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Erst Waldi dann WikiLeaks

10. Februar 2011 | In den öffentlich-rechtlichen Haupt­pro­gram­men wer­den anspruchs­volle Doku­men­ta­tio­nen fast nur noch für nacht­ak­tive Zuschauer aus­ge­strahlt. Die Haupt­sen­de­zei­ten blei­ben dem Berg­dok­tor, Kai Pflaume und Co. vor­be­hal­ten.

Es gibt sie tat­säch­lich noch, anspruchs­volle Doku­men­ta­tio­nen in den Haupt­pro­gram­men von ARD und ZDF. Chris­tian Sie­vers, Ex-Moderator des ZDF-Morgenmagazins und seit 2009 Chef des Aus­land­stu­dios der Main­zel­män­ner in Tel Aviv, hatte sich auf die Reise ent­lang “1000 km Zaun — ein­mal rund um Israel” gemacht. Her­aus kam schließ­lich eine Doku­men­ta­tion, die sich wohl­tu­end von vie­len Rei­se­film­chen öffentlich-rechtlicher Aus­lands­kor­re­spon­den­ten abhebt. Ob sich der lange Trip vor­bei an Sta­chel­draht­zäu­nen, Mau­ern und unzäh­li­gen Kon­troll­pos­ten wirk­lich gelohnt hat, erscheint frag­lich. Schließ­lich wurde Sie­vers’ beein­dru­cken­der Film vom ZDF in der Nacht zum Don­ners­tag ab 0.45 Uhr aus­ge­strahlt, dem­nach unter geplan­tem Aus­schluss des ganz über­wie­gen­den Teils der Zuschauerschaft.

Im Haupt­abend­pro­gramm ab 20.15 Uhr zeig­ten die Main­zel­män­ner am Mitt­woch lie­ber die Wie­der­ho­lung der Lie­bes­ko­mö­die “Ein Date fürs Leben”, deren auf­ge­wärmte Story nach Ansicht der “TV Spielfilm”-Redaktion bereits “in unge­fähr zwei­hun­dert ande­ren Lie­bes­ko­mö­dien” zuvor zu sehen war. Der Ein­satz der abge­ta­kel­ten Komö­die war wohl auch der Fußball-Live-Übertragung im “Ers­ten” geschul­det. Schließ­lich war­tete die Fuß­ball­na­tion auf den ers­ten Sieg ihrer Natio­nal­mann­schaft gegen Ita­lien nach mehr als 15 Jah­ren — am Ende doch ver­geb­lich. Klar, dass es nach dem ent­täu­schen­den Unent­schie­den gegen die “Squa­dra Azzurra” für “Waldi” Hart­mann und seine Gäste im “EM-Club” jede Menge völ­lig über­flüs­si­gen Gesprächs­be­darf gab.

Erst Waldi dann Wiki­Leaks. Die Doku­men­ta­tion “Welt­macht Wiki­Leaks” von Ralf Hoo­ge­straat über die Ent­hül­lungs­platt­form und ihren gleich­falls umtrie­bi­gen wie umstrit­te­nen Spre­cher Julian Ass­ange kam schließ­lich ab 23.45 Uhr im “Ers­ten” zum Ein­satz. Hart­ge­sot­tene Inter­net­freaks mögen sich den 45 Minu­ten lan­gen Hin­ter­grund über den Mann, der wochen­lang für Schlag­zei­len sorgte und des­sen poli­tisch moti­vierte Aus­lie­fe­rung nach Schwe­den mög­li­cher­weise dem­nächst bevor­steht, noch ange­se­hen haben. Die “breite Zuschau­er­masse”, die  längst über­fäl­lig end­lich mit fun­dier­tem Hin­ter­grund zu Wiki­Leaks hätte ver­sorgt wer­den kön­nen, lag zu die­sem Zeit­punkt längst im Bett.

Dass sich sol­che Pro­gramm­pla­nun­gen mit dem immer wie­der zur Schau gestell­ten qua­li­ta­ti­ven Anspruch öffentlich-rechtlicher TV-Manager ver­ein­ba­ren las­sen, ist nicht nach­voll­zieh­bar. Erst zu Beginn die­ser Woche hatte ARD-Programmdirektor Vol­ker Her­res nach einer Tagung der ARD-Intendanten voll­mun­dig ver­kün­det: “Die Ein­schalt­quote ist nicht alles. Zwar wol­len wir in allen Publi­kums­schich­ten erfolg­reich sein, aber wir ste­hen auch für inhalt­li­che Ansprü­che.” Zum Bei­spiel am heu­ti­gen Don­ners­tag­abend. Da schickt Her­res um 20.15 Uhr im “Ers­ten” Ex-Sat.1-Moderator Kai Pflaume mit dem “Star-Quiz” gegen den “Berg­dok­tor” im ZDF ins Rennen.

Bes­se­rung ist nicht in Sicht. In den Kar­ne­vals– und Faschings­hoch­bur­gen schun­keln sich die Nar­ren und Jäcken schon mal warm für die end­lo­sen Über­tra­gun­gen in den kom­men­den Wochen. Schließ­lich hat Her­res ein Defi­zit im Unter­hal­tungs­sek­tor aus­ge­macht: “Im Ers­ten gibt es wenig zu lachen.”

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