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Wie eine Vollmacht zum Abzocken der Hörer

23. Juli 2010 | Radio-Gewinnspiele neh­men — unbe­hel­ligt von den zustän­di­gen Medi­en­wäch­tern — immer “aben­teu­er­li­chere” For­men an.

Frü­her war alles viel ein­fa­cher für Otto-Normal-Hörer. Da musste er nur erra­ten, ob bei sei­nem Lieb­lings­sen­der eine Wal­nuss geknackt wurde oder ein Hams­ter gepupst hatte, um die Chance auf einen ansehn­li­chen Geld­ge­winn zu haben und gleich­zei­tig den Radio­ma­chern zusätz­li­che Erlöse durch seine kos­ten­pflich­ti­gen Anrufe besche­ren zu können.

Für Zuhö­rer der drei Pri­vat­sen­der “Radio Schleswig-Holstein” (“R.SH”), “Radio PSR” (Sach­sen) und “Antenne MV” (Mecklenburg-Vorpommern) reicht sol­ches Grund­wis­sen inzwi­schen nicht mehr aus. Sie müs­sen bei der aktu­ell von den drei Sen­dern gemein­sam durch­ge­führ­ten Aktion “Urlaubs­geld” auch noch schlüs­sig beant­wor­ten kön­nen, unter wel­chen Umstän­den der Pups aus dem Hams­ter kommt; vor­aus­ge­setzt natür­lich, dass es sich bei dem gesuch­ten Geräusch auch tat­säch­lich um die akus­tisch ein­ge­fan­ge­nen Blä­hun­gen eines pos­sier­li­chen Nagers han­delt (wofür blog­me­dien keine Gewähr­leis­tung über­neh­men kann).

Das ist durch­aus kein blö­der Scherz: Aus­weis­lich der Teil­nah­me­be­din­gun­gen geht es bei der Gewinn­ak­tion “Urlaubs­geld” darum, “zu erra­ten, wie ein bestimm­tes Geräusch ent­stan­den ist.” Des­we­gen müs­sen sich die Hörer der drei pri­va­ten Radio­pro­gramme jetzt mit­ten im Hoch­som­mer jeden Tag unzäh­lige Male ein merk­wür­di­ges Pfeif-Zischgeräusch anhö­ren, um dann gege­be­nen­falls über des­sen Ent­ste­hungs­ge­schichte sen­de­reif refe­rie­ren zu kön­nen. Aber nur dann, wenn sie es nach ihrem kos­ten­pflich­ti­gen Anruf für 50 Cent aus dem Fest­netz auf einer der drei “Hot­lines” wei­ter über den “Zufalls­ge­ne­ra­tor des Tele­fon­pro­vi­der” in die “Gewinn­spiel­zen­trale” schaf­fen, die die drei Sen­der für diese Aktion gemein­sam betreiben.

Die Chan­cen für poten­ti­elle Mit­spie­ler sind dabei aller­dings nicht beson­ders aus­sichts­reich. Laut “Teil­nah­me­be­din­gun­gen” über­ste­hen pro Spiel­runde nur “zwei Anru­fer je Telefon-Hotline” den “Wei­ter­lei­tungs­ver­such an die Gewinn­spiel­zen­trale”. Alle ande­ren schei­den in der Gewiss­heit aus, dass sie mit ihren kos­ten­pflich­ti­gen Anru­fen die Gewinne ihres ver­meint­li­chen Lieb­lings­sen­ders maxi­miert — mög­li­cher­weise auch die Ver­luste mini­miert — haben. Kri­ti­ker, auch unter den Radio­ma­chern selbst, sehen darin den eigent­li­chen Sinn die­ser Höreraktionen.

Ver­brau­cher­schutz fin­det im Radio kaum statt

Kaum zu glau­ben, dass sol­che dubio­sen Spiel­prak­ti­ken von den auf­sicht­füh­ren­den Lan­des­me­di­en­an­stal­ten nicht nur gedul­det, son­dern sogar noch geför­dert wer­den. In der erst im ver­gan­ge­nen Jahr bun­des­weit ein­ge­führ­ten Gewinn­spiel­sat­zung wurde den Sen­dern quasi eine ‘Voll­macht zum Abzo­cken ihrer Hörer’ erteilt. Schließ­lich ist seit­dem aus Sicht der Medienhüter

  • “die Teil­nahme an einem Gewinn­spiel oder einer Gewinn­spiel­sen­dung der Ver­such einer Nut­ze­rin oder eines Nut­zers, unter Nut­zung eines dafür geeig­ne­ten Kom­mu­ni­ka­ti­ons­we­ges Kon­takt zu dem Anbie­ter im Hin­blick auf den Erhalt einer Gewinn­mög­lich­keit aufzunehmen.”

Diese Rege­lung hat mit Ver­brau­cher­schutz genauso wenig gemein, wie der kaum vor­stell­bare Ver­such eines Geschäfts­in­ha­bers, seine Kun­den bereits nach blo­ßer Betrach­tung der Ware zur Kasse zu bit­ten. Dabei hat­ten die Lan­des­me­di­en­an­stal­ten noch vor Ein­füh­rung der Gewinn­spiel­sat­zung voll­mun­dig ange­kün­digt, “schwar­zen Scha­fen einen Rie­gel vor­zu­schie­ben, die mit zum Teil unse­riö­sen Metho­den den Ver­brau­chern das Geld aus der Tasche ziehen.”

