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Amnesty” für UKW-Radios in Großbritannien

12. Juli 2010 | Im ver­meint­li­chen Vor­zei­ge­land des Digi­tal­ra­dios sind DAB und Co. ins Sto­cken gera­ten. Der bri­ti­sche Kul­tus­mi­nis­ter Ed Vai­zey will sich mit der Abschal­tung der ana­lo­gen Sen­der viel mehr Zeit las­sen, als seine Vor­gän­ger geplant hatten.

Wenn deut­schen Digitalradio-Befürwortern und Lob­by­is­ten die Argu­mente aus­gin­gen, ver­wie­sen sie bis­lang gern auf Groß­bri­tan­nien als Para­de­bei­spiel für die Digi­ta­li­sie­rung der Hör­funk­wel­len. Noch Mitte Mai die­ses Jah­res lobte der Lob­by­ver­band “Digi­tal­ra­dio Platt­form” per Pres­se­mit­tei­lung eine “Umtausch­ak­tion” mit der bri­ti­sche Radio­hö­rer zum Umstieg von UKW-Geräten auf digi­tale Emp­fän­ger ermu­tigt wer­den soll­ten. Bei der Aktion “Radio Amnesty” gewähr­ten teil­neh­mende Händ­ler bei Rück­gabe eines ana­lo­gen Radios und gleich­zei­ti­gem Kauf eines Digi­tal Radio Emp­fän­gers Preis­nach­lässe zwi­schen 10 und 20 Prozent.

Ob sich bei der Ende Juni aus­ge­lau­fe­nen Aktion viele Bri­ten zum Digi­tal­ra­dio bekeh­ren lie­ßen, ist bis­lang offen. Zumin­dest ist das Ergeb­nis der nun­mehr seit 20 Jah­ren andau­ern­den digi­ta­len Offen­sive auf den bri­ti­schen Inseln bis­lang eher ernüch­ternd. Trotz staat­li­cher Sub­ven­tio­nen für Sen­de­netze und Emp­fangs­ge­räte sowie Mil­lio­nen schwe­ren Inves­ti­tio­nen der BBC und pri­va­ten Radio­ver­an­stal­tern, beglei­tet von unzäh­li­gen auf­wen­di­gen Wer­be­kam­pa­gnen, errei­chen alle digi­ta­len Platt­for­men nur einen Markt­an­teil von 24 Pro­zent, wobei die Inter­net­hö­rer bereits mit­ge­zählt wurden.

Mit ande­ren Wor­ten — im ver­meint­li­chen Vor­zei­ge­land des Digi­tal­ra­dios emp­fan­gen immer noch drei von vier Hörern ihre Pro­gramme ana­log, die aller­meis­ten über UKW. Und daran wird sich wohl auch in abseh­ba­rer Zeit nichts ändern, folgt man jüngs­ten Ankün­di­gun­gen des bri­ti­schen Kul­tus­mi­nis­ters Ed Vai­zey, die er nach einem Bericht des “Guar­dian” vor füh­ren­den Radio­ma­na­gern machte. Der kon­ser­va­tive Poli­ti­ker, den Pre­mier­mi­nis­ter David Came­ron bei Bil­dung sei­nes konservativ-liberalen Kabi­netts im Mai mit den Berei­chen Kul­tur und Medien beauf­tragte, denkt über­haupt nicht daran, in fünf Jah­ren die UKW-Frequenzen abschal­ten zu las­sen. Der soge­nann­ten “Swit­cho­ver” auf aus­schließ­lich digi­tale Hör­funk­ver­brei­tung in Groß­bri­tan­nien war noch von der abge­wähl­ten Labour-Regierung für das Jahr 2015 beschlos­sen worden.

Dem Bericht des “Guar­dian” zufolge kün­digte Vai­zey an, dass bri­ti­sche Radio­pro­gramme noch so lange per Ultra­kurz­welle ver­brei­tet wür­den, wie das not­wen­dig sei. Über einen kon­kre­ten Umstel­lungs­zeit­punkt könne erst ernst­haft nach­ge­dacht wer­den, wenn über 50 Pro­zent der Bri­ten tat­säch­lich auch Digi­tal­ra­dio emp­fan­gen wür­den. Wann DAB und Co. tat­säch­lich den Radio­markt in Groß­bri­tan­nien mehr­heit­lich beherr­schen wer­den, ist der­zeit über­haupt nicht abzu­se­hen, zumal pri­vate Radioun­ter­neh­men kaum noch bereit sind, in spe­zi­elle Digi­tal­pro­gramme zu investieren.

Sogar die öffentlich-rechtliche BBC, die sich selbst viele Jahre als Vor­rei­ter bei der digi­ta­len Hör­funk­ent­wick­lung sogar in ganz Europa wähnte, stand aus Kos­ten­grün­den kurz davor, das gleich­falls aner­kannte wie popu­läre Digi­tal­pro­gramm “6 Music” ein­zu­stel­len. Nach hef­ti­gen Hörer­pro­tes­ten und ver­nich­ten­dem Pres­se­echo, ließ das BBC-Management den Plan wie­der fallen.

Auch in Deutsch­land ist die Zukunft des Digi­tal­ra­dios mehr als unge­wiss. Wäh­rend öffentlich-rechtliche Anstal­ten — nach wie vor unter weit­ge­hen­dem Aus­schluss der Öffent­lich­keit — mit digi­ta­len Pro­gramm­an­ge­bo­ten expe­ri­men­tie­ren, sehen die meis­ten pri­va­ten Hör­funk­an­bie­ter die ver­meint­li­che digi­tale Zukunft bereits als Ver­gan­gen­heit an. Vor einem Jahr spra­chen sich die Mit­glie­der des größ­ten pri­va­ten Rund­funk­ver­bands VPRT gegen die im Herbst 2009 geplante Ein­füh­rung des digi­ta­len über­tra­gungs­stan­dards DAB plus aus. Die im Ver­band orga­ni­sier­ten Hör­fun­ker kamen sei­ner­zeit zu dem Schluss, dass die digi­tale Platt­form “nicht markt­ge­trie­ben” sei. Mit ande­ren Wor­ten: Kaum jemand will oder braucht Digitalradio.

Danke an Udo Seiwert-Fauti für den Hin­weis auf den Bei­trag im “Guar­dian”, 8. Juli 2010.

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