Medien

Eine öffentlich-rechtliche Bauernfängerei

15. Januar 2011 | Unglaub­lich: Der NDR sucht 500 frei­wil­lige Hel­fer für das Finale des Euro­vi­sion Song Con­tests. Zum Null­ta­rif. Statt ange­mes­se­ner Bezah­lung besteht die öffentlich-rechtliche Grund­ver­sor­gung aus kos­ten­lo­ser Ver­pfle­gung und dem “ein­zig­ar­ti­gen Flair der größ­ten Musik­show der Welt.”

Keine Ahnung, wie hoch die Gage für Ste­fan Raab, Anke Engelke und Judith Rakers ist, die am 14. Mai in der Arena Düs­sel­dorf die Final­show beim dies­jäh­ri­gen Euro­vi­sion Song Con­test prä­sen­tie­ren wer­den. Bekannt ist auch nicht, was die Lon­do­ner Agen­tur “Tur­quoise” für den Claim “Feel your heart beat!” ein­schließ­lich “ani­mier­tes Herz aus far­bi­gen Licht­strah­len” (Horizont.net) erhal­ten wird. Auch, was viele andere durch — und mit dem euro­päi­schen Tralala-Wettbewerb zu Recht ver­die­nen oder ein­fach nur abzo­cken, ist im Detail nicht bekannt. Nach­fra­gen sind sinn­los — über sol­che Dinge ver­wei­gern die Pres­se­stel­len der ARD-Anstalten grund­sätz­lich alle Auskünfte.

Sicher ist aller­dings, dass die Orga­ni­sa­to­ren des “Mega-Ereignisses ESC” in ernst­hafte Schwie­rig­kei­ten kom­men, wenn sie nicht aus­rei­chend frei­wil­lige Hel­fer fin­den. Nach der Stadt Düs­sel­dorf sucht jetzt auch der — inner­halb der ARD für den Song Con­test — feder­füh­rende Nord­deut­sche Rund­funk — “500 Volun­teers, die das Team bei sei­ner Arbeit unter­stüt­zen.” Wer zwi­schen dem 9. und 15. Mai nichts Bes­se­res vor­hat, min­des­tens 18 Jahre alt ist und nach Mög­lich­keit neben deutsch auch noch eine Fremd­spra­che beherrscht, könnte in Düs­sel­dorf “in einem der elf unter­schied­li­chen Berei­che (von Akkre­di­tie­rung über IT Sup­port und Social Pro­gramme bis zum Volun­teer Manage­ment)” mit­wir­ken, heißt es in einer am Frei­tag vom NDR ver­brei­te­ten Pres­se­mit­tei­lung. Nur Sin­gen für Deutsch­land dür­fen die flei­ßi­gen Hel­fer nicht, das über­nimmt bekannt­lich Vor­jah­res­sie­ge­rin Lena Meyer-Landrut.

Wer sich für den NDR ins Zeug legen will, kann seit Frei­tag auf der offi­zi­el­len ARD-Homepage zum Euro­vi­sion Song Con­test per For­mu­lar sein Inter­esse dafür bekun­den. Dass die Mit­ar­beit zum Null­ta­rif erfolgt, erfah­ren poten­ti­elle Hel­fer aller­dings nur, wenn sie sich zurFAQ-Seite durch­kli­cken. Dort ist ver­merkt: “Für den Ein­satz als Volun­teer gibt es keine Bezah­lung.” Die öffentlich-rechtliche Grund­ver­sor­gung besteht ledig­lich aus “Ver­pfle­gung an den Ein­satz­ta­gen, freie Fahrt mit dem öffent­li­chen Nah­ver­kehr wäh­rend des Ver­an­stal­tungs­zeit­raums, Team­be­klei­dung” sowie der “Teil­nahme am Volunteer-Rahmenprogramm” — was sich dahin­ter ver­birgt, wird indes nicht ver­ra­ten. Sogar die Über­nach­tun­gen in Düs­sel­dorf müs­sen aus­wär­tige Hel­fer selbst finan­zie­ren; die könne “lei­der nicht gestellt wer­den”, heißt es dazu lapi­dar in der NDR-Pressemitteilung.

Statt ange­mes­se­ner Bezah­lung ver­spricht Pro­jekt­lei­ter Ralf Qui­bel­dey den Hel­fern “das ein­zig­ar­tige Flair der größ­ten Musik­show der Welt.” Zumin­dest will muss der NDR die Frei­wil­li­gen unfall– und haftpflichtversichern.

Es ist wohl zu erwar­ten, dass sich trotz die­ser absur­den Bedin­gun­gen mehr als genü­gend gut­mü­tige Hel­fer mel­den wer­den. Gut­mü­tig — und das meine ich vol­ler Respekt — sind die­je­ni­gen, die sich immer wie­der für das Gemein­wohl enga­gie­ren und in ihrer Frei­zeit ehren­amt­lich Auf­ga­ben über­neh­men, ohne die unser Gesell­schafts­sys­tem kaum funk­tio­nie­ren würde. Inso­fern gleicht es nahezu einer Bau­ern­fän­ge­rei, wenn das gebüh­ren­fi­nan­zierte Fern­se­hen auf kos­ten­lose Unter­stüt­zung die­ses kom­mer­zi­el­len Spek­ta­kels setzt und den “Volun­teers” auch noch Kos­ten für Anreise und Unter­kunft zumu­tet. Pri­vat­un­ter­neh­men wür­den ange­sichts die­ser Hand­ha­bung durch­aus Gefahr lau­fen, von kri­ti­schen ARD-Journalisten als Aus­beu­ter öffent­lich an den Pran­ger gestellt zu werden.

Tat­säch­lich ist das Anwer­ben von Hilfs­kräf­ten zum Null­ta­rif für diese ansons­ten durch und durch kom­mer­zi­elle Ver­an­stal­tung nichts ande­res als eine öffentlich-rechtlich geför­derte Maß­nahme zur Arbeits­platz­ver­nich­tung. Durch den Ein­satz der frei­wil­li­gen Hel­fer wer­den Ver­an­stal­tungs­agen­tu­ren, Hand­wer­ker, IT-Spezialisten, Fah­rer und andere um Auf­träge gebracht.

Das öffent­li­che Gemein­wohl und die För­de­rung der eige­nen Bran­che scheint in eini­gen Chef­eta­gen der gebüh­ren­fi­nan­zier­ten Rund­funk­an­stal­ten ohne­hin keine große Rolle spie­len. Dafür ein Bei­spiel: Wäh­rend der Tutzin­ger Medi­en­tage im Dezem­ber 2009 erklärte ARD-Programmdirektor Vol­ker Her­res den häu­fi­ger genutz­ten Schau­platz Süd­afrika für eigene Fern­seh­filme damit, dass dort die Pro­duk­ti­ons­kos­ten wesent­lich nied­ri­ger seien als in Deutsch­land. Nicht nur die Kos­ten für Hilfs­kräfte seien am Cap güns­ti­ger, son­dern bei­spiels­weise auch die Hono­rare für Kamera– und Ton­leute. Dass durch sol­che ver­meint­li­chen Ein­spa­run­gen Arbeits­plätze in Deutsch­land ver­lo­ren gehen, erwähnte Her­res aller­dings nicht.

Zumin­dest einige deut­sche Kamera– und Ton­leute dürf­ten sich über das Finale des Euro­vi­sion Song Con­tests in Düs­sel­dorf freuen. Soweit bekannt, sol­len sie nicht von frei­wil­li­gen Hel­fern ersetzt wer­den. Noch nicht.

Top