Medien

Wenn Steve ein “i” legt…

…ver­lie­ren Jour­na­lis­ten gern mal die kri­ti­sche Dis­tanz und las­sen sich ein­fach “veräppeln”.

28. Januar 2010. Bis­lang haben es Com­pu­ter bei “Bild” nur auf die Titel­seite geschafft, wenn diese vom Zen­tral­or­gan vie­ler Deut­scher als “Volks-PCs” selbst ver­scher­belt wor­den. Am Don­ners­tag ver­kün­det das Bou­le­vard­blatt auf Seite 1: “Das ist das iPad von Apple!”, gerade so, als hätte Mer­ce­des das Auto der Zukunft vor­ge­stellt und Zig­tau­send Arbeits­plätze in der deut­schen Indus­trie lang­fris­tig gesi­chert. Doch das ist nicht der Fall. Viel­mehr ist der Springer-Konzern offen­bar auf eine gedeih­li­che Part­ner­schaft mit Apple ange­wie­sen, schließ­lich wer­den seit gerau­mer Zeit “Bild”- und “Welt”-Applikationen kos­ten­pflich­tig über den App-Store ver­trie­ben. Darin sieht Deutsch­lands zweit­größ­ter Medi­en­kon­zern immer­hin ein “zukunfts­fä­hi­ges Geschäftsmodell.”

Auch die Tages­the­men kamen nicht umhin am Mitt­woch­abend, nur wenige Stun­den nach­dem Steve Jobs das iPad der Welt­öf­fent­lich­keit prä­sen­tiert hatte, den neuen Tablet-Computer aus­führ­lich ins Bild zu rücken. Für große Inter­net­por­tale war die “Welt­ur­auf­füh­rung” in San Fran­cisco ohne­hin so etwas wie Pflicht­pro­gramm, schließ­lich hat Steve Jobs ein neues “i” gelegt. Es ist schon erstaun­lich, wie es der Apple-Chef immer wie­der schafft, seine Pro­dukte groß­flä­chig in den Medien zu plat­zie­ren, obwohl der Markt­an­teil der “Mac-Computer” welt­weit nur bei etwa fünf Pro­zent liegt und in Deutsch­land immer noch ver­schwin­dend gering ist. Der in San Fran­cisco lebende Jour­na­list Peter Senn­hau­ser, der nach eige­nen Anga­ben in den ver­gan­ge­nen fünf Jah­ren an “fast allen Keyno­tes und Pres­se­kon­fe­ren­zen” von Apple teil­ge­nom­men hat, ist zumin­dest “befrem­det” über das Ver­hal­ten sei­ner Berufs­kol­le­gen bei den Selbst– und Pro­dukt­dar­stel­lun­gen des Steve Jobs. In sei­nem Bei­trag “Steve Jobs als Mes­sias einer Bran­che”, der am Mitt­woch bei Netzwertig.com erschien, beschreibt? Senn­hau­ser das Ver­hal­ten der Pres­se­leute bei Apple-Präsentationen so:

  • Wenn die auf eine der sorg­fäl­tig insze­nier­ten Ankün­di­gun­gen von Steve Jobs mit Applaus oder sogar Jubel rea­gier­ten, als ob gerade ein Impf­stoff gegen Krebs und nicht die längst über­fäl­lige Kor­rek­tur an einem Pro­dukt prä­sen­tiert wor­den wäre, dann lief es mir jedes mal kalt den Rücken runter.”

Von der not­wen­di­gen kri­ti­schen Dis­tanz, die Jour­na­lis­ten eigent­lich zu eigen sein sollte, ist da wenig zu ver­spü­ren. Dabei sit­zen die Apple-Claqueure längst nicht nur in den Pres­se­kon­fe­ren­zen des Hard– und Soft­ware­her­stel­lers. Reich­lich unkri­ti­scher Bei­fall kommt auch aus den hei­mi­schen Redak­tio­nen für das neue iPad: “App­les Com­pu­ter für alles und jeden”, steht bei­spiels­weise schon fast wer­be­wirk­sam über einem Arti­kel, den FAZ.net, das Online­por­tal der Frank­fur­ter All­ge­mei­nen Zei­tung, am Mitt­woch­abend ver­öf­fent­lichte. Und “Spie­gel Online” kommt nach einem “Schnell­check” zum Ergeb­nis: “Es ist tat­säch­lich sim­pel zu bedie­nen, ruckelt nicht, kann viel — und damit man das Leicht­ge­wicht in der Hand spürt, vibriert es oft und vehement.”

Mag sein, dass das “iPad” viel kann — aber längst nicht alles, was ein moder­ner mobi­ler Com­pu­ter auch kön­nen sollte. Doch nega­tive Aspekte wer­den in den meis­ten jour­na­lis­ti­schen Ver­öf­fent­li­chun­gen schlicht­weg igno­riert. Immer­hin bezwei­felt Andreas Kuhn in einem Bei­trag für “Sueddeutsche.de”, dass App­les Neu­ling “ein Pro­dukt für die breite Masse wird”. Wie wenige andere auch, die sich nicht unge­hemmt der Hurrah-Berichterstattung anschlos­sen, hat Kuhn einige Män­gel ent­deckt, die die Funk­tio­na­li­tät des Gerä­tes durch­aus ein­gren­zen: So spielt das iPad keine Videos im Flash-Format ab, hat kein Mikro­fon und auch keine Kamera. Zudem kann es — ähn­lich wie das iPhone — nur Pro­gramme und Zusatz­funk­tio­nen aus­füh­ren, die zumeist kos­ten­pflich­tig über den App-Store bezo­gen wer­den müssen.

Auch der am Mitt­woch von Steve Jobs ver­kün­dete — und von anwe­sen­den Jour­na­lis­ten offen beju­belte — Ein­stiegs­preis von 499 US-Dollar erweist sich bei nähe­rem Hin­se­hen eher als Maku­la­tur. Mit dem ver­meint­lich kos­ten­güns­ti­gen Ein­stiegs­mo­dell sind Inter­net­ver­bin­dun­gen weder ?ber W-LAN noch* nicht über das 3-G-Mobilfunknetz mög­lich. Von solch klei­nen Schwä­chen lässt sich ein ech­ter Apple-Fan wie Richard Gut­jahr aller­dings kaum beein­dru­cken: “Mein Fazit: das Gerät allein reißt es noch nicht raus …aber der Preis! 499$ — für einen Apple!”,  ließ der Jour­na­list und TV-Moderator ges­tern Abend seine “Fol­lo­wer” beim Mikroblogging-Dienst Twit­ter wis­sen. Na, wenn das so ist…

* Danke für Hin­weise an Mat­thias, Bern­hard, Alex­an­der und wei­tere blogmedien-Nutzer.

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