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Ja da geht’s humba, humba, humba, täterä…

2. Februar 2010 | In den Wochen vor Rosen­mon­tag kom­men die öffentlich-rechtlichen Anstal­ten aus dem Schun­keln gar nicht mehr her­aus: Fast 80 Stun­den Kar­ne­val, Fasching und Fast­nacht zur bes­ten Sendezeit.

Frü­her, in den 1960er Jah­ren als ich noch klein war, gab’s in Deutsch­land feste Fern­seh­ri­tuale in Ost und West: Am Mit­tag des Hei­li­gen Abends beschenkte Bun­des­kanz­ler Kon­rad Ade­nauer arme Wai­sen­kin­der und ich hatte den alten Mann ganz lieb, auch wenn er sel­ten lächelte. Den Vor­mit­tag des ers­ten Weih­nachts­tags gestal­tete Heinz Quer­mann im “Deut­schen Fern­seh­funk” für die Werk­tä­ti­gen mit einem bun­ten Unter­hal­tungs­pro­gramm unter dem Titel “Zwi­schen Früh­stück und Gän­se­bra­ten”, auch wenn Gänse im Arbei­ter– und Bau­ern­staat zu Weih­nach­ten schon mal knapp waren.

Für mich war damals der Frei­tag vor Rosen­mon­tag ein Höhe­punkt im sonst eher tris­ten Fern­seh­jahr. Da saßen unsere Nach­barn immer mit bun­ten Hüt­chen auf dem Kopf vorm Fern­se­her, blie­sen Papier­schlan­gen auf und pros­te­ten sich mit Ananas-Bowle zu. Auf dem Schwarz-Weiß-Bildschirm wurde dazu kräf­tig geschun­kelt, weil Ernst Neger “Humba täterä” sang. Herz­lich will­kom­men bei “Mainz wie es singt und lacht”.

Der sin­gende Dach­de­cker­meis­ter Ernst Neger ist inzwi­schen seit mehr als 20 Jah­ren im Fast­nachts­him­mel. Geschun­kelt wird im kur­fürst­li­chen Schloss zu Mainz aber immer noch jedes Jahr am Frei­tag vor Rosen­mon­tag. “Mainz bleibt Mainz wie es singt und lacht”, wie die so genannte Prunk­sit­zung der Main­zer Kar­ne­vals­ver­eine seit 1973 heißt, soll immer noch der “Fern­seh­hö­he­punkt des Kar­ne­vals” sein — das ist zumin­dest in der Pro­gramm­zeit­schrift “TV Spiel­film” so nach­zu­le­sen. Aller­dings ist inzwi­schen reich­lich Kon­kur­renz dazu gekom­men: Auch in Köln, Düs­sel­dorf, Frank­furt, Saar­brü­cken und sogar in Cott­bus wird inzwi­schen Kar­ne­val, Fasching, Fast­nacht — oder so etwas ähn­li­ches — für das Fern­se­hen gefei­ert. Zustän­dig dafür sind aus­schließ­lich die öffentlich-rechtlichen Programme.

Fast­nacht aus Fran­ken gleich zwei­mal zur bes­ten Sendezeit

In der ers­ten Febru­ar­hälfte bis ein­schließ­lich Rosen­mon­tag wer­den allein in den abend­li­chen Haupt­sen­de­zei­ten 33 Prunk– und Fest­sit­zun­gen über­tra­gen. Spit­zen­rei­ter ist das SWR-Fernsehen mit neun Ver­an­stal­tun­gen bei über 24 Stun­den Sen­de­zeit — Zeit­über­schrei­tun­gen bei Live-Übertragungen nicht ein­ge­rech­net. Deut­lich beschei­de­ner — und vor allem kos­ten­spa­ren­der — geht’s bei den Kol­le­gen des Baye­ri­schen Fern­se­hens im Fasching zu. Am kom­men­den Frei­tag läuft ab 19.00 Uhr über drei­ein­halb Stun­den die “Fast­nacht aus Fran­ken”. Gereimt, getanzt und gefei­ert wird dabei in Veits­höch­heim, einer knapp 10.000 Ein­woh­ner zäh­len­den Gemeinde im unter­frän­ki­schen Kreis Würz­burg. Wer die ver­meint­li­che Gaudi ver­passt, weil er zu die­ser Zeit lie­ber die “Fast­nacht im Fröh­li­chen Wein­berg” im SWR-Fernsehen mit­fei­ern will, kann auch am nächs­ten Tag das regio­nale Fern­seh­pro­gramm der Bay­ern anschal­ten. Am Sams­tag­abend ab 20.15 Uhr wird das ver­meint­li­che Spek­ta­kel aus Unter­fran­ken zur bes­ten Sen­de­zeit ein­fach wiederholt.

