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Kein Grund für Katerstimmung

9. Juli 2010 | WDR-Chefredakteur Jörg Schö­nen­born hat am Don­ners­tag­abend in den “Tages­the­men” einen öffentlich-rechtlichen Treue­schwur gegen­über der FIFA abgelegt.

Die meis­ten Zuschauer ken­nen den stets akku­rat geschei­tel­ten Mitt­vier­zi­ger aus den Wahl­sen­dun­gen der ARD. Dort bemüht sich Jörg Schö­nen­born regel­mä­ßig Pro­gno­sen und Hoch­rech­nun­gen der Demo­sko­pen mit dem Kopf­schüt­teln sei­ner Zuschauer irgend­wie unter einen Hut zu bekom­men. Im Haupt­be­ruf ist Schö­nen­born aller­dings Chef­re­dak­teur des West­deut­schen Rund­funks. Und in die­ser Eigen­schaft darf er hin und wie­der auch als Kom­men­ta­tor in den “Tages­the­men” auf­tre­ten. Am spä­ten Don­ners­tag­abend trug er seine WM-Bilanz vor, die er vor­sichts­hal­ber schon mal nach der Halbfinal-Niederlage der Deut­schen Mann­schaft zog — und nicht etwa nach dem End­spiel zwi­schen den Nie­der­lan­den und Spa­nien am Sonntag.

Jörg Schö­nen­born konnte auch in sei­ner WM-Bilanz nicht so ganz von der Wahr­sa­ge­rei las­sen: Es gebe über­haupt kei­nen “Grund für Kater­stim­mung”, trös­tete er das von den Spa­ni­ern so sehr gede­mü­tigte deut­sche Fern­seh– und Fuß­ball­volk, schließ­lich “haben wir ges­tern das eigent­li­che End­spiel die­ser Welt­meis­ter­schaft schon gese­hen, die bei­den bes­ten Mann­schaf­ten gegen­ein­an­der”. Nun gut — das kann der WDR-Chefredakteur so äußern, schließ­lich war das ein Kom­men­tar, in dem die per­sön­li­che Mei­nung des Ver­fas­sers gefragt ist.

Aller­dings kön­nen Zuschauer vom redak­tio­nel­len Kopf einer von ihnen finan­zier­ten Anstalt wohl auch Ver­ständ­lich­keit und Nach­voll­zieh­bar­keit von des­sen ver­öf­fent­lich­ten Äuße­run­gen erwar­ten — schließ­lich sind das jour­na­lis­ti­sche Grund­an­for­de­run­gen, von denen auch Kom­men­ta­to­ren nicht frei­ge­stellt sind. Als Schö­nen­born in sei­nem Kom­men­tar indes auf den ver­meint­li­chen wirt­schaft­li­chen Erfolg die­ser Fußball-Weltmeisterschaft zu spre­chen kam, wirkte die Sache zunächst suspekt:

Ja, Fuß­ball ist ein Stück Unter­hal­tungs­in­dus­trie. Die FIFA hat die Welt­meis­ter­schaft zu einer glo­ba­len Marke ent­wi­ckelt, kon­se­quent und kom­pro­miss­los. Das ist nicht sym­pa­thisch — aber zählt nicht am Ende das Ergeb­nis? Freunde und Begeis­te­rung über alle Gren­zen hin­weg. Men­schen, die sich zusam­men­fin­den, weil sie gemein­sam etwas erle­ben wol­len. Gerade eine Gesell­schaft, die so brü­chig und gespal­ten ist, wie unsere, dürs­tet genau danach. Wer das mög­lich machen kann, der darf damit auch ruhig Geld verdienen.”

Es ist wohl zu Recht davon aus­zu­ge­hen, dass die­ses ver­meint­li­che Kau­der­welsch nicht durch Zufall vom Chef­re­dak­teur der größ­ten ARD-Anstalt zu einem Zeit­punkt in den “Tages­the­men” plat­ziert wurde, als die WM-Stimmung der Deut­schen noch nicht völ­lig abge­ebbt war. Schö­nen­born hat damit nichts ande­res getan, als einen öffentlich-rechtlichen Treu­schwur gegen­über der FIFA abge­legt. Im Klar­text: Der von dem umstrit­te­nen Schwei­zer Sepp Blat­ter geführte skan­dal­ge­schüt­telte inter­na­tio­nale Fuß­ball­ver­band kann auch künf­tig davon aus­ge­ge­hen, dass die ARD — und damit not­ge­drun­gen wohl auch das ZDF — jeden gefor­der­ten Preis für die Über­tra­gung von Fußball-Weltmeisterschaften bezah­len wird. Schließ­lich schafft es kein ande­res Pro­gramm­an­ge­bot der öffentlich-Rechtlichen — und schon gar nicht Wahl­son­der­sen­dun­gen — auch nur annä­hernd über 30 Mil­lio­nen Zuschauer anzu­lo­cken und damit 90 Pro­zent Markt­an­teil zu erlan­gen, so wie das WM-Halbfinale am Mittwochabend.

Und falls am Sonn­tag die Nie­der­lande doch gegen Spa­nien gewin­nen sollte, hat der Chef-Demoskop der ARD mit sei­ner Pro­gnose mal wie­der dane­ben gele­gen. Das wäre noch längst kein Grund für öffentlich-rechtliche Katerstimmung.

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