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Kiwi”, die Quote und das ZDF

3. Januar 2009 | Auf wun­der­same Weise haben die Main­zel­män­ner wie­der Ver­trauen zu Andrea Kie­wel gefasst und damit gleich­zei­tig das Ver­trauen der Gebüh­ren­zah­ler in das öffentlich-rechtliche Sys­tem — erneut — aufs Spiel gesetzt. Anmer­kun­gen zur “Begna­di­gung” einer Schleichwerberin.

Eine Sen­sa­tion war es nun wirk­lich nicht, als die Süd­deut­sche Zei­tung zum Jah­res­be­ginn ver­brei­tete, dass Andrea Kie­wel ab Mai wie­der im ZDF den “Fern­seh­gar­ten” mode­rie­ren darf. Fast zwei Jahre nach ihrem full­mi­nan­ten Ein­satz für die “Weight Wat­chers” bei “Ker­ner” und gut ein Jahr nach dem Raus­schmiss beim ZDF und MDR, wurde die ehe­mals über­ge­wich­tige Fern­seh­frau per Inter­view von ZDF-Programmdirektor Tho­mas Bel­lut öffent­lich begna­digt: “Wenn einer ein­sich­tig ist, sollte man ihm eine zweite Chance geben.” In der Main­zer Chef­etage man­gelt es indes bis heute an Einsicht.

Die Main­zel­män­ner hat­ten “Kiwis Come­back” längst ein­ge­fä­delt. Im ver­gan­ge­nen Okto­ber durfte Kie­wel bereits wie­der in einer gro­ßen Fern­seh­show auf­tre­ten. Maka­be­rer geht es kaum: Die erprobte Schleich­wer­be­rin in Sachen Abspe­cken als “Pro­mi­nente” im Ein­satz für die Welt­hun­ger­hilfe. Die Gründe für die ver­meint­li­che “Reso­zia­li­sie­rung” (Spie­gel Online) lagen schon damals klar auf der Hand: Beim “ZDF-Fernsehgarten”, einer sonn­täg­li­chen Schun­kel­or­gie für die betagte Ziel­gruppe der Main­zel­män­ner, gin­gen unter Kiewel-Nachfolger Ernst-Marcus Tho­mas die Ein­schalt­quo­ten steil nach unten. Zu recht geht Ste­fan Nig­ge­meier in sei­nem Bei­trag für das FAZ-Fernsehblog davon aus, dass für Bel­lut und Co. “nicht irgend­wel­che ethi­schen Fra­gen” ent­schei­dend waren, son­dern aus­schließ­lich die Quote: “Wenn es diese Not nicht gege­ben hätte, hät­ten die Ver­ant­wort­li­chen beim ZDF genau so über­zeu­gend erklärt, dass man Frau Kie­wel kei­nes­wegs schon wie­der trauen könne.”

Schleich­wer­bung wurde 11 Monate lang ein­fach ignoriert

Soweit — so schlecht. Beim ZDF hatte man ohne­hin kein Inter­esse, den Schleich­wer­beskan­dal ordent­lich auf­zu­ar­bei­ten und die nöti­gen Kon­se­quen­zen zu zie­hen. Fra­gen blie­ben bis heute unbeantwortet:

  1. Warum haben die Redak­teure der von Ker­ners Firma pro­du­zier­ten Talk­show nicht über­prüft, ob Andrea Kie­wel in geschäft­li­chen Ver­bin­dun­gen zu den “Weight Wat­chers”? stand? Eine ein­fa­che Internet-Recherche hätte die Ein­sätze der Fern­seh­frau für den Abspeck­kon­zern zu Tage gebracht.
  2. Warum hat der ZDF-Redakteur, der für die Abnahme der vor­pro­du­zier­ten Sen­dung ver­ant­wort­lich war, nicht auf die offen­kun­di­gen Schleich­wer­be­reien rea­giert und die Aus­strah­lung am 23. Januar 2007 ver­hin­dert? Ein Dut­zend mal wurde “Weight Wat­chers” von Andrea Kie­wel lobend erwähnt, Kon­kur­renz­pro­dukte wie die “Bri­gitte Diät” und Karl Lager­felds “3-D-Diät” dage­gen ver­bal nie­der­ge­macht. O-Ton Kie­wel: “Soll ich aus­se­hen, wie Karl Lager­feld? Danke, nein.”
  3. Warum dau­erte es 11 Monate, bevor die ZDF-Verantwortlichen auf die offen­kun­dige Schleich­wer­bung rea­gier­ten? Nach der Ver­öf­fent­li­chung bei blog­me­di­enTV sagte ZDF-Sprecher Peter Bogen­schütz gegen­über dem Medi­en­ma­ga­zin DWDL ledig­lich: “Glück­lich war das ZDF mit der Sen­dung nicht.”

Kon­se­quen­zen gab es zu die­sem Zeit­punkt aller­dings keine. Weder für Kie­wel, noch für die Ver­ant­wort­li­chen, die die Aus­strah­lung der offen­kun­di­gen Schleich­wer­bung über­haupt erst ermög­licht hat­ten. Wie schon frü­her — zum Bei­spiel im Fall von Tho­mas Gott­schalks Ein­satz auf “Haribo-Island” — ver­such­ten die Main­zel­män­ner zunächst die Sache unter den Tisch zu kehren.

Erst im Dezem­ber 2007, als eini­gen Redak­tio­nen der offen­kun­dige Schleich­wer­be­ver­trag zwi­schen den “Weight Wat­chers” und Andrea Kie­wel zuge­spielt wurde, rea­gierte die Main­zer Chef­etage unter dem media­len Druck und trennte sich von der Mode­ra­to­rin. ZDF-Intendant Mar­kus Schäch­ter ließ damals per Pres­se­mit­tei­lung ver­lau­ten, dass die “Ver­trau­ens­ba­sis zwi­schen uns zer­stört” sei. Mag sein, dass die Main­zel­män­ner nicht zuletzt wegen des Quo­ten­drucks erneut Ver­trauen zu Andrea Kie­wel gefasst haben. Das Ver­trauen der Gebüh­ren­zah­ler in das öffentlich-rechtliche Sys­tem haben die ZDF-Verantwortlichen mit ihrer Ent­schei­dung aller­dings nach­hal­tig aufs Spiel gesetzt. Mal wieder.

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