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Falsche Gänsehaut

27. Juli 2010 | In der panisch getrie­be­nen Bericht­er­stat­tung über die Kata­stro­phe von Duis­burg hat Voy­eu­ris­mus einen beson­ders hohen Stel­len­wert. Ehr­furcht vor den Opfern spielt dage­gen kaum eine Rolle. Einige Anmer­kun­gen zu media­len Fol­gen der “Todesparade”.

Wenn die­ser TV-Beitrag 2010 kei­nen Fern­seh­preis erhält, dann kann es bei den Jury-Entscheiden nicht mit rech­ten Din­gen zuge­hen.” Georg Altrogge fand nur Super­la­tive, als er am Mon­tag “Das Loveparade-Lehrstück von Spie­gel TV” bei “meedia.de” lob­preiste. Das bei “RTL” aus­ge­strahlte Fern­seh­ma­ga­zin habe am Sonn­tag­abend nicht nur Topquo­ten erzielt, son­dern “den ein­dring­lichs­ten und dich­tes­ten Report zur Mas­sen­pa­nik bei der Love­pa­rade” abge­lie­fert. Mal abge­se­hen davon, dass der Chef­re­dak­teur des Inter­net­diens­tes zu die­sem Zeit­punkt wohl kaum alle nen­nens­wer­ten Repor­ta­gen über die Kata­stro­phe von Duis­burg gekannt haben durfte, sind seine Schwär­me­reien für mich so nicht nachvollziehbar.

Gerade weil “Spie­gel TV” wegen einer ohne­hin geplan­ten Repor­tage über die Love­pa­rade? “ein Groß­auf­ge­bot an Teams nach Duis­burg ent­sandt” hatte, war das Ergeb­nis, das am Sonn­tag­abend in Form eines 36 Minu­ten lan­gen Spe­zi­als aus­ge­strahlt wurde, eher ernüch­ternd. Die Redak­teure von “Spie­gel TV” haben das gemacht, was sie — nach mei­nen Erfah­run­gen — inzwi­schen seit mehr als zwei Jahr­zehn­ten immer wie­der tun: Sie sind mit der vor­ge­fer­tig­ten Mei­nung nach Duis­burg gereist, dass Orga­ni­sa­to­ren, Ver­an­stal­ter, Ver­wal­tung und Poli­zei die Sache sowieso nicht im Griff haben und dazu brauch­ten sie vor Ort ledig­lich noch die Ori­gi­nal­töne von geeig­ne­ten Stichwortgebern.

Ich erin­nere mich an ähn­li­che Aus­gangs­si­tua­tio­nen — zum Bei­spiel beim so genann­ten “Fel­sen­sturz von Kröv” im Mai 1992. Damals wurde gegen­über von dem Win­zer– und Feri­en­ort an der Mosel ein Fel­sen durch Spren­gung kon­trol­liert zum Absturz gebracht. Genau wie ich — damals als Chef­re­por­ter für meh­rere pri­vate Radio­sen­der — war ein Team von “Spie­gel TV” sei­ner­zeit für meh­rere Tage vor Ort. Die Kol­le­gen hat­ten aller­dings über­haupt nicht die Absicht, objek­tiv über die Ereig­nisse zu berich­ten. Sie waren mit dem fes­ten Vor­satz an die Mosel gekom­men , das Ver­sa­gen von Behör­den, Poli­zei, Feu­er­wehr und Spreng­meis­ter zu doku­men­tie­ren — wie mir übri­gens der feder­füh­rende Redak­teur vor Ort bestätigte.

Die von Bou­le­vard­blät­tern sei­ner­zeit schon fast her­bei geschrie­bene Kata­stro­phe blieb zum Glück aus; auch des­we­gen, weil alle Betei­lig­ten, allen voran der Spreng­meis­ter aus der Schweiz, her­vor­ra­gende Arbeit leis­te­ten. Wenn schon keine Kata­stro­phe, dann zumin­dest Chaos und Panik — dach­ten sich sei­ner­zeit die “Spie­gel TV”-Leute und pro­du­zier­ten einen dar­auf aus­ge­rich­te­ten Bei­trag, der am dar­auf fol­gen­den Sonn­tag auch gesen­det wurde. Ich hatte danach den Ein­druck, dass ich die Tage zuvor an einem ande­ren Ort ein völ­lig ande­res Ereig­nis ver­folgt hatte.

Viel Voy­eu­ris­mus und wenig Ehr­furcht vor den Opfern

Dies­mal, gut 18 Jahre spä­ter, bei der Love­pa­rade am ver­gan­ge­nen Sams­tag in Duis­burg, gab’s tat­säch­lich eine Kata­stro­phe mit (inzwi­schen) 20 Toten und über 500 Ver­letz­ten. Doch auch im Ange­sicht der gro­ßen Tra­gö­die, der Jour­na­lis­ten zunächst mit Ehr­furcht vor den Opfern und nicht mit Voy­eu­ris­mus begeg­nen soll­ten, gin­gen die betei­lig­ten “Spie­gel TV”-Redakteure in ihrer Doku­men­ta­tion nach dem Motto ans Werk: ‘Seht mal, wir haben doch recht gehabt.’

