Medien

Zum Tag der Pressefreiheit: Eine Liste mit den Namen…

… der Anwälte und deren Auf­trag­ge­ber, die enga­gier­ten Jour­na­lis­ten das Leben immer wie­der zur Hölle machen, kri­ti­sche Bericht­er­stat­tung damit schon im Ansatz ersti­cken und die “Schere im Kopf” zu einem pro­ba­ten jour­na­lis­ti­schen Werk­zeug in Deutsch­land befördern.

3. Mai 2010 | “Die Welt” und “Welt Kom­pakt” machen sich Sor­gen um den Zustand der Pres­se­frei­heit. Zum äußer­li­chen Zei­chen blie­ben die Titel­sei­ten bei­der Tages­zei­tun­gen am 3. Mai fast leer. Dort, wo sonst der “Auf­ma­cher” erscheint, gab’s ledig­lich den Hin­weis “So sieht Ihre Zei­tung ohne Pres­se­frei­heit aus”. In der unte­ren rech­ten Ecke erschien dazu eine Anzeige der Orga­ni­sa­tion “Repor­ter ohne Gren­zen”. “Die ganz­sei­ti­gen Anzei­gen­plätze stellt die WELT-Gruppe kos­ten­los zur Ver­fü­gung”, hieß es in einer am Sonn­tag ver­brei­te­ten Pres­se­mit­tei­lung der Axel Sprin­ger AG. Ent­wi­ckelt wurde die Layout-Idee aller­dings nicht von den Blatt­ma­chern, son­dern von der Wer­be­agen­tur “Scholz & Fri­ends Ham­burg”. Um die Leser­schaft auf Bedeu­tung und Not­wen­dig­keit der — grund­ge­setz­lich ver­an­ker­ten — Pres­se­frei­heit hin­zu­wei­sen, bedür­fen Redak­teure inzwi­schen also der Unter­stüt­zung von Werbefachleuten.

Mag sein, dass Jour­na­lis­ten bei der “Welt” und ande­ren Mainstream-Medien auch gar nicht nach­voll­zie­hen kön­nen, warum denn die Pres­se­frei­heit auch bei uns in Deutsch­land ernst­haft gefähr­det ist. Zum Bei­spiel durch den Abmahn-Terror, der sich vor allem gegen kri­ti­sche Bericht­er­stat­tung auf unab­hän­gi­gen Inter­net­sei­ten und in Web­logs immer mehr breit macht. Nicht sel­ten sind es Medi­en­un­ter­neh­men selbst, die gegen unlieb­same Berichte mit anwalt­li­chen Abmah­nun­gen, Einst­wei­li­gen Ver­fü­gun­gen und hor­ren­den Scha­dens­er­satz­for­de­run­gen vor­ge­hen. Zuletzt war das aus­ge­rech­net die Axel Sprin­ger AG, die sich jetzt wer­be­wirk­sam für die Pres­se­frei­heit stark macht. Das BILD­blog hatte wegen eines längst kor­ri­gier­ten Feh­lers von den Springer-Anwälten gleich drei Abmah­nun­gen erhalten.

Da ist es schon maka­ber, wenn “Welt Online” am 3. Mai? titelt: “So sub­til wird die Pres­se­frei­heit heute bedroht.” Von der ver­brei­te­ten Abmahn-Praxis vor allem gegen freie Jour­na­lis­ten und Blog-Betreiber ist in dem Hin­ter­grund­bei­trag indes nicht die Rede. Dafür wer­den die von “Repor­ter ohne Gren­zen” vor­ge­ge­be­nen “40 größ­ten Feinde der Pres­se­frei­heit” in dem “Welt”-Beitrag über­nom­men, zu denen die Orga­ni­sa­tion unter ande­rem den Prä­si­den­ten der Volks­re­pu­blik China, Hu Jin­tao, den nord­ko­rea­ni­schen Dik­ta­tor Kim Jong-Il und Taliban-Anführer Mul­lah Omar zählt. Nur — wer hätte von Kim Jong-Il und Co. allen erns­tes erwar­tet, dass sie die Presse frei­zü­gig über die men­schen­ver­ach­ten­den Ver­bre­chen ihrer Regime und Ter­ror­or­ga­ni­sa­tio­nen berich­ten lassen?

Wesent­lich inter­es­san­ter und vor allem auch muti­ger wäre es dage­gen gewe­sen, eine Liste mit den “größ­ten Fein­den der Pres­se­frei­heit” bei uns in Deutsch­land zu ver­öf­fent­li­chen; eine Liste mit den Namen der Anwälte und deren Auf­trag­ge­ber, die enga­gier­ten Jour­na­lis­ten das Leben immer wie­der zur Hölle machen, kri­ti­sche Bericht­er­stat­tung damit schon im Ansatz ersti­cken wol­len und die “Schere im Kopf” zu einem pro­ba­ten jour­na­lis­ti­schen Werk­zeug in Deutsch­land beför­dern. Doch es gibt schein­bar nie­man­den, der sich traut, diese Liste zu ver­öf­fent­li­chen, auch der Deut­sche Journalisten-Verband (DJV) mit sei­nen immer­hin 39.000 Mit­glie­dern nicht.

Im Gegen­teil: In einem Hin­ter­grund­bei­trag in der Mai-Ausgabe des Ver­bands­or­gans “Jour­na­list” zum Rechts­streit der katho­li­schen Diö­zese Regens­burg mit Ste­fan Aigner, dem Betrei­ber der Web­site “regensburg-digital.de”, wur­den Text­stel­len geschwärzt ver­öf­fent­licht. “Um der Diö­zese Regens­burg kei­nen Anlass für ein juris­ti­sches Schar­müt­zel zu geben”, hieß es klein­laut am Ende des knapp vier­sei­ti­gen Bei­trags. Das Heft erschien aus­ge­rech­net am 3. Mai, dem “Inter­na­tio­na­len Tag der Pressefreiheit”.

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