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Der “5er-Jäger” mit dem “Zufallswürfel”

Wie sich drei mit­tel­deut­sche Pri­vat­sen­der ihre Gewin­ner tei­len und gestan­dene Radio­ma­cher sich selbst dabei “zum Affen” machen.

12. Okto­ber 2009. Der ver­gan­gene Don­ners­tag war ein guter Tag für Iris aus Pegau im Land­kreis Leip­zig. Die 44-jährige hatte einen Fünf-Euro-Schein mit den rich­ti­gen drei End­zif­fern und gewann damit an die­sem Vor­mit­tag bei der Radio­ak­tion “250.000 für Fünf” gleich drei Mal 10.000 Euro. Zumin­dest ver­mit­teln Texte und Bil­der auf den Inter­net­sei­ten der drei mit­tel­deut­schen Pri­vat­sen­der “Radio PSR” (Sach­sen), “Radio SAW” (Sachsen-Anhalt) und “Lan­des­welle Thü­rin­gen” die­sen Eindruck.

Unter­schied­li­che Glücks­bo­ten über­rei­chen der immer strah­len­den Iris ihren Gewinn in Geld­kof­fern, die mit den jewei­li­gen Sen­der­lo­gos gekenn­zeich­net sind. Für “Radio SAW” rückte Mor­gen­mo­de­ra­tor Vol­ker Haidt aus Mag­de­burg eigens in Pegau an und für “PSR” spielte Pro­gramm­chef Jan-Henrik Schmel­ter höchst per­sön­lich den Glücks­bo­ten. Beide Gewinn­über­ga­ben wur­den sogar gefilmt und auf den Web­por­ta­len der Sen­der sowie über “YouTube” zur Schau gestellt. Weil sich die “Lan­des­welle Thü­rin­gen” mit einem “Gewinn­er­foto” im eige­nen Inter­net­auf­tritt begnügte, musste sich kei­ner der Erfur­ter Radio­leute so “zum Affen” machen, wie die gestan­de­nen Kol­le­gen aus Leip­zig und Magdeburg.

Dies­mal geht’s “nur” um 250.000 Euro

Wer mag sich bei der Aktion wohl blö­der vor­ge­kom­men sein? Iris, die die 10.000 Euro gleich drei­mal über­reicht bekam oder alt­ge­diente Radio­ma­cher, die Schlange stan­den, um für ein YouTube-Filmchen mit der Gewin­ne­rin zu posie­ren? Die schlechte Nach­richt für Iris ist näm­lich, dass sie nur ein­mal ihren Gewinn in Höhe von 10.000 Euro behal­ten darf. Die drei Sen­der müs­sen offen­bar spa­ren und tei­len sich ihre Gewin­ner bei der lau­fen­den Aktion.

Vor zwei­ein­halb Jah­ren hatte “Radio PSR” für “Sach­sen sucht den Super­schein” allein noch eine Mil­lion Euro als Haupt­ge­winn aus­ge­lobt und tat­säch­lich auch aus­ge­schüt­tet. Dies­mal geht’s “nur” um 250.000 Euro im “größ­ten Gewinn­spiel Mit­tel­deutsch­lands”. Dage­gen wäre auch nichts ein­zu­wen­den, wenn die Radio­ma­cher ihre Hörer offen dar­über infor­mie­ren wür­den, dass die Gewinne gleich­zei­tig in drei Pro­gram­men aus­ge­spielt werden.

Doch das ist nicht der Fall, wie neben den irre­füh­ren­den Dar­stel­lun­gen auf den Web­sei­ten der drei Sen­der auch Pro­gramm­mit­schnitte vom ver­gan­ge­nen Frei­tag (9. Okto­ber 2009, 06.00 — 11.30 Uhr) zei­gen. Die Mode­ra­to­ren ver­mit­teln stets den Ein­druck, dass nur die Hörer ihres jewei­li­gen Sen­ders die Chance auf den Gewinn hät­ten. So kün­digte Mor­gen­mann Vol­ker Haidt am Frei­tag gegen 6.45 Uhr bei “Radio SAW” an: “Gleich wird die Sonne wie­der schei­nen für einen Gewin­ner im SAW-Land.” Zu die­sem Zeit­punkt freute sich bereits bei “Lan­des­welle Thü­rin­gen” Sieg­linde aus Dres­den — fernab von Sachsen-Anhalt und Thrüin­gen — über ihren Gewinn in Höhe von 1.000 Euro. Einige Minu­ten spä­ter jubelte die Dresd­ne­rin dann auch in den Mor­gen­sen­dun­gen von “Radio SAW” und “Radio PSR”.

Trans­pa­renz sieht anders aus

Mit der von den Lan­des­me­di­en­an­stal­ten gefor­der­ten “Trans­pa­renz” hat das alles wenig gemein. In der im Früh­jahr die­ses Jah­res in Kraft getre­te­nen Gewinn­spiel­sat­zung heißt es unter ande­rem, dass “Aus­sa­gen jeg­li­cher Art, die falsch, zur Irre­füh­rung geeig­net oder wider­sprüch­lich sind” unzu­läs­sig seien. In Mit­tel­deutsch­land gau­keln aller­dings seit einer Woche drei Sen­der ihren jewei­li­gen Hörern ver­meint­lich exklu­sive Gewinn­chan­cen bis zu 250.000 Euro vor und wer­den dabei von “Bild” auch noch kräf­tig unterstützt.

