Orleans ver­wüs­tete, in einer bei­spiel­haft gut gemach­ten Mul­ti­me­dia Story gleich­falls sach­lich detail­liert und emo­tio­nal auf­ge­ar­bei­tet. Als Prot­ago­nis­ten die­nen dabei die Radio­ma­cher der Sta­tion WWL, die vor­über­ge­hend aus einem in einen Wand­schrank ein­ge­bau­ten Not­stu­dio im zer­stör­ten New Orleans den Kon­takt zu den viel­fach von Was­ser­mas­sen ein­ge­schlos­se­nen Men­schen über Mit­tel­welle auf­recht hiel­ten; einige Tage spä­ter dann aus dem 130 Kilo­me­ter ent­fern­ten Baton Rouge auch über UKW und Kurz­welle sen­de­ten. Immer wie­der sind in den Ton­do­ku­men­ten ver­zwei­felte Men­schen zu hören, die auf Hilfe war­te­ten, sich vor Plün­de­rern fürch­te­ten und über untä­tige Poli­ti­ker fluchten.

Drei Tage nach Beginn der Kata­stro­phe sprach Nachrichten-Moderator Gar­land Robi­nette live mit Ray Nagin, dem dama­li­gen Bür­ger­meis­ter von New Orleans. In dem 15 Minu­ten lan­gen Telefon-Interview, das längst in die ame­ri­ka­ni­sche Radio­ge­schichte ein­ge­gan­gen ist, for­derte Nagin gleich­falls wütend und ver­zwei­felt den dama­li­gen US-Präsidenten George Bush und die Gou­ver­neu­rin des Bun­des­staa­tes Loui­siana, Kath­leen Blanco, auf, für Hilfe zu sor­gen: “Die sol­len end­lich ihre Hin­tern hoch­krie­gen und han­deln. Wir haben hier ver­dammt noch­mal die größte Kata­stro­phe in der Geschichte unse­res Lan­des”. Und er sagte im Inter­view mit WWL den ver­zwei­fel­ten Satz: “The City of New Orleans will never be the same”.

Polizisten pa­t­rouil­lie­ren auf Pferden durch das French Quarter
Poli­zis­ten pa­t­rouil­lie­ren auf Pfer­den durch das French Quarter

Zehn Jahre nach Kat­rina hat sich in New Orleans viel getan. Aus der zwi­schen­zeit­lich weit­ge­hend als No-go-Area gel­ten­den Stadt ist wie­der die tou­ris­ti­sche Metro­pole im Süden der Ver­ei­nig­ten Staa­ten gewor­den. Das Ver­gnü­gungs­vier­tel French Quar­ter mit der legen­dä­ren Bour­bon Street ist fast rund um die Uhr vol­ler Men­schen, die ein­fach nur Spaß haben wol­len. Auf dem Mis­sis­sippi fährt der Rad­damp­fer “Nat­chez” ent­lang des River­walks, wo ein gewal­ti­ges Shop­ping Cen­ter das moderne Stadt­bild mehr ver­un­stal­tet als ziert. Die immer noch beste­hen­den Fol­gen der Natur­ka­ta­stro­phe sind nur in den Außen­be­zir­ken, weit ab der tou­ris­ti­schen Anzie­hungs­punkte zu sehen. Und die Radio­sta­tion WWL sen­det immer noch News und Talk für New Orleans. Auf der Hom­page des Sen­ders erin­nert nur ein klei­nes Ban­ner an den Hur­ri­kan und die gro­ßen Leis­tun­gen der Radio­ma­cher vor zehn Jahren.

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