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Euro hin – iPhone her

12. Sep­tem­ber 2012 | Deut­sche Online­me­dien wur­den am Mitt­woch­abend mal wie­der vom Apple-Fieber erfasst. Erhöhte Tem­pe­ra­tu­ren füh­ren aller­dings dazu, dass jour­na­lis­ti­sche Grund­prin­zi­pien hin­tenan ste­hen müssen.

Mitt­woch­abend gegen 21.00 Uhr: Auf­ma­cher des Online­por­tals der „New York Times“ sind die Anschläge auf US-Vertretungen in Ägyp­ten und Libyen, bei denen unter ande­rem der ame­ri­ka­ni­sche Bot­schaf­ter in Ben­gasi getö­tet wurde. An zwei­ter Stelle folgt das Urteil des deut­schen Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts zum Euro-Rettungsschirm: „Ger­man Court Backs Res­cue Fund, With Con­di­ti­ons“. Man muss auf der Start­seite noch ein gan­zes Stück wei­ter nach unten scrol­len, bevor der Tea­ser für die Bericht­er­stat­tung über die Vor­stel­lung des „iPho­nes 5“ am sel­ben Tag in San Fran­cisco in eher beschei­de­nem Umfang folgt. Auch auf den Ein­gangs­sei­ten ande­rer gro­ßer ame­ri­ka­ni­scher Nach­rich­ten­por­tale wie „CNN“, „ABC News“ oder „Huf­fing­ton Post“ spielt das neue Smart­phone eine unter­ge­ord­nete Rolle.

Zur glei­chen Zeit legen sich die deut­schen Kol­le­gen für Apple und sein neues „iPhone“ schon mehr ins Zeug: „Apple macht’s dün­ner, leich­ter und grö­ßer“ jubelt „Spie­gel Online“ in sei­nem Auf­ma­cher, der das „Euro-Urteil“ des Ver­fas­sungs­ge­richts als Top-Nachricht ver­drängt hat. Autor Mat­thias Kremp, der „aus Lon­don berich­tet“, wohin „Apple“ an die­sem Abend euro­päi­sche Pres­se­ver­tre­ter gebe­ten hat, kommt zu dem Schluss:

Mit sei­nem neuen, grö­ße­ren Bild­schirm, dem schnel­le­ren Pro­zes­sor, den ver­bes­ser­ten Kame­ras und vor allem dem LTE-Datenfunk, erfüllt das Smart­phone fast alle Anfor­de­run­gen an ein moder­nes Highend-Handy.“

Woher der „Spiegel“-Mann diese im Indi­ka­tiv ver­brei­te­ten Erkennt­nisse hat, bleibt in dem Bericht unklar. Viel­leicht „aus ers­ter PR-Hand“ von der „Apple“-Homepage. Dort heißt es inhalt­lich weit­ge­hend deckungsgleich:

Kaum zu glau­ben, dass ein iPhone mit so viel mehr – einem grö­ße­ren Dis­play, einem schnel­le­ren Chip, ultra­schnel­ler draht­lo­ser Tech­no­lo­gie, einer 8-Megapixel iSight Kamera – so dünn und so leicht sein kann.“

Die undif­fe­ren­zierte Wie­der­gabe von „App­les“ PR-Botschaften war aller­dings ein­mal mehr kein Pri­vi­leg von „Spie­gel Online“. Auch Kol­lege Ralf San­der von “stern.de” wusste am Mitt­woch­abend bereits, dass das neue iPhone „grö­ßer, dün­ner und schnel­ler“ ist. Grö­ßer, dün­ner und schnel­ler als was, hat er in sei­nem „Live­ti­cker“ unter dem Titel “Die erwar­tete Evo­lu­tion” aller­dings nicht ver­ra­ten. Auch nicht, an wem oder was er sich „fest­hal­ten“ musste, als wäh­rend der „App­les iPhone-5-Show“ der iPod Touch „in fünf ver­schie­de­nen Far­ben“ prä­sen­tiert wurde. Mög­li­cher­weise hatte der Experte fünf glei­che Far­ben erwartet.

Aus der all­ge­mei­nen Jubel-Berichterstattung deut­scher Online­me­dien über „App­les iPhone 5“ stach am Mitt­woch­abend eine Bemer­kung bei „faz.net“, dem Inter­net­por­tal der „Frank­fur­ter All­ge­mei­nen Zei­tung“,  schon fast als kri­tisch dis­tan­zier­ter Jour­na­lis­mus her­vor: „Bahn­bre­chende Inno­va­tio­nen sehen anders aus.“ Die sind erfah­rungs­ge­mäß auch gar nicht erfor­der­lich, um neue „Apple“-Produkte zu Auf­ma­chern zu beför­dern. Zumin­dest nicht in deut­schen Onlinemedien.

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