Das ist gar nicht mal so “kacke”

Beobachtungen bei Twitters Aufstieg in Deutschland während der Fußball-Weltmeisterschaft in Brasilien

Das waren noch Zeiten, als Fußball-Fans zu Hause vor dem Fernseher Salzstangen knabbernd und Bier trinkend die Spiele deutscher Nationalmannschaften bei der WM verfolgten. Heutzutage werden Jogis Jungs vorzugsweise beim so genannten Public Viewing, in einem Vereinsheim oder in der Stammkneipe anfeuert. So drängten sich beim Viertelfinalsieg der Deutschen gegen Frankreich über Einhundertausend Menschen bei glühender Hitze auf der Berliner Fanmeile zwischen Brandenburger Tor und “Goldener Else” – das sind mehr Zuschauer als ein Fußballstadion aufnehmen kann.

Wer dennoch zuhause die Live-Übertragungen aus Brasilien sieht, kann sich zumindest via Social Media mit anderen Fans über Müllers Tore und Neuers Paraden freuen oder über Béla Réthys Kommentare lästern. Der “Second Screen” ist spätestens seit Beginn dieser WM auch bei Fußball-Fans angekommen. Davon profitiert vor allem der Microbloggingdienst Twitter, der in Deutschland bislang gegenüber Facebook nur ein Schattendasein führt. Nach einer von “Statista” veröffentlichten Analyse wurden für Twitter im Januar dieses Jahres gerade mal 3,6 Mio. Unique Visitors ermittelt und damit nur ein Zehntel der Nutzer von Facebook hierzulande (34 Mio.). Jetzt kann auch Twitter Rekorde vermelden: Am Dienstag sollen 35,6 Millionen Tweets zum “historischen” 7:1 Sieg der Deutschen über Brasilien weltweit abgesetzt worden sein, berichtet Welt Online. Zudem habe sich die Twitter-Nutzung in Deutschland seit Beginn der WM verdreifacht.

“The Chancellor and me after the victory…..”

Befördert wird Twitters Aufstieg auch von deutschen Fußballstars wie Lukas Podolski, der inzwischen immerhin 1,7 Millionen Follower hat und mit insgesamt knapp 2.800 abgesetzten Tweets der eifrigste Nutzer in Jogi Löws Team ist. Sein am 16. Juni nach dem 4:0 Auftaktsieg gegen Portugal über den Microbloggingdienst verbreitetes Selfie mit Bundeskanzlerin Angela Merkel zählt sicherlich zu den originellsten Motiven, die am Rande der Spiele in Brasilien entstanden. Der Tweet “The Chancellor and me after the victory…..” schaffte es sogar in die Nachrichtensendungen von ARD, ZDF und RTL. Auch Mannschaftskollege und Superstar Manuel Neuer, der bei Facebook schon weit mehr als 4,6 Millionen Fans hat, nutzt zunehmend Twitter, wo ihm inzwischen über 1,4 Millionen Anhänger folgen. Die Fans der Fußballstars folgen ihren Idolen längst auch in die Sozialen Medien.

“Das ist so kacke”

Bei Twitter werden durchaus nicht nur von Neuer, Podolski und Co. vermeintliche Internas preisgegeben. Wer wissen will, was beispielsweise Jogi Löw am Spielfeldrand tuschelt, wenn das Spiel der Deutschen mal nicht so richtig läuft, der erhält Aufklärung von Julia Probst. So verriet die gehörlose Bloggerin unter “Ein Augenschmaus”, dass dem Bundestrainer beim lahmen 1:0 Vorrunden-Sieg gegen die USA “Das ist so kacke” entfuhr. Die 32-Jährige kann von den Lippen ablesen und gibt ihre Erkenntnisse während der WM-Spiele der deutschen Mannschaft regelmäßig an ihre inzwischen über 32.000 Follower bei Twitter weiter. Mit ihrem Einsatz bei den WM-Spielen kann sie auch auf das eigentliche Ziel ihrer Social-Media-Aktivitäten aufmerksam machen. Julia Probst setzt sich vor allem für Barrierefreiheit in den Medien, aber auch in der Gesellschaft allgemein ein. Mehr dazu ist in einem beeindruckenden Interview nachzulesen, das Marcel Fröbe vor zwei Jahren mit der Aktivistin für medienMITTWEIDA führte – übrigens per Twitter.

Zwei Tage vor dem Endspiel der Fußballweltmeisterschaft – und dem allseits fest erwarteten Sieg der Deutschen – hoffe ich mal, dass Julia Probst am Sonntagabend nicht erneut negative Tuscheleien von Jogi Löws Lippen ablesen muss. Das wäre ja nun wirklich “kacke”.

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Noch ein olympisches Milliardengrab

Rund drei Milliarden Fernsehzuschauer haben am vergangenen Freitag weltweit angeblich die Eröffnung der Olympischen Winterspiele in Sotschi verfolgt – das behaupten zumindest Spiegel Online, Welt.de und Co. “Nachgezählt” hat das offenbar niemand….

“40.000 Zuschauer im Fischt-Stadion in Sotschi und rund 3 Milliarden Fernsehzuschauer weltweit verfolgten das zweieinhalbstündige Spektakel”, berichtete am Freitagabend die Deutsche Welle auf ihrer Website zur Eröffnung der Olympischen Winterspiele in Sotschi. Spiegel Online wusste am selben Abend, dass “rund drei Milliarden vor den Fernsehern weltweit die Panne des Abends” verfolgten: “Aus einem Sternenbild hätten sich die fünf Olympischen Ringe entfalten sollen, doch einer der Sterne versagte seinen Dienst.” Dabei waren in den drei Milliarden nicht einmal die russischen Fernsehzuschauer enthalten, wie Welt.de klarzustellen glaubte: “Im Gegensatz zu den 40.000 Menschen im Fischt-Stadion und den drei Milliarden an den Bildschirmen weltweit, sahen die Fernsehzuschauer des flächengrößten Landes der Erde nicht, wie eine stilisierte Schneeflocke geschlossen blieb.” Das russische Staatsfernsehen hatte doch glatt “ein Bild von den Proben hineinmontiert”. Weiterlesen →

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So viel “Bild” muss nun wirklich nicht sein

Springer hat in dieser Woche für alle digitalen Angebote seines Boulevardblatts eine Bezahlschranke aufgebaut. Ich halte “BILDplus” für einen gewagten “Paradigmenwechsel”.

Die Hochwasserkatastrophe ist seit knapp zwei Wochen ein Top-Thema in der gedruckten „Bild“ und ihren digitalen Ablegern. Zum Nulltarif sind die Berichte aus den überfluteten Regionen seit Dienstag dieser Woche allerdings nur noch begrenzt zu haben. Springer hat die seit längerer Zeit angekündigte Bezahlschranke aufgebaut. Weiterlesen →

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Endlich was Eigenes!

Persönliche Erinnerungen an den Sendestart von Antenne MV vor 20 Jahren.

“Hier ist Antenne MV – der erste landesweite Privatsender in Mecklenburg-Vorpommern. Ab jetzt senden wir täglich 24 Stunden lang. Mein Name ist Peter Kranz. Ich wünsche Ihnen einen schönen Pfingstmontag – und vor allem guten Empfang.” Weiterlesen →

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Rider on the Storm

Warum der Doors-Keyboarder Ray Manzarek ausgerechnet in der oberbayerischen Provinz verstarb. Dank engagierter Lokaljournalisten wissen wir’s.

„Am Strand von Venice Beach in Kalifornien hatte Ray Manzarek im Sommer 1965 zusammen mit Jim Morrison die Band The Doors gegründet. Nun starb der Keyboarder der legendären Rockgruppe in einem Krankenhaus in Rosenheim an Gallengangkrebs.“ Weiterlesen →

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CNN: Shame on you

Eine offensichtlich „gefakte“ Satellitenschaltung hat mein bislang (zu) großes Vertrauen in den Nachrichtensender CNN nachhaltig beeinträchtigt.

„So langsam schäme ich mich, für diesen Sender einst gearbeitet zu haben.“ Das ist die Reaktion von Richard Gutjahr bei Twitter auf die Information, dass der Nachrichtensender CNN am Dienstag offensichtlich eine so genannte „Satellitenschalte“ vorgetäuscht hat. Dabei bezieht sich der renommierte deutsche Blogger auf Recherchen, die der amerikanische Informationsdienst Atlantic Wire am 7. Mai öffentlich gemacht hatte. Weiterlesen →

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„Sie sind Moslems“

Die Suche nach den Motiven der Bostoner Attentäter führte bei ZEIT ONLINE zu einer schlimmen journalistischen Entgleisung.

Was war bloß los am vergangenen Samstagabend in der Redaktion von ZEIT ONLINE?  Um 19.57 Uhr erschien in dem Webportal ein Beitrag mit der Hauptzeile „Rätseln über die Motive der Boston-Attentäter“. Am Abend nach der Festnahme des 19jährigen Dschochar Zarnajew befasste sich Autor Ragnar Vogt mit den möglichen Hintergründen der furchtbaren Anschläge während des Boston Marathons. Weiterlesen →

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Untergetaucht in Watertown

Wo waren ARD- und ZDF-Korrespondenten als in der Nacht zum Samstag der zweite Bostoner Terrorverdächtige festgenommen wurde?

Die erste Meldung über die Festnahme des zweiten Terrorverdächtigen wurde am Freitagabend um 20.58 Uhr amerikanischer Ostküstenzeit vom Boston Police Department über den Kurznachrichtendienst Twitter verbreitet. Schon wenige Minuten später berichteten Reporter der US-Nachrichtenkanäle CNN und Fox News live aus dem Bostoner Vorort Watertown, wo der 19jährige Dschochar Zarnajew nach einem Schusswechsel mit der Polizei im Garten eines Hauses festgenommen worden war. Gemeinsam mit seinem sieben Jahre älteren Bruder Tamerlan, der am Donnerstagabend (Ortszeit) bei einer Verfolgungsjagd mit der Polizei getötet wurde, soll der aus Tschetschenien stammende Student für die verheerenden Bombenanschläge beim Boston Marathon am Montag verantwortlich sein. Weiterlesen →

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Couragierte NDR-Journalisten…

…stellen den eigenen Programmdirektor öffentlich an den Pranger.

Ich wüsste nicht wie ich reagieren sollte, wenn Studenten der Fakultät Medien an der Hochschule Mittweida in einem Beitrag auf dem von mir verantworteten Webportal  medienMITTWEIDA vermeintliche Untaten aus meiner beruflichen Vergangenheit veröffentlichen würden. Ich weiß auch nicht wie Frank Beckmann reagiert hat, als er sich am späten Mittwochabend im NDR-Medienmagazin „ZAPP“ den Beitrag „Feiern über Gebühr – Ermittlungen zu KiKA-Fest“ ansehen musste. Zumindest konnte (oder wollte?) der TV-Manager die Ausstrahlung des Berichts in eigener Sache nicht verhindern. Weiterlesen →

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Der Dumme ist – fast immer – der Abgemahnte

Unbequeme Blogger unter Hausarrest zu stellen so wie in China, ist in Deutschland gesetzlich nicht möglich. Hierzulande gibt es subtilere Methoden: Wer sich kritisch im Internet äußert, muss damit rechnen, wirtschaftlich ruiniert zu werden.

Dank unklarer Gesetze haben Juristen in den vergangenen Jahren eines der wenigen funktionierenden Geschäftsmodelle der Onlinemedien entwickelt: Abmahnungen, zumeist wegen tatsächlicher oder möglicher Urheberrechtsverletzungen. Der Dumme ist fast immer der Abgemahnte, weil er aufgrund der bedrohlich wirkenden Anwaltsschreiben entweder die – vielfach völlig überhöhten – Abmahnkosten zahlt oder selbst einen Anwalt einschaltet, der für seine „Bemühungen“ selbstverständlich seinerseits ein Honorar fordert. Auf diesen Kosten bleibt der Abgemahnte fast immer „sitzen“, selbst wenn sich die Forderung der Gegenseite als völlig ungerechtfertigt erweist. Weiterlesen →

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