Ein Feh­ler in der Pro­gram­man­kün­di­gung? “Nein”, erklärt eine Mit­ar­bei­te­rin der BR-Pressestelle: “Die Fast­nacht aus Unter­fran­ken gehört zu den quo­ten­stärks­ten Sen­dun­gen des Jah­res” — und da sei es doch nur sinn­voll, wenn das fröh­li­che Trei­ben gleich an zwei Tagen hin­ter­ein­an­der zur bes­ten Sen­de­zeit aus­ge­strahlt würde. Außer­dem wer­den somit Gebüh­ren­gel­der gespart. Dabei seien die Pro­duk­ti­ons­kos­ten für die Über­tra­gung bzw. Auf­zeich­nung von Kar­ne­vals­sit­zun­gen ohne­hin sehr gering, ver­rät der Mit­ar­bei­ter einer ande­ren öffentlich-rechtlichen Pres­se­stelle, der in die­sem Bei­trag aller­dings lie­ber nicht genannt wer­den will.

Kar­ne­val ist kein Thema für die Privaten

Trotz güns­ti­ger Pro­duk­ti­ons­kos­ten sind die Pro­gramm­ver­ant­wort­li­chen von RTL inzwi­schen zu regel­rech­ten Karnevals-Verweigerern gewor­den. Der Köl­ner Pri­vat­sen­der ver­zich­tet seit Jah­ren auf die Aus­strah­lung von Kar­ne­vals­sit­zun­gen. “Wir haben im Jahr 2005 zum letz­ten Mal “Kölle Alaaf’ gesen­det. Die Quote war für unsere Ver­hält­nisse eher beschei­den. Das kam in unse­rer jün­ge­ren Ziel­gruppe nicht an”, erklärt Pres­se­spre­cher Claus Rich­ter auf Anfrage.

Auch die ande­ren Pri­vat­pro­gramme üben im Hin­blick auf die stets anvi­sierte jün­gere und ver­meint­lich wer­be­re­le­vante Ziel­gruppe Ent­halt­sam­keit in der när­ri­schen Jah­res­zeit. Wen wun­dert das — Kar­ne­vals– und Fast­nachts­sit­zun­gen lau­fen schließ­lich seit Jahr­zehn­ten nach dem immer glei­chen Ritual ab. Vor den Augen der zumeist betag­ten Her­ren des Sit­zungs­ko­mi­tees wer­den schlechte Witz­chen in der “Bütt” geris­sen, poli­ti­sche Ereig­nisse viel­fach umständ­lich und unter Zuhil­fe­nahme von merk­wür­di­gen Dia­lek­ten in Reime gepresst und Schun­kel­lie­der nicht sel­ten an allen gän­gi­gen Ton­la­gen vor­bei­ge­träl­lert. Manch­mal rücken auch strumpf­be­hoste Fun­ken­ma­rie­chen ihre dral­len Schen­kel ins Bild, was zu Lef­zen­zu­cken bei den Gran­den des Sit­zungs­ko­mi­tees füh­ren kann.

Da ist es schon fast eine Sen­sa­tion, dass in die­sem Jahr die “Fassnachts-Legende” Mar­git Sponheimer(“TV-Spielfilm”) als erste Frau eine große Prunk­sit­zung im Fern­se­hen lei­tet. Das “Mar­git­sche” ist zwar auch nicht mehr die jüngste, dürfte mit ihren 66 Jah­ren aber wohl deut­lich unter dem Schnitt ihrer Zuschauer lie­gen. Vor 40 Jah­ren hat sie bereits mit Ernst Neger im Main­zer Kar­ne­val auf der Bühne gestan­den und “Ja da geht?s humba, humba, humba, täterä…” gesun­gen — und unsere Nach­barn haben in ihrem Wohn­zim­mer fröh­lich mitgeklatscht.

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