Medien

Anmerkungen zum Absturz des Journalismus…

27. März 2015 | …nach der Flug­zeug­ka­ta­stro­phe am Diens­tag und der media­len Hin­rich­tung des Germanwings-Copiloten, der für den Tod von 149 Men­schen ver­ant­wort­lich sein soll.

Es ist schon fast ein maka­be­rer Zufall, dass am kom­men­den Mon­tag das Thema “Steckt der deut­sche Jour­na­lis­mus in der Krise?” auf dem Plan des Semi­nars im Modul “Con­tent 1″ steht. Wenn ich mir die häu­fig wür­de­lose Katastrophen-Berichterstattung vie­ler (nicht aller) deut­scher Medien nach dem furcht­ba­ren Absturz einer Germanwings-Maschine über den fran­zö­si­schen Alpen vor Augen halte, kann die Ant­wort nur “Ja!” lauten.

Um die allein mir bekannt gewor­de­nen jour­na­lis­ti­schen Ver­feh­lun­gen seit der schlim­men Tra­gö­die am Diens­tag auf­zu­zei­gen, bräuchte ich viele Stun­den, die ich nicht habe, weil ich noch meine Lehr­ver­an­stal­tun­gen für die kom­mende Woche vor­be­rei­ten muss. Kom­pe­tente Kol­le­gen habe sich aber dar­über Gedan­ken gemacht und so wie Mats Schö­nauer bereits am Mitt­woch im BILD­blog den “Absturz des Jour­na­lis­mus” doku­men­tiert. Einen Tag spä­ter beklagte Schö­nauer zu Recht, dass “Bild auf einer gan­zen Seite die ers­ten (natür­lich: unver­pi­xel­ten) Opfer­fo­tos des Germanwings-Unglücks ver­öf­fent­licht“.

Aber es waren längst nicht nur die übli­chen Ver­däch­ti­gen für schmud­de­li­gen Sen­sa­ti­ons­jour­na­lis­mus, die in ihrer Bericht­er­stat­tung über die Flugzeug-Katastrophe zu absur­den Metho­den grif­fen – so wie bei­spiels­weise das ARD-Morgenmagazin am Don­ners­tag. Nach­dem in der Nacht über die New York Times und die fran­zö­si­sche Nach­rich­ten­agen­tur AFP ruch­bar gewor­den war, dass sich zum Zeit­punkt des Abstur­zes nur einer der bei­den Pilo­ten im Cock­pit auf­ge­hal­ten habe, bemühte Mode­ra­tor Sven Lorig  allen erns­tes die Zuschrift einer – angeb­li­chen – Ste­war­dess für wei­tere Auf­klä­rung. Die nicht genannte Frau hatte der Redak­tion per E-Mail mit­ge­teilt, dass sich die mög­li­cher­weise ver­rie­gelte Cock­pit­tür durch die Ein­gabe eines Zahl­codes hätte öff­nen las­sen. Warum die Redak­teure diese Infor­ma­tion vor Ver­öf­fent­li­chung nicht veri­fi­zier­ten, ist kaum nach­voll­zieh­bar, zumal sogar Lehr­vi­deos von Air­bus für sol­che Situa­tio­nen im Inter­net ver­füg­bar sind.

Den eigent­li­chen Absturz in der Bericht­er­stat­tung erle­ben wir jedoch seit Don­ners­tag­mit­tag, nach­dem der lei­tende fran­zö­si­che Staats­an­walt Robin auf einer Pres­se­kon­fe­renz in Mar­seille  bekannt­ge­ge­ben hatte, dass ver­mut­lich der 27jährige Co-Pilot den Absturz der Germanwings-Maschine mut­wil­lig her­bei­ge­führt – und damit 149 Pas­sa­giere und Kol­le­gen mit in den Tod geris­sen habe. Bild & Co. hiel­ten sich erst gar nicht mit journalistisch-ethischem Geplän­kel auf, son­dern fäll­ten schnell ihre Urteile und voll­zo­gen auch gleich die mediale Hin­rich­tung: “Der Amok-Pilot” nimmt heute (am Frei­tag) die kom­plette Titel­seite der Bild-Zeitung ein. Da woll­ten die loka­len Kon­kur­ren­ten der Ham­bur­ger Mor­gen­post nicht nach­ste­hen und mach­ten Andreas L. gleich zum “Kil­ler im Cock­pit”. Selbst die Süd­deut­sche Zei­tung ist sich sicher: “Copi­lot ließ das Flug­zeug abstür­zen”. Wäh­rend sich das Han­dels­blatt drei Tage nach dem Unglück stan­des­ge­mäß den wirt­schaft­li­chen Aspek­ten der “Lufthansa-Tragödie” wid­met, ist zumin­dest die Frank­fur­ter All­ge­meine Zei­tung im Hin­blick auf die Schuld­zu­swei­sung für den Absturz noch etwas zurück­hal­tend: “Kopi­lot soll Absturz her­bei­ge­führt haben”.

Ein Reihe von ethi­schen Ver­hal­tens­re­geln, die ich als Redak­teur – selbst auch nicht immer – ein­ge­hal­ten habe und die ich jetzt ver­su­che, mei­nen Stu­den­ten als jour­na­lis­ti­sche Qua­li­täts­merk­male zu ver­mit­teln, wer­den durch diese Bericht­er­stat­tung ein­mal mehr ad absur­dum geführt. Ich werde wohl trotz­dem weitermachen.

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