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Sie sind Moslems“

21. April 2013 | Die Suche nach den Moti­ven der Bos­to­ner Atten­tä­ter führte bei ZEIT ONLINE zu einer schlim­men jour­na­lis­ti­schen Entgleisung.

Was war bloß los am ver­gan­ge­nen Sams­tag­abend in der Redak­tion von ZEIT ONLINE?  Um 19.57 Uhr erschien in dem Web­por­tal ein Bei­trag mit der Haupt­zeile „Rät­seln über die Motive der Boston-Attentäter“. Am Abend nach der Fest­nahme des 19jährigen Dschochar Zar­na­jew befasste sich Autor Rag­nar Vogt mit den mög­li­chen Hin­ter­grün­den der furcht­ba­ren Anschläge wäh­rend des Bos­ton Marathons.

Die jour­na­lis­ti­sche Leis­tung – wenn davon über­haupt die Rede sein kann – besteht in einer Zusam­men­stel­lung von Erkennt­nis­sen, die CNN, CBS, Wall Street Jour­nal und andere US-Medien zuvor ver­brei­tet hat­ten. Ver­bun­den wer­den diese Recher­che­er­geb­nisse ande­rer durch eigene Text­über­gänge des Auto­ren, die auch schon mal maka­ber wir­ken. Über den älte­ren der Zarnajew-Brüder schreibt Vogt bei­spiels­weise: „Von Tamer­lan selbst kann man nichts mehr erfah­ren, er ist auf der Flucht gestorben.“

Es sind nicht solch’ dümm­li­che For­mu­lie­run­gen, die mich stö­ren. Es ist der Ein­stieg in den Arti­kel, der mich zunächst rat­los und dann regel­recht wütend machte:

Sie sind Mos­lems, die bei­den Atten­tä­ter von Bos­ton. Es wäre aller­dings vor­schnell, darin ein Motiv für den Anschlag auf den Boston-Marathon zu ver­mu­ten, bei dem drei Men­schen star­ben und mehr als 180 ver­letzt wurden.

Da kön­nen Mos­lems auf der gan­zen Welt wohl beru­higt sein, dass sie nicht allein wegen ihrer Reli­gi­ons­zu­ge­hö­rig­keit pau­schal unter Ter­ror­ver­dacht ste­hen, zumin­dest nicht bei ZEIT ONLINE-Redakteuren. Schließ­lich wird ja auch nicht jeder Christ pau­schal der Kin­der­schän­dung ver­däch­tigt – könnte man da zynisch anmerken.

Nein, es ist ein­fach unglaub­lich, dass sol­che gleich­falls her­ab­las­sen­den wie dis­kri­mi­nie­ren­den Aus­füh­run­gen ein­fach so im Web­por­tal eines Medi­ums ver­öf­fent­licht wer­den, das unver­dros­sen mit dem eige­nen hohen jour­na­lis­ti­schen Qua­li­täts­an­spruch für sich wirbt. Auch mehr als 24 Stun­den nach der Ver­öf­fent­li­chung, am Sonn­tag­abend als ich die­sen Blog­ein­trag ins Netz stellte, gab es noch keine Kor­rek­tur oder gar eine Ent­schul­di­gung für diese schlimme Entgleisung.

Dar­aus lässt sich nur schluss­fol­gern, dass bei ZEIT ONLINE keine jour­na­lis­ti­sche Qua­li­täts­kon­trolle statt­fin­det, zumin­dest nicht an Wochen­en­den. Das sollte sich spä­tes­tens zu Beginn der neuen Woche ändern. Sonst könnte sich diese Fehl­leis­tung noch zu einem jour­na­lis­ti­schen Skan­dal ausweiten.

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