Zum Beleg lie­fern sie reich­lich Bil­der von Toten, Schwer­ver­letz­ten sowie Ori­gi­nal­töne von ver­stör­ten, ver­zwei­fel­ten, ver­ängs­tig­ten, ver­un­si­cher­ten und vor allem hilf­lo­sen Fes­ti­val­be­su­chern, Orga­ni­sa­to­ren, Ord­nungs­hü­tern, Hel­fern und Ret­tern. Das mag — auch auf­grund der Kürze der Zeit, die zwi­schen dem schreck­li­chen Ereig­nis am spä­ten Sams­tag­nach­mit­tag und Aus­strah­lung der Doku­men­ta­tion am Sonn­tag­abend lag — nicht immer ethisch ein­wand­frei geglückt sein, war aber sicher­lich not­wen­dig und damit auch nicht zu beanstanden.

Schwer zu ertra­gen ist aller­dings die Boniert­heit mit der die “Spie­gel TV”-Leute ihre Bil­der an meh­re­ren Stel­len der Doku­men­ta­tion kom­men­tie­ren und dabei Fes­ti­val­be­su­cher, Hel­fer, Ret­ter und gar einen Not­arzt als Stich­wort­ge­ber für ihre völ­lig unan­ge­mes­se­nen ver­ba­len Kaprio­len missbrauchen:

Film-Kommentar: Im Kli­ni­kum Duis­burg hatte sich die Not­auf­nahme auf die übli­chen Lei­den der Loveparade-Klientel vor­be­rei­tet — zu viel Dro­gen und Alko­hol. Und dann der Anruf.
Repor­ter: Herr Dr. Acker­mann. Was ist da pas­siert, warum ist hier gro­ßes Chaos?
Unfall­chir­urg: “Wir haben gehört, dass es eine Mas­sen­pa­nik gege­ben hat, dass Schwer­ver­letzte kom­men und da müs­sen wir uns jetzt drauf ein­stel­len.“
Repor­ter: “Was bedeu­tet das für Sie?“
Unfall­chir­urg: “Dass wir jetzt alle Res­sour­cen mobilisieren?”

Der Rest des Ori­gi­nal­tons ist unver­ständ­lich und damit so über­flüs­sig wie das ganze Inter­view, mit dem ledig­lich ein Not­fall­arzt bei sei­ner lebens­ret­ten­den Arbeit gestört wurde.

Dass das offen­bar reich­lich pro­du­zierte eigene Mate­rial mit Bil­dern von “Video­ama­teu­ren”? ange­rei­chert wurde, die unter ande­rem “die ver­zwei­fel­ten Flucht­ver­su­che” und gar ster­bende Men­schen “wie in Trance doku­men­tier­ten”,? rückt die “Spie­gel TV”-Doku aller­dings in die Nähe von voy­eu­ris­ti­schem Bou­le­vard­jour­na­lis­mus. Der bedient sich seit Tagen aus­gie­big bei “YouTube”, “Flickr” und ande­ren Social Media Por­ta­len, um mit dort ein­ge­stell­ten Bil­dern und Videos die eigene Bericht­er­stat­tung zu befeu­ern. Per­sön­lich­keits­rechte von Betei­lig­ten und Opfern blei­ben außen vor, so wie schon nach dem Amok­lauf von Win­nen­den und ande­ren schreck­li­chen Anlässen.

“Eine Treppe als Todesfalle”

Die “Spie­gel TV”-Redakteure hat­ten in ihrer Doku­men­ta­tion “eine Treppe als Todes­falle” iden­ti­fi­ziert. Weil ihre am Sonn­tag­abend aus­ge­strahlte Repor­tage für eini­ges Auf­se­hen sorgte, musste auch “Bild”, als das für Kata­stro­phen zustän­dige Leit­me­dium, nun nach­le­gen. Es dau­erte aller­dings mehr als zwei Tage, bevor die Schil­de­run­gen eines eige­nen Mit­ar­bei­ters ver­öf­fent­licht wur­den: “Bild-Reporter Man­fred Hart war dabei, als die töd­li­che Kata­stro­phe begann”, steht schon fast tri­um­phie­rend auf Seite 2 der Dienstagsausgabe.

Die Titel­seite ist an die­sem Tag den “Opfern der Love­pa­rade” vor­be­hal­ten. Zum Auf­ma­cher “Wer büßt für ihren Tod?” wer­den Fotos mit Vor­na­men und Orts­an­ga­ben von sie­ben Opfern der Kata­stro­phe abge­druckt und auch bei “Bild.de” im Inter­net ver­öf­fent­licht. Ver­ant­wort­li­che und Redak­teure des Boulevard-Blatts igno­rie­ren dem­nach wei­ter­hin hart­nä­ckig ethi­sche Grund­sätze und sind auch bei ihrer Bild– und Wort­wahl alles andere als ein­fühl­sam: Am Sams­tag­abend, nur wenige Stun­den nach den schlim­men Ereig­nis­sen in Duis­burg, erschien bei­spiels­weise bei “Bild Mobil” die Auf­nahme von zwei abge­deck­ten Lei­chen. Für “Bild”-Redakteure ist das aus­weis­lich der Bild­un­ter­schrift “ein Foto, das Gän­se­haut” ver­mit­telt. Direkt dar­un­ter wurde als “Surf­tipp” die “scharfe Nixe Dana” vor­ge­stellt, die sich für “Bild Mobil”-Nutzer “schon mal frei macht”.

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