Allgemein Medien

Als ich rausging, habe ich mich gewundert, dass ich überhaupt noch lebe”

15. Novem­ber 2009 | In der “Spie­gel TV”-Dokumentation über das Frau­en­ge­fäng­nis Hohen­eck wer­den alle die­je­ni­gen Lügen gestraft, die auch heute noch das DDR-Unrechtsregime in irgend einer Weise glo­ri­fi­zie­ren wollen.

In den ver­gan­ge­nen 20 Jah­ren habe ich viel über die DDR gehört, gese­hen, gele­sen, mit Zeit­zeu­gen gespro­chen — und für Zei­tun­gen oder im Radio dar­über berich­tet. Kaum zuvor hatte ich beim Thema DDR-Vergangenheit aller­dings so ein beklem­men­des Gefühl, wie am Sams­tag­abend, als ich eher zufäl­lig bei “VOX” die “Spie­gel TV”-Dokumentation “Ein­ge­sperrt, um frei zu sein” sah. Die Auto­ren Susanne Gerecke und Kay Sie­ring schil­dern darin haut­nah, glaub­haft und beklem­mend die Schick­sale von Frauen, die aus poli­ti­schen Grün­den, zumeist wegen ver­such­ter Repu­blik­flucht, in dem gehei­men Gefäng­nis Hohen­eck im Erz­ge­birge gefan­gen gehal­ten, gede­mü­tigt, ent­wür­digt und auch gefol­tert wurden.

Mir ist selbst­ver­ständ­lich seit lan­gem bewusst, dass in den Stasi-Gefängnissen viel­fach unmensch­li­che Zustände herrsch­ten. Schon Ende Novem­ber 1989 hat­ten mich Mit­glie­der des “Neuen Forums” in Schwe­rin mit kurz zuvor befrei­ten Unter­su­chungs­häft­lin­gen der Stasi zusam­men­ge­bracht. Die zwei Frauen und drei Män­ner, die ich sei­ner­zeit traf, mach­ten Andeu­tun­gen über “schlimme Zustände”, die im Kel­ler des frü­he­ren Bezirks-Hauptquartiers der Stasi in der heu­ti­gen Haupt­stadt von Mecklenburg-Vorpommern herrsch­ten. Sie moch­ten damals aller­dings (noch) nicht über Ein­zel­hei­ten ihrer bis zu sechs­mo­na­ti­gen Unter­su­chungs­haft sprechen.

In den fol­gen­den Mona­ten und Jah­ren gerie­ten die Ver­bre­chen des DDR-Regimes in den Medien zuse­hends in Ver­ges­sen­heit — so mein Ein­druck, zumin­dest aus heu­ti­ger Sicht. Es gab schließ­lich ver­meint­lich wich­ti­gere The­men: die ers­ten freien Wah­len in der DDR, die Wäh­rungs­union, die deut­sche Ver­ei­ni­gung, Land­tags­wah­len in den neuen Bun­des­län­dern sowie schließ­lich die wirt­schaft­li­chen und sozia­len Fol­gen der deut­schen Einheit.

Umso wich­ti­ger und aner­ken­nens­wer­ter ist es des­we­gen, dass sich “Spie­gel TV” in der rund zwei­stün­di­gen Doku­men­ta­tion “Ein­ge­sperrt, um frei zu sein” ein­ge­hend mit men­schen­ver­ach­ten­den Metho­den des DDR-Unrechtssystems befasst. Dar­ge­stellt wird darin unter ande­rem das Schick­sal von Manuela Polasz­czyk. Sie war gerade 20 Jahre alt, als sie in das Frau­en­ge­fäng­nis Hohen­eck kam, weil sie zuvor bei ihrem Flucht­ver­such über die Ost­see gefasst wurde. In der Doku­men­ta­tion berich­tet sie von den Demü­ti­gun­gen und unmensch­li­chen Haft­be­din­gun­gen, denen sie 14 Monate lang — bis zu ihrem “Frei­kauf” durch die Bun­des­re­pu­blik — aus­ge­setzt war.

Die “Poli­ti­schen” stan­den in der “Hier­ar­chie” auf der unters­ten Stufe

Die Zel­len in Hohen­eck waren mit bis zu 21 Gefan­ge­nen belegt. In der “Hier­ar­chie” der Anstalt stan­den die “Poli­ti­schen”, zu denen auch Manuela Polasz­czyk zählte, auf der unters­ten Stufe, weit hin­ter Mör­de­rin­nen und ande­ren Gewalt­ver­bre­chern. Bru­tale Über­griffe unter den Insas­sen waren nahezu an der Tages­ord­nung. Hinzu kamen Ernied­ri­gun­gen und auch Fol­ter durch das Auf­sichts­per­so­nal. Eine “beliebte Methode” der Wär­te­rin­nen sei gewe­sen, den Gefan­ge­nen die Enden von Gum­mi­knüp­peln auf die Wan­gen zu sto­ßen — so wur­den sicht­bare Ver­let­zun­gen vermieden.

Manuela Polasz­czyk wurde nach eige­nen Anga­ben stun­den­lang unter einer kal­ten Dusche ange­ket­tet und ver­suchte dabei ver­zwei­felt wenigs­tens ihren Kopf den kal­ten Strah­len zu ent­zie­hen. Auch wei­tere Mit­ge­fan­gene berich­ten in der “Spie­gel TV”-Doku von Fol­ter­me­tho­den in Hohen­eck. Min­des­tens bis in die 1970er Jahre wur­den weib­li­che Gefan­gene selbst wegen gerin­ger Ver­stöße in eine soge­nannte Was­ser­zelle im Kel­ler­ge­wölbe des Burg-Gebäudes ein­ge­sperrt. Nach stun­den­lan­gem Ste­hen in mit Fäka­lien durch­setz­tem eis­kal­ten Was­ser erlit­ten die Frauen nach Dar­stel­lung einer Ärz­tin immer wie­der unglaub­lich schmerz­hafte Nie­ren­ko­li­ken. Neben der phy­si­scher Gewalt wur­den die Gefan­ge­nen in Hohen­eck auch psy­chi­scher Fol­ter aus­ge­setzt. Zum “Instru­men­ta­rium” des Auf­sichts­per­so­nals gehör­ten Beschimp­fun­gen, Ein­zel­haft und nicht zuletzt der Ent­zug von Brie­fen der Ange­hö­ri­gen, die ohne­hin höchs­tens ein­mal wöchent­lich und nur nach aus­führ­li­cher Kon­trolle durch die “Erzie­he­rin­nen” zuge­stellt wurden.

In der Doku­men­ta­tion kom­men auch zwei ehe­ma­lige Auf­se­he­rin­nen zu Wort, die beide bestrei­ten, den Gefan­ge­nen jemals Gewalt ange­tan zu haben und sich heute auf eine Art “Befehls­not­stand” beru­fen: “Wir haben nur die Befehle aus­ge­führt”, recht­fer­tigt eine von ihnen das strenge Regi­ment der Wär­te­rin­nen. Obwohl die Haft­an­stalt offi­zi­ell dem DDR-Innenministerium unter­stand, kamen die “Befehle” vor allem von der Staats­si­cher­heit, die auch Spit­zel in die Zel­len ein­schleuste. Als Stasi-Spitzel wurde nach der “Wende” auch der Vater von Manuela Polasz­czyk über­führt, zu dem sie eigent­lich über die Ost­see in den Wes­ten flie­hen wollte — eine beson­ders bit­tere Iro­nie des Schick­sals. Über ihre 14 Monate in Hohen­eck sagt die tap­fer wir­kende Frau heute: “Als ich dort ankam, war ich ein klei­nes, nai­ves Etwas. Als ich raus­ging, habe ich mich gewun­dert, dass ich über­haupt noch lebe. Ich war um 50 Jahre geal­tert. Geis­tig, kör­per­lich, seelisch.”

Sie straft damit alle die­je­ni­gen Lügen, die auch heute noch das DDR-Unrechtsregime in irgend einer Weise glo­ri­fi­zie­ren wollen.

Top