Der Start des “gro­ßen Gewinn­spiels von Bild und Radio PSR” wurde am ver­gan­ge­nen Mon­tag sogar auf den Titel­sei­ten der säch­si­schen Regio­nal­aus­ga­ben des Bou­le­vard­blatts ange­kün­digt. In gro­ßer Auf­ma­chung wirbt “Bild” dann auf Seite 3 für die Teil­nahme an der Aktion und druckt auch gleich die gesuch­ten Geld­schein­num­mern des ers­ten Spiel­tags ab. Dass auch in Sachsen-Anhalt und Thü­rin­gen die­sel­ben Seri­en­num­mern gesucht wer­den, wird indes nicht ver­ra­ten. Das kön­nen “Bild”-Leser und Radio­hö­rer nur mit viel Spitz­fin­dig­keit her­aus­fin­den, wenn sie bis zu den eher ver­steckt plat­zier­ten Teil­nah­me­be­din­gun­gen auf den Web­sei­ten der betei­lig­ten Sen­der vorstoßen.

Drei Sen­der, drei Hot­lines, ein Gewinner

In sper­ri­gem Advo­ka­ten­deutsch ist dort unter ande­rem nach­zu­le­sen, dass für die drei Sen­der unter­schied­li­che kos­ten­pflich­tige Hot­lines für die ver­meint­li­chen Glücks­pilze geschal­tet sind. Wer tat­säch­lich durch­kommt — und das ist eher sel­ten der Fall, hat sei­nen Gewinn aller­dings noch längst nicht in der Tasche.

Laut Teil­nah­me­be­din­gun­gen lan­den die Anru­fer zunächst bei einem “Mit­ar­bei­ter in der Gewinn­spiel­zen­trale”, der Namen, Wohn­orte und die Geld­schein­num­mern notiert. Sechs Anru­fer wer­den dann in eine War­te­schleife im Sen­de­stu­dio gelegt, aus denen der “Gewinn­spiel­mo­de­ra­tor”, auch “5er-Jäger” genannt, schließ­lich “per Zufalls­wür­fel” den Mit­spie­ler für die jewei­lige Runde auswählt.

Bis­lang hat der “Zufalls­wür­fel” wohl ganz ordent­lich gear­bei­tet. In der ers­ten Spiel­wo­che kamen bis Sams­tag­nach­mit­tag laut Auf­stel­lung auf der “Radio PSR-Website” jeweils 24 Gewin­ner aus Sach­sen und Sachsen-Anhalt sowie 18 aus Thü­rin­gen sowie drei aus ande­ren Bun­des­län­dern. An den ers­ten sechs Spiel­ta­gen wur­den immer­hin 49.000 Euro ausgeschüttet.

Auch “Bild” scheint mit der Geld­schein­su­che zu profitieren

Den­noch dürfte sich die Aktion für die drei Sen­der rech­nen. Schließ­lich kos­tet jeder Anruf auf einer der Hot­lines 50 Cent. Selbst wer außer­halb der Spiel­zei­ten — bei­spiels­weise am spä­ten Sams­tag­abend — eine der Num­mern wählt und bei einem auto­ma­ti­schen Anruf­be­ant­wor­ter lan­det, muss für den “Anruf­ver­such” zahlen.

Macht nichts — die Aktion scheint blen­dend anzu­kom­men. Am ver­gan­ge­nen Diens­tag­mor­gen, also zu Beginn des zwei­ten Spiel­tags, waren in einer gro­ßen Tank­stelle im säch­si­schen Mitt­weida keine “Fün­fer” mehr als Wech­sel­geld zu bekom­men. Und auch “Bild” scheint von der Aktion zu pro­fi­tie­ren. Weil in den mit­tel­deut­schen Regio­nal­aus­ga­ben täg­lich die Gewinn­num­mern abge­druckt wer­den, war das Blatt schon am frü­hen Mor­gen ver­grif­fen — zumin­dest an die­ser “Tanke”. Auch im Zei­tungs­la­den auf der Haupt­ein­kaufs­straße der Klein­stadt bedau­erte die Inha­be­rin am nächs­ten Vor­mit­tag: “Die ‘Bild’ ist schon weg — die Leute wol­len alle die Schein­num­mern von ‘PSR’ wissen.”

Ange­heizt wird die Tele­fo­ni­tis in Mit­tel­deutsch­land zudem durch die Aus­lo­bung von Zusatz­ge­win­nen. Wer die letz­ten drei Zif­fern auf sei­nen gesam­mel­ten “Fün­fern” vor­fin­det, könnte — so wie Iris aus Pegau — 10.000 Euro gewin­nen. Für die bei­den letz­ten Zif­fern gibt’s 1.000 und für die End­zif­fer allein immer­hin noch 500 Euro. Aber nur, wenn Hot­line, Mit­ar­bei­ter in der Gewinn­spiel­zen­trale und “Zufalls­wür­fel” auch “mitspielen”.

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