Zudem hat­ten die Medi­en­wäch­ter auch ver­spro­chen, dass es nach Ein­füh­rung der Gewinn­spiel­sat­zung “mehr Trans­pa­renz” für die Teil­neh­mer an der­lei Gewinn­ak­tio­nen geben sollte. Um die Ein­hal­tung der eige­nen Vor­ga­ben küm­mer­ten sich die Lan­des­me­di­en­an­stal­ten seit­dem aller­dings kaum, zumin­dest nicht, wenn es um Ver­stöße im pri­va­ten Hör­funk geht. So wie im Fall des “Urlaubs­gel­des” bei “R.SH”, “Radio PSR und “Antenne MV”. Obwohl in der Gewinn­spiel­sat­zung expli­zit auf die Unzu­läs­sig­keit von “Aus­sa­gen jeg­li­cher Art, die falsch, zur Irre­füh­rung geeig­net oder wider­sprüch­lich sind”, hin­ge­wie­sen wird, nimmt offen­bar nie­mand Anstoß daran, dass bei­spiels­weise Mode­ra­tor Uli Mül­ler beim säch­si­schen “Radio PSR” am Don­ners­tag gegen 06.05 Uhr sei­nen Hörern vor­gau­kelte “Das gibt’s nur bei Radio PSR”.

Ein ein­ma­li­ger Aus­rut­scher des Radio­man­nes? Kei­nes­wegs — viel­mehr schei­nen die Sen­der ihre Hörer gezielt hin­ters Licht zu füh­ren. Auf der Web­site von “Radio PSR” heißt es näm­lich: “Som­mer­ge­räusch kna­cken — Geld ein­sa­cken. Nur jetzt bei RADIO PSR — Mein Sen­der.” Und obwohl sich “R.SH” im fer­nen Kiel das Gewinn­spiel samt Teil­nah­me­be­din­gun­gen und Kan­di­da­ten mit den über die Radio­hol­ding “Regio­cast” ver­bun­de­nen Kol­le­gen in Leip­zig teilt, heißt es auch dort auf der Begleit­seite im Inter­net: “Som­mer­ge­räusch kna­cken — Geld ein­sa­cken. Nur jetzt bei R.SH”. Diese Dar­stel­lung einer ver­meint­li­chen Exklu­si­vi­tät ist schon des­we­gen falsch, weil sich auch “Antenne MV” in Mecklenburg-Vorpommern an der Aktion betei­ligt. “Radio Schleswig-Holstein” hat im öst­li­chen Nach­bar­b­un­des­land jedoch immer­hin 44.000 Hörer pro Tag. Da hilft es auch kaum, dass am Ende einer Spiel­runde in einem vor­pro­du­zier­ten Jingle der Hin­weis folgt: “Eine Gemein­schafts­ak­tion von Radio PSR, RSH und Antenne MV”.

Der lange Weg zum Gewinnspiel-Moderator im Gewinnspielstudio

Wer tat­säch­lich mehr über den spitz­fin­di­gen Mecha­nis­mus des Gewinn­spiels in Erfah­rung brin­gen will, muss sich schon in die von den drei Sen­dern gemein­sam her­aus­ge­ge­be­nen Teil­nah­me­be­din­gun­gen ver­tie­fen. Dort ist auch nach­zu­le­sen, dass die Anru­fer, die es schließ­lich in die “Gewinn­spiel­zen­trale” geschafft haben, noch längst nicht am Ziel sind, denn

  • “Nach einem erfolg­rei­chen Wei­ter­lei­tungs­ver­such erfragt und notiert ein Mit­ar­bei­ter der von den Sen­dern beauf­trag­ten Gewinn­spiel­zen­trale Vor­name und Name, Anschrift, Alter sowie Tele­fon­num­mer des Anru­fers (Daten) sowie fer­ner des­sen Tipp zur Lösung des Gewinnspiels.”

Wer auch diese Pro­ze­dur über­stan­den hat, könnte dann über eine wei­tere War­te­schleife beim “Gewinnspiel-Moderator im Gewinn­spiel­stu­dio” lan­den, wo die “Rate­rei” auf­ge­zeich­net wird, um kurz dar­auf in den drei Pro­gram­men aus­ge­strahlt zu wer­den. So wie “Susanne” am Don­ners­tag­mor­gen gegen 6.50 Uhr bei “Radio PSR”. Immer­hin ging es für die Kan­di­da­tin um einen “Jack­pot” in Höhe von 36.800 Euro, der — kaum über­ra­schend — nicht aus­ge­schüt­tet wurde. Schließ­lich glaubte die Mit­spie­le­rin in dem Geräusch das Auf­rei­ßen einer Eis­ver­pa­ckung erkannt zu haben. Die Ant­wort liegt bei den tro­pi­schen Tem­pe­ra­tu­ren der ver­gan­ge­nen Wochen zwar durch­aus nahe, wurde den­noch vom “Gewinn­spiel­mo­de­ra­tor” als “falsch” zurückgewiesen.

Ob über­haupt noch ein Hörer von “R.SH”, “PSR” oder “Antenne MV” in die­sem Som­mer zu sei­nem “Urlaubs­geld” kommt, scheint ohne­hin unge­wiss zu sein. In den Teil­nah­me­be­din­gun­gen ist zumin­dest nach­zu­le­sen: “Das Gewinn­spiel endet mit sei­ner Auf­lö­sung und mit der Aus­schüt­tung des Jack­pots, unab­hän­gig davon aber spä­tes­tens am 20.08.2010.”

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