Medien

Die Konterrevolution im Radio

Zum 5. Jah­res­tag des Mau­er­falls pro­du­zier­ten Mit­ar­bei­ter des Pri­vat­sen­ders “Antenne MV” im Novem­ber 1994 ein doku­men­ta­ri­sches Hör­spiel. “Antenne R.S.N.” kann sich auch heute noch hören lassen.

6. Novem­ber 2009. Es gibt Dinge im Berufs­le­ben, auf die man mit eini­gem Stolz gern zurück­blickt. Für mich zählt dazu das Pro­jekt “Antenne R.S.N.”. Unter die­sem Titel sen­de­ten wir am 9. Novem­ber 1994 bei “Antenne MV”* ein doku­men­ta­ri­sches Hör­spiel, dass sich bis heute von den übli­chen Gedenk­sen­dun­gen und –bei­trä­gen des Medi­en­main­streams zur Erin­ne­rung an den “Mau­er­fall” unter­schei­det. Mög­lich wurde die auf­wen­dige Pro­duk­tion unter ande­rem des­we­gen, weil sei­ner­zeit rund 30 fest­an­ge­stellte Mode­ra­to­ren, Nach­rich­ten­re­dak­teure und Kor­re­spon­den­ten direkt für das Pro­gramm arbei­te­ten — der Sen­der trotz­dem höchst pro­fi­ta­bel war.

Ich erin­nere mich gern an die Tage, bevor “Antenne R.S.N.” am 9. Novem­ber 1994 zwi­schen 19.00 und 24.00 Uhr für fünf Stun­den auf Sen­dung ging. Aus Zei­tungs­ar­chi­ven, in Gesprä­chen mit Zeit­zeu­gen und aus Erin­ne­run­gen unse­rer Mit­ar­bei­ter, deren Eltern und Bekann­ten, wur­den Daten und Fak­ten, Stim­men und Stim­mun­gen zur “Rekon­struk­tion” des 9. Novem­ber 1989 zusam­men­ge­tra­gen. Ziel war es, den Abend des “Mau­er­falls” noch ein­mal quasi in Echt­zeit in einem regio­na­len DDR-Radiosender ablau­fen zu lassen.

Antenne R.S.N. — Teil 1 (19.00–21.00 Uhr), Länge 29:25 Minuten

Antenne R.S.N. — Teil 2 (21.00–24.00 Uhr), Länge 28:50 Minuten

Antenne R.S.N.” ist ein fik­ti­ver Hör­funk­sen­der für die drei DDR-Bezirke ®ostock, (S)chwerin und (N)eubrandenburg. Am 9. Novem­ber 1989 beginnt das Abend­pro­gramm um 19.00 Uhr mit dem damals übli­chen Zeit­zei­chen und den Nach­rich­ten, wun­der­voll “DDR-like” gespro­chen von dem Schau­spie­ler Tho­mas Zie­ler. Die Mel­dun­gen wur­den nach Ori­gi­nal­un­ter­la­gen der Nach­rich­ten­agen­tur ADN zusammengestellt.

Ab 19.05 Uhr lädt Mode­ra­to­rin Diana Urbank die Hörer zum “Treff­punkt Plat­ten­stu­dio” ein. In die­ser wöchent­li­chen Musik­sen­dung gibt’s auch Ver­an­stal­tungs­hin­weise für das bevor­ste­hende Wochen­ende und eine Hörer-Hitparade, bei der drei Wim­pel des Sen­ders als Preise ver­lost wer­den. Außer­dem ist ein Bericht über die bevor­ste­hende “BRD-Tournee” der Rock­gruppe PUHDYS zu hören. Pro­mi­nen­ter Gast im Stu­dio ist dazu der dama­lige Bas­sist der Gruppe, Harry Jeske. Aus aktu­el­lem Anlass wird bereits w?hrend die­ser Musik­sen­dung zur inter­na­tio­na­len Pres­se­kon­fe­renz mit dem Polit­bü­ro­mit­glied Gün­ter Scha­bow­ski nach Ber­lin umgeschaltet.

Mit des­sen Äuße­run­gen über die “neuen Rei­se­re­ge­lun­gen” sind die Antenne R.S.N — Redak­teure zunächst über­for­dert. Das anschlie­ßende “Maga­zin am Abend” ab 20.05 Uhr mode­rierte Peter Kranz  so über­zeu­gend echt, dass ver­wirrte Hörer anrie­fen, weil sie unter ande­rem eine “Kon­ter­re­vo­lu­tion im Radio” befürch­te­ten. Im Mit­tel­punkt der Sen­dung stan­den zunächst längst geplante The­men wie die “Beschlüsse der 10. ZK-Tagung”, der “Stand der Zucker­rü­ben­ernte” oder die “Demons­tra­tion auf­rech­ter Kom­mu­nis­ten in Rostock”.

Erst im Laufe des Abends erken­nen die Redak­teure des Sen­ders, dass Scha­bow­skis Äuße­run­gen von weit­rei­chen­der Bedeu­tung sind. Des­halb ent­schließt sich die Pro­gramm­lei­tung gegen 21.30 Uhr, das Maga­zin außer­plan­mä­ßig um zwei Stun­den zu ver­län­gern. Es fol­gen Repor­ta­gen aus Ber­lin und vom Grenz­über­gang Selmsdorf/Schlutup bei Lübeck, wo die ers­ten DDR-Bürger an die­sem Abend ohne Kon­trolle in den Wes­ten kamen — und nicht etwa in Ber­lin, was kaum bekannt ist.

In den hier ver­öf­fent­lich­ten Zusam­men­schnit­ten sind nahezu alle Wort­teile der Radi­o­do­ku­men­ta­tion zu hören. Gekürzt oder ganz weg­ge­las­sen wur­den die Nach­rich­ten um 20.00, 21.00, 22.00 und 23.00 Uhr sowie aus urhe­ber­recht­li­chen Grün­den einige Bei­träge und Repor­ta­gen. Die Form des “doku­men­ta­ri­schen Hör­spiels” wurde sei­ner­zeit des­we­gen gewählt, weil wir den Tag, der das Leben von Mil­lio­nen Men­schen ver­än­dern sollte, noch ein­mal haut­nah Revue pas­sie­ren las­sen woll­ten. Die vie­len Reak­tio­nen von “Antenne MV”-Hörern vor 15 Jah­ren und anschlie­ßende Hör­funk­preise haben gezeigt, dass die­ses Vor­ha­ben offen­sicht­lich gelun­gen ist.

Offen­le­gung: Von 1993 (Sen­de­start am 31. Mai) bis Ende 1998 war ich Geschäfts­füh­rer und Pro­gramm­di­rek­tor von “Antenne MV”, dem ers­ten Pri­vat­sen­der in Mecklenburg-Vorpommern.

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