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Keiner hat’s gesehen

10. Februar 2010 | Kar­ne­val statt öffentlich-rechtlicher Grund­ver­sor­gung: Wie ARD und ZDF das Hartz-IV-Urteil des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts in ihrer Pro­gramm­pla­nung weit­ge­hend ignorierten.

Wenn es im Win­ter mal rich­tig kalt wird, Ban­ker sich ver­zo­cken oder Bay­ern Mün­chen den Trai­ner feu­ert, wer­den eilig Son­der­sen­dun­gen in die Pro­gramme der öffentlich-rechtlichen Anstal­ten gehievt. So ergänzt der “‘ARD-Brennpunkt bei außer­ge­wöhn­li­chen Ereig­nis­sen die Bericht­er­stat­tung der aktu­el­len Nach­rich­ten­sen­dun­gen. Meist wird er unmit­tel­bar nach der Haupt­aus­gabe der Tages­schau um 20.15 Uhr ein­ge­scho­ben und lie­fert 15 Minu­ten schnelle und zuver­läs­sige Hin­ter­grund­in­for­ma­tion”, wird bei­spiels­weise im “Sen­dungs­pro­fil” auf der Web­site des Baye­ri­schen Rund­funks erläu­tert. Dem­nach scheint das “Hartz-IV-Urteil” des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts vom Diens­tag in den Augen öffentlich-rechtlicher Fern­seh­ma­cher kaum von grö­ße­rer Bedeu­tung zu sein. In ihrer Pro­gramm­pla­nung igno­rier­ten sie weit­ge­hend die Ent­schei­dung der Karls­ru­her Rich­ter, die immer­hin rund 6, 5 Mil­lio­nen Men­schen direkt betrifft.

Im ZDF lief am Diens­tag­abend nach der Haupt­aus­gabe von “heute” statt eines “Spe­zi­als” mit Hin­ter­grund und kon­tro­ver­sen Dis­kus­sio­nen, eine wei­tere Folge der “Rosen­heim Cops”. In der Folge “Kei­ner hat’s gese­hen” wurde ab 19.25 Uhr ein­mal mehr das schwa­che Dreh­buch von noch dilet­tan­ti­sche­ren schau­spie­le­ri­schen Leis­tun­gen über­tüncht. Anschlie­ßend gab’s zur bes­ten Sen­de­zeit zwei Stun­den lang Kar­ne­val mit Wit­zen auf unters­tem Niveau. Das etat­mä­ßige Maga­zin “Fron­tal 21″, in dem fun­dierte Infor­ma­tio­nen über die bevor­ste­hen­den Ände­run­gen der Hartz-IV-Regelsätze hät­ten ver­mit­telt wer­den kön­nen, wurde wegen der Schun­ke­lei ein­fach gestri­chen. Das “heute-Journal” ging erst um 22.15 Uhr auf Sendung.

Gefähr­li­che Eis­glätte im NDR-Fernsehen

Noch kärg­li­cher als bei den Main­zern fiel die Bericht­er­stat­tung im “Ers­ten” über das Hartz-IV-Urteil aus. Die “Tages­the­men” wur­den wegen der Über­tra­gung des DFB-Pokalspiels zwi­schen Wer­der Bre­men und Hof­fen­heim auf acht Minu­ten in der Halb­zeit­pause redu­ziert, wovon immer­hin fünf Minu­ten dem wich­tigs­ten Thema des Tages vor­be­hal­ten blie­ben. Wenn schon die Fußball?übertragung eine Son­der­sen­dung zum Thema Hartz-IV im Haupt­pro­gramm der ARD ver­hin­dert, hät­ten die Pro­gramm­pla­ner zumin­dest auf die “Drit­ten” aus­wei­chen kön­nen. Doch das tat nur der RBB in einer 45 Minu­ten lan­gen Dis­kus­si­ons­runde (21.00–21.45 Uhr) inner­halb der Reihe “Klipp & Klar”. Im Süd­west­rund­funk wurde eben­falls Kar­ne­val gefei­ert und die Kol­le­gen beim Nord­deut­schen Rund­funk waren nach meh­re­ren Wochen end­lich zu der Erkennt­nis gekom­men, dass es im Win­ter bei Eis und Schnee auch schon mal glatt wer­den kann. Direkt nach der “Tages­schau” lief des­we­gen im nord­deut­schen Regio­nal­fern­se­hen das “NDR aktu­ell extra” zum Thema “Gefähr­li­che Eis­glätte — Wer hilft?”.

Den Pro­gramm­ver­ant­wort­li­chen kann bei die­ser The­men­wahl wohl nie­mand hel­fen — sie schlid­der­ten auf glat­tem Eis wohl am Infor­ma­ti­ons­be­derf­nis vie­ler ihrer Zuschauer vor­bei. Dabei hät­ten die öffentlich-rechtlichen Pro­gramm­pla­ner im Vor­weg jede Menge Zeit gehabt, eine aus­führ­li­che Bericht­er­stat­tung zur Ent­schei­dung aus Karls­ruhe vor­zu­se­hen. Dass das Ver­fas­sungs­ge­richt am Diens­tag sein Urteil zu den Hartz-IV-Regelungen bekannt machen wird, war lange vor­her bekannt. Man mag sich ange­sichts die­ser erneut dilet­tan­ti­schen Pro­gramm­pla­nung der pro­vo­kan­ten These von Jens Jes­sen, dem Feuille­ton­chef der “Zeit”, anschlie­ßen: “Fern­se­hen wird von Pro­le­ten mit Pro­le­ten für Pro­le­ten gemacht.” Oder man kommt zu dem Schluss, dass rund 6,5 Mil­lio­nen Hartz-IV-Empfänger für den öffentlich-rechtlichen Rund­funk keine Rolle spie­len, weil sie sich auf Antrag von der Zah­lung der Rund­funk­ge­büh­ren frei­stel­len las­sen kön­nen. Der­weil über­las­sen ARD und ZDF ande­ren die infor­ma­tive Grund­ver­sor­gung. So titelt “Bild” am Mitt­woch: “Alles neu bei Hartz IV” und “erklärt, was Sie jetzt wis­sen müssen